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Nie hatte sich jemand über das Spiel beschwert. Es war immer zu hören, jede Nacht, um dieselbe Zeit, und verzauberte alle, die noch, oder wieder, wach waren, lenkte von den Begebenheiten der Stadt ab, die in Angst und Schrecken versetzten. Deshalb beklagte sich niemand, wenn der Violinist zur vollen Stunde seinen Bogen auf die Saiten setzte und bis tief in die Nacht spielte. So konnten sie die Augen vor dem verschließen, was tagein tagaus in den dunkelsten Ecken Londons geschah und hatten ein paar Minuten Ruhe vor dem, was noch kommen sollte.


Jeder wusste es, jeder fürchtete es, doch niemand sprach es aus. 

Sobald man die Klänge der Violine vernehmen konnte, war wieder einer umgebracht worden. Oder auch zwei. Man konnte sich nie sicher sein.


Seit Queen Victorias Tod war alles aus dem Ruder gelaufen. Sie hatte keinen Nachfolger ernennen können, bevor sie auf einer Taufzeremonie erschossen wurde. Es war auffällig gewesen, und doch hatte niemand realisiert, was in dem Moment geschehen war. Der Mörder hatte breitbeinig über der Bowleschüssel gestanden, lauthals gelacht und seinen Hosenstall zugezogen. Offensichtlich hatte er sich, während er abfeuerte, um eine große Menge Urins erleichtert, und noch dazu in die Bowle, von der jeder der Gäste ein Glas in der Hand hielt. Alle waren geschockt gewesen, konnten nicht glauben, was sie da sahen - einige bemerkten den Kerl nicht einmal, da sie ohnmächtig beim Anblick des Blutes zusammengebrochen, oder starr vor Schreck über den plötzlichen Tod ihrer geliebten Königin waren - und so hatte der Mörder genug Zeit gehabt, vom Tisch zu springen, ein kehliges "IHR IDIOTISCHEN SCHWEINEHUNDE" herauszugröhlen und zum Eingang zu hechten, und bis sich die Leibgarde der Königin durch die geschockte Menge gekämpft hatte, war er über alle Berge verschwunden. 

Nicht nur der Anblick des explodierten Kopfes der Königin würde den Anwesenden im Gedächtnis bleiben, sondern auch der merkwürdige Aufzug des Mannes, der für diesen Zustand verantwortlich war. Eine lange Narbe zierte sein Gesicht, die vom Haaransatz, vermutlich sogar noch weiter, über sein linkes Auge und den hervorstehenden Wangenknochen, bis zu seiner Kehle verlief, wobei nicht einmal die Tatsache, dass es überhaupt solch eine Wunde gab, ausschlaggebend für diese Einkerbung in ihren Gedächtnissen war, sondern eher, dass sie rot glänzte, nahezu leuchtete. Sein blasses Gesicht schien in zwei Teile geteilt, der eine 1/3, der andere 2/3 des einst attraktiven Gesichts umfassend. 

Auch sein Blick würde ihnen nicht so schnell entfallen. Der Wahnsinn in seinen Augen war einmalig und der edlen Gesellschaft des Adels nicht bekannt. Der Mann wirkte, als hätte er den Verstand verloren, und doch war sein Blick so intelligent, dass man diese Tatsache ausschließen musste.

Seine Kleidung glich der eines staubigen Professors. Anstatt der üblichen Tracht für solch einen Attentat, wie einem eng anliegendem, schwarzen Anzug, trug der Mann einen staubigen, bräunlichen Smoking, eine ordentliche Krawatte und schwarze, große Schuhe, die denen eines Clowns glichen, zumindest was die Größe anging. Solch ein Aufzug war schon unter normalen Umständen empörend und einprägsam, doch unmittelbar nach dem Mord an der Queen brannte er sich noch umso tiefer in das Gedächtnis der Anwesenden, sodass sein Bild bald überall in den Zeitungen zu finden war.

Genau einen Monat später schrieb London das Jahr 1856. Gerade war das alte Jahr vergangen und das neue wurde gebührend gefeiert, als der Violinist sein Instrument ansetzte. Es war kein sonderlich schöner Start ins Jahr gewesen. Allein im letzten Monat hatte sich die Bevölkerung Londons von 31 Menschen verabschieden müssen, die allesamt hohe Ränge innehatten. Der Senat war größtenteils abgeschlachtet worden, einer nach dem anderen. Frauen und Kinder der Sentatoren mussten ebenfalls ihr Leben lassen. Es war eine grauenvolle Zeit, in der die Regierung in sich zusammenfiel und die Armut London zum Fall brachte. Diebstähle, Vergewaltigungen und Versklavungen nahmen zu; vor allem die hohen Stände hatten damit zu kämpfen. Immer mehr Bewohner der Stadt waren gezwungen, von der alten Ordnung abzusehen und sich dem zuzuwenden, auf das sie bis dahin kaltherzig hinabgesehen hatten. Jeder, der einen hohen Rang innehatte, musste um sein Leben fürchten, und die, die nicht solches Glück hatten, summten zu dem Spiel des mittlerweile Alltäglichen und ignorierten ihre Lage. Für sie war es, als sei alles wie immer, doch auch sie sollten bald einsehen, dass kein ruhiges Leben folgen sollte.


09.03.1856
Tagebucheintrag

Ich kann nicht mehr. Ich habe Angst. Große Angst. Bald wird er mich holen.
Jeder würde in meiner Lage so etwas schreiben. Ich verliere mein Haar, meine Statur und mein Leben.
Was soll ich nur tun?
Niemand kann mich vor ihm beschützen.
Niemand hilft mir.
Ich kann nicht mehr.
Ich kann einfach nicht mehr.
Ich bin der Letzte. Der Letzte, der das Regime noch aufrecht halten könnte.
Wenn ich nicht mehr bin, ist gar nichts mehr.
Krieg.
Wut.
Hass.
Wahnsinn.
Dieser Kerl. Er weiß genau, was er tut.
Doch was bezweckt er damit? Was will er erreichen?
Das alles interessiert mich nicht mehr.
Ich kann nicht mehr.
Ich kann nicht mehr.


10.03.1856

"Extrablatt! Extrablatt!"

Die durchdringende Stimme des schmächtigen Jungen drang an Chesters Ohren, wie das Dröhnen einer Dampflock. Er hatte vollkommen verschlafen, war verkatert und wurde bereits am Morgen erdrückt von dem Geschimpfe der Nachbarin, die ihn ermahnte, Rauchen am Morgen vertreibe keinerlei Kummer und Sorgen.

Sie immer mit ihren Ratschlägen. Irgendwelche Redewendungen aufgegriffen, abgekupfert und mit sehr wenig Intelligenz verändert. Er hatte schon gar kein Ohr mehr für sie, doch die Zigarette hatte er sich dann doch nicht anzünden können. Roger hatte ihn abgeholt und zusammen mit ihm machte er sich nun auf den Weg in die Fabrik, in der er und sein Freund arbeiteten. 

Niemand wusste von ihrer Beziehung.  Wenn man es überhaupt Beziehung nennen konnte. Sie verhielten sich in der Öffentlichkeit wie ganz normale Männer es eben taten und so ahnte niemand etwas von ihren Vorlieben. Wüssten die anderen davon, würden sie die beiden meiden, ganz gleich, was sie ihnen sagen würden. Deshalb hielten sie es geheim und es war für beide in Ordnung. Schließlich wünschte sich keiner der beiden mehr als nur eine körperliche, zufriedenstellende Beziehung. Auf eine selbe Gefühlsebene waren sie beide nicht aus.

Widerwillig nickte Chester auf Rogers Bitte, dem Jungen, der ihnen noch immer 'Extrablatt!' zurief, doch ein Geldstück zu bezahlen, damit er die Zeitung lesen konnte. Stand doch sowieso nichts Besonderes drin, weshalb er ihn nicht verstand. Immer nur der gleiche Quatsch über 'Black Kill' oder 'Pilo clown', dessen Namen vom Einfallsreichtum der Presse herrührten. Sie machten aus der Sache etwas, was die Bevölkerung kaum interessierte: Eine Fantasystory, einen Roman, eine Geschichte, die so unwirklich erschien, wie das, was der Feder eines solchen Autors entsprang. Zumindest er würde darauf nicht hineinfallen. Dieser Mörder war eine ernstzunehmende Sache, aber nicht so, wie ihn die Presse darstellte. Nein, diesem Trend folgte er nicht. Er hatte den Senat getötet, aber das hatten schon viele vorgehabt. Dass Zeitungen jetzt davon schrieben, auch die Unterschicht sei in Gefahr, hielt er für Humbuk. Sie hatten nichts schließlich verbrochen, im Gegensatz zum Regime. In den letzten Monaten war so einiges aufgedeckt worden, was das Regime hatte vertuschen wollen. Beispielsweise der illegale Import von Lebensmitteln, der Verkauf von Sklaven an das Ausland und was weiß der Geier noch. Chester interessierte sich jedenfalls kein Stück dafür, ganz im Gegensatz zu Roger. Der blätterte wild in der Zeitung herum und redete auf Chester ein, bis er stehen blieb und aufschaute. Chester bemerkte es erst nach einigen Metern, sodass er etwas weiter entfernt ebenfalls anhielt und sich ihm zuwendete.

"Was ist?", fragte er, ziemlich desinteressiert.

"Der Letzte ist tot," antwortete Roger, ohne von der Zeitung aufzuschauen. 

Chester knirschte mit den Zähnen. "Wer, verdammt?", fragte er entnervt und dachte gar nicht daran, zu ihm zurückzugehen. Noch immer dröhnte es in seinem Kopf und ihm war ein wenig schwindelig. Die Zigarette vermisste er auch.

"Der letzte des Senats," nuschelte Roger und sah endlich zu ihm auf. "Pilo Clown hat nun auch ihn in den Tod getrieben." 

"Was denn? Wieder ein Familienmassaker?", fragte Chester und gähnte. Viel geschlafen hatte er nicht. Jedenfalls nicht ausreichend.

Roger schüttelte den Kopf. "Nein, Selbstmord," antwortete er und setzte sich endlich wieder in Bewegung. "Hat sich den Strick genommen." 

Chester seufzte. Noch so einer, der sich hatte verrückt machen lassen. "Und? Was geht uns das an?" , fragte er, wie jedes Mal, wenn Roger von der Nachricht eines weiteren Todes las. Scheinbar hatte dieser sich noch immer nicht daran gewöhnt.

"Na hör mal! Der hat Selbstmord begangen! Wenigstens hatte er keine Familie..."

"Was denn, ein Senator ohne große Familie?", fragte Chester mit sichtlich gespieltem Mitleid.

Roger antwortete nicht und schüttelte nur den Kopf über die Kaltherzigkeit, die sein Freund an den Tag legte. Doch er merkte, dass das Thema damit abgeschlossen war und faltete die Zeitung zusammen. 

Eine Zeit lang gingen sie schweigend nebeneinander her, bis er vor der Fabrik er wie angewurzelt stehen blieb. Chester, der sich gerade eine Zigarette drehte, hielt ebenfalls an und musterte ihn nun vollkommen entnervt. "Was ist denn jetzt schon wieder?", fragte er und wartete gar nicht erst auf eine Antwort, sondern tat es Roger gleich, der geschockt und vollkommen entgeistert zum Tor der Fabrik starrte. 

Als er die Ursache für Rogers Schweigen und diese Art des Blickes fand, fiel ihm der Tabak aus der Hand und sein Mund öffnete sich. 

Die Fabrik, in der sie arbeiteten, war niedergebrannt worden und auf dem Schild über dem Tor war ein weiteres angebracht, auf dem eine Violine gezeichnet worden war. Neben ihr stand in leuchtend roten Buchstaben: "Und nun seid ihr dran." 

Chesters Blick glitt an den Stäben hinunter. Seine Augenbrauen hoben sich, als er die darauf aufgespießte Leiche eines schmalen Mannes erkannte, dem ein Violinenkoffer um die Hand gebunden wurde. Er trug einen Frack und hatte die Hände eines Violinisten. Schmal, zart und mit langen, dünnen Fingern. Das Sakko war aufgerissen und in seine Brust waren Buchstaben eingeritzt, doch aus dieser Entfernung konnte Chester sie nicht entziffern. Ohne auf seine Umgebung zu achten, trat er näher heran und las lautlos: "Und ihr werdet nicht mehr bespielt." Er biss die Zähne zusammen und sah sich um. Ob es daran gelegen hatte, dass er noch nicht nüchtern, oder einfach daran, dass er so genervt von Roger gewesen war, dass er den Mob übersehen hatte, wusste er nicht, aber ihm wurde jetzt erst bewusst, dass sich neben der Arbeiter in der Fabrik noch weitere Menschen um das Tor gesammelt hatten. 

Er drehte sich zu Roger um, der mindestens genauso bleich geworden war, wie der Violinist an der Torstange und schüttelte den Kopf.

" Nie im Leben kann der eine Stadt ermorden, ohne, dass ihn jemand schnappt," verkündete er, als eine Kugel seinen Kopf explodieren ließ.

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