FANDOM


Hallo alter Freund. Hab keine Angst. Ich werde dir nichts tun. Du kennst mich nicht, aber ich dich. Ich bin nur eine Stimme. Eine einzelne Note im Orchester des Lebens. Du hast mich gerufen. Du wolltest Antworten. Wolltest wissen warum. Wolltest wissen, wer hinter all dem steckt. Du glaubst ich bin Gott. Vergleiche mich nicht mit ihm, das grenzt an eine Beleidigung. Ich bin viel mehr. Ich bin Gefühle. Das Gefühl, als du das Licht der Welt erblicktest. Du kannst dich nicht daran erinnern, aber das ist nicht schlimm. Das Gefühl, an deinem ersten Schultag. Die Aufregung und doch gespannte Erwartung auf etwas Neues. Das Gefühl, wenn dich zum ersten Mal jemand ärgert. Das Gefühl, wenn dein bester Freund eine Zeit lang nichts von dir wissen will. Die Erleichterung, wenn er eine Woche später freudestrahlend auf dich zukommt. Das Gefühl, wenn du nach Hause kommst und deine Mutter und dein Vater bereits auf dich warten, um dir etwas Wichtiges zu erzählen. Du bekommst eine kleine Schwester. Du freust dich. Das Gefühl, wenn du zum ersten Mal mit dir selbst spielst. Die Scham die du verspürst, als dich deine Mutter dabei erwischt. Die Trauer, als dein geliebter Hund stirbt. Und die tröstenden Arme deiner Grossmutter. Das Gefühl, als du dieses Mädchen kennen lernst. Sie verdreht dir den Kopf. Du bist blind vor Liebe. Der erste Kuss. Ihr Mund auf deinen Lippen. Das Gefühl, als sie wegzieht. Dein Herz scheint zu zerbrechen. Doch dieses Gefühl wird bald von einem anderen abgelöst. Stress. Du kommst in der Schule nicht mehr mit. Du hast Angst zu versagen. Es ist das Gefühl der Nutzlosigkeit, welches dich leer zurücklässt.

Der Hass auf den Lehrer, der dich durchfallen lässt. Wegen ihm musst du deinen Abschluss wiederholen. Du würdest ihn umbringen. Doch das tust du nicht, die Angst vor den Konsequenzen bremst dich. Du hättest es ohnehin nicht getan. Dafür sorge ich. Schliesslich schaffst du deinen Abschluss. Du denkst du hättest es geschafft. Du willst das feiern. Mit einem Ausbruch der Gefühle. Du rufst deine Kumpels an, ihr geht das erste Mal in einen Club. Die Unsicherheit, vor dem was passieren könnte lässt dich stumm werden. Aber du magst dieses Gefühl nicht. Du genehmigst dir ein paar Cocktails um dir das Gefühl des Mutes einbilden zu können. Du siehst dieses Mädchen an der Bar. Hitze breitet sich in dir aus. Du sprichst sie an. Das Gefühl der Lust, als du zum ersten Mal den Körper des anderen Geschlechts erkundest, auch das bin ich.

Ich bin aber auch die Angst, die dich packt, als du eines Nachts in einem Hinterhof aufwachst. Du blickst dich dauernd um. Beklommenheit macht sich in dir breit. Das Gefühl der Panik, als du die Schritte hinter dir hörst, ist unglaublich intensiv, aber nichts gegen die nackte Angst, die dich bereits lange im Griff hat, und nun zudrückt. Du rennst. Rennst vor den Schatten weg. Fragst dich, warum dir das passiert. Du hättest es nicht verdient. Jeder andere, aber nicht du. Dabei sind auch die Schatten meine Schöpfung. Ebenso wie deine Frau. Der Moment vollkommener Glückseligkeit, als dein Kind als erstes Wort deinen Namen nennt. Die Vatergefühle, die aufkommen, als du mit deinem Sohn alleine Campen gehst. Das Lächeln, welches das Gesicht deines Kindes ziert, wenn du es von der Schule abholst erfüllt dich mit unglaublicher Wärme. Der viele Papierkram nervt dich, Tag für Tag. Du verfällst in die Routine. Kurz wird sie unterbrochen, als dein Sohn mit einem Zeugnis aus der Schule kommt, welches das der meisten Kinder in den kalten Schatten stellen würde. Stolz versprichst du deinem Sohn, dass du ihn dafür belohnen würdest, mit dem Wissen, dass du nie dafür Zeit haben wirst. Dieses Gefühl macht dich Traurig, depressiv, und du hoffst, dass du irgendwann die Zeit finden wirst, aber die Gegenwart holt dich ein. Und somit die Routine.

So geht es einige Jahre, bis es mir zu langweilig wird. Ein Ereignis, von dem du dir gewünscht hast, dass es niemals eintreten wird, wirft dich aus dem täglichen Trott. Dein Sohn wird bei einem Unfall schwer verletzt und erliegt, wenig später seinen Verletzungen. Er war zur falschen Zeit, am falschen Ort. Wie so viele. Aber wenn nichts passieren würde, würde sich keiner dafür interessieren. Niemand kauft ein Buch, dessen Titel „Langweilige Geschichten“ lautet. Aber dein Alltag wurde von etwas unterbrochen, das so einige Hausfrauen als „Geschichten, die nur das Leben schreibt“ betiteln. Und sie haben gar nicht so Unrecht. Du landest in der Anstalt. Kamst mit dem Druck nicht klar, und der Tod deines Kindes hat dir den Rest gegeben. Viele Jahre verbringst du in ihr. Dein Leben ist nun getränkt von Selbstzweifeln. Du stürzt in den Abgrund. Versinkst in Trauer um dein Kind, in Hass auf den der ihn tötete, und in der Frage: Hätte man es verhindern können? Deine geliebte Frau besucht dich schon lange nicht mehr. Ihr habt euch zerstritten. Dabei wart ihr so ein schönes Paar. Erinnerungen an die alten Zeiten kommen hoch. Damals auf der Hochzeit. Du warst von Glücksgefühlen überflutet. Doch nun bist du alleine. Einsam und verlassen in deiner kleinen  Zelle.

Eines Tages wirst du entlassen. Ein kurzer Hoffnungsschimmer glimmt in dir auf. Und wird kurz daraufhin grausam zerschmettert. Du stehst vor dem nichts. Hast alles verloren. Der Tumor aus Angst, Verzweiflung, Hass und dem Willen zu sterben hat sich längst in dein Gehirn gefressen. Du lebst vom Staat. Bekommst eine winzige Wohnung in den grauen Blocks der Stadt. Doch du hast genug. Du bist enttäuscht. Enttäuscht vom Leben. Von der Geschichte. Du siehst nur noch grau. Die leere hat dich ausgefüllt. Der Tot streckt seine kalten Hände nach dir aus. Bereitet ein weisses Leinentuch für dich vor. Er wird für dich sorgen. Sehr behutsam. So wie ich es ihm befohlen habe. Der Verkäufer stellt keine Fragen, als du den Strick von deinem letzten Geld, welches du nicht für Alkohol oder Zigaretten ausgegeben hast, kaufst. Ein Blick in dein Gesicht sagt tausend Worte.

Du bist dabei das Seil an deine Decke zu knoten, als du einen letzten Anruf erhältst. Die Nummer, die auf dem verschmierten Display blinkt, ist die deiner Frau. Eine einzelne Träne im Augenwinkel, legst du das klingelnde Handy zurück auf den Tisch und fährst mit deiner Aufgabe fort. Den einzigen Stuhl den du besitz, stellst du unter den Strick. Kein Gefühl regt sich mehr in dir, als du auf das klapprige Gerüst steigst. Das Seil um deinen Hals gibt dir Halt. Du findest den Willen für einen letzten Gedanken der durch deinen zerstörten Verstand huscht. „Wer steckt hinter all dem? Warum ich?“ Ich werde dir diese Fragen beantworten. Ich bin kein Gott. Ich bin mehr. Ich habe Gott erschaffen. Ich habe die Gefühle erschaffen. Ich habe dich erschaffen. Du bist nur ein Endprodukt meiner Fantasie. Genauso wie alles andere auch. Ich habe dieses Universum erschaffen. Ich bin keine höhere Macht. Ich bin der Autor. Und ich werde schreiben. Bis in die Unendlichkeit. Für immer. Auf ewig. Versprochen.

Störung durch Adblocker erkannt!


Wikia ist eine gebührenfreie Seite, die sich durch Werbung finanziert. Benutzer, die Adblocker einsetzen, haben eine modifizierte Ansicht der Seite.

Wikia ist nicht verfügbar, wenn du weitere Modifikationen in dem Adblocker-Programm gemacht hast. Wenn du sie entfernst, dann wird die Seite ohne Probleme geladen.

Auch bei FANDOM

Zufälliges Wiki