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Geschichten mit diesem Hinweis enthalten extreme Gewaltdarstellungen und/oder sexuelle Themen, die auf empfindsame Gemüter verstörend wirken können.

Wenn du emotional instabil oder noch nicht volljährig bist, dann such dir lieber eine andere Geschichte aus.

Weiterlesen geschieht auf eigene Gefahr - Wir haben dich gewarnt!
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Ideen sind Miststücke, die dich schneller wieder verlassen als ein verpatzter One-Night-Stand. Ja, diesen Satz sollte ich mir merken, denn er trifft immer ins Volle.

Wäre eine Idee mal geblieben, läge ich nun nicht hier, um aus dem Fenster zu starren. Das Einzige, was ich noch alleine kann, ist Weinen. Meine Tränen sind frei, im Gegensatz zu mir. Sie können überall hin, wo ich doch schon in die Enge meines Körpers gesperrt bin. Ab und zu kommt Betty ins Zimmer, um mir Augentropfen zu geben, damit sie nicht austrocknen, sagt sie dann immer, und ich kann zur Bestätigung nur zwinkern. Sie lächelt mich dann immer an, sodass mein Herz wieder ein Stück weiter reißt. Wer weiß, vielleicht ist dann endlich ein Ende in Sicht, wenn es endlich ganz zerreißt. Wenigstens war es dann ein guter Tod, gestorben durch ein zartes Lächeln auf den Lippen einer guten Frau.

Es begann, wie fast alles Schlechte begann, mit einer kleinen Entdeckung.

Ich duschte, wie jeden Tag, und seifte mich gut ein, um den Geruch des Tages abzuwaschen. Als ich über meine Achseln strich, konnte ich den Knubbel fühlen. Er war nicht groß und ich beließ es dabei. Wer weiß, welche Drüse sich da mal wichtig machen wollte; ich beschloss, es die nächsten Tage im Auge zu behalten, wollt ich doch keiner dieser Hypochonder werden, die den Ärzten die Zeit stahlen.

Wie man sich vorstellen kann, wenn man täglich etwas begutachtet, fallen einem die Veränderungen nicht so auf, als wenn man Zeit vergehen lässt und Abstand zu den Dingen bekommt. Also wachte ich eines Morgens auf, um meine Routine des Begutachtens aufzunehmen, und stellte mit Entsetzen fest, dass mein Knubbel irgendwie über Nacht von einer Erbse auf die Größe eines Tennisballs angeschwollen war. Zudem waren weitere „Erbsen“ aufgetaucht, wie konnte dies nur passieren? Und vor allem, wann war das geschehen? Nun war der Arztbesuch unvermeidbar. Also machte ich einen Termin und ließ mich untersuchen.

Als ich meine Diagnose bekam, brach für mich eine Welt zusammen. Natürlich war es Krebs und der auch bereits fortgeschritten. Wie hätte es auch anders sein können?

Man denkt, man ist unbesiegbar, bis man ungefähr 30 ist, danach beginnt die Fassade zu bröckeln und man fängt an, sich Fragen zu stellen. Ich nannte sie die „Was-wäre-wenn-Phase“. Man grübelt und wird sich so langsam seiner Sterblichkeit bewusst. Dies gilt natürlich nicht für diese Sorte von Menschen, die sich nur über die Farbe ihres Lippenstiftes oder der neuen Bartrasur mit mehreren Linien definieren. Wäre ich so gewesen, wäre ich wahrscheinlich glücklicher. Aber ich bin dieses aus Schnick-Schnack bestehende Leben nicht. Ich bin ein Ball aus Gedanken, der wie ein Flummi durch das Zimmer springt und alles runterreißt.

So stand ich nun mit meinem Körper, der mich langsam töten wollte. Ein Gefängnis, aus dem es kein Entrinnen gab. Ich hasste dieses angebliche biologische Wunder, ich hasste diesen Klumpen Wasser und Fleisch dafür, dass er mich umbringen wollte.

Der Krebs hatte sich bereits ausgebreitet und tobte sich in den Lymphknoten aus. Von dort startete er seinen Feldzug und begann einen Krieg, den ich nie gewinnen konnte. Die Chemotherapie bescherte mir eine Glatze, eine Blitzdiät und das Gefühl, Napalm in meine Eingeweide geschüttet zu haben. Ständig bekam ich Spritzen, Infusionen und anderes. Als ich eines Nachts, wie so oft in der letzten Zeit, mein Nachtlager an meiner treuen Toilettenschüssel aufschlug, kam mir eine Idee. Sie war so flüchtig wie ein sanfter, warmer Windhauch und versprach Erlösung. Nicht mein Körper würde entscheiden, wann ich leben und sterben soll und wie qualvoll, sondern ich, mein Geist, eben das, was mich ausmachte. Als ich darüber nachdachte, wusste ich, dass ich nicht der Erste und auch nicht der Letzte sein werde, der diese Gedanken hegte oder sie auch in die Tat umsetzte. Sehr wahrscheinlich ergeht es jedem so in meiner Lage. Meine Frage war nur: wie sollte ich es anstellen? Was war geeignet für meine Todesfalle? Es klang so abstrus, dass ich meine Todesfalle vernichten wollte, um mich zu befreien. Aber es brachte auch ein gewisses Maß an Poesie mit sich. Dennoch blieb ich nüchtern und schrieb zum ersten Mal eine Liste. Ich nannte jede mir bekannte Möglichkeit zum Suizid und fing an, nach Vor- und Nachteilen zu suchen, natürlich blieb der persönliche Aspekt über Ästhetik und persönliche Vorlieben berücksichtigt.

Den ersten Punkt füllte ein Klassiker aus, der Sprung von einer Brücke, einem Hochhaus oder einer Klippe. Die Brücke sprach mir nicht zu, denn sollte sich ein Gewässer darunter befinden, so gab es die Möglichkeit, dies zu überleben. Und sollte mich darunter Felsen erwarten, so wollte ich nicht in Einzelteile zerschmettert werden. Man hätte mich mit einem Kehrblech aufsammeln können und hätte mich nicht mehr erkennen können. Nein, dieser Klassiker sollte eher als Notfallplan zurückgestellt werden. Der Vorteil bestand allerdings, dass ich nur zu einer hingelangen musste. Und würde ich keine Brücke finden, würde es auch ein Parkhaus oder etwas in der Richtung tun.

Den nächsten Punkt ließ ich unter dem ersten stehen, quasi als 1.2. Denn sich vor einen Zug zu werfen, hätte ähnliche Ergebnisse vorzuweisen wie zu springen. Zudem wollte ich keine anderen Menschen hineinziehen. Man stelle sich nur mal vor, dass die unschuldigen Augen eines Kindes mit ansehen müssten, wie ich von einem Stahlkoloss erfasst und in Stücke gerissen werde. So etwas will man keiner armen Seele antun. Nein, meine Verzweiflung würde mich nie übermannen, um so etwas zu tun.

Dennoch schrieb ich es auf. Nur für den Fall.

Was blieb also noch?

Schlaftabletten waren ein weiterer Aspekt für meine Liste. Wer träumte nicht davon, völlig schmerzlos einzuschlafen und sich in die willkommene Schwärze fallen zu lassen. Einfach alles hinter sich zu lassen, im völligem Frieden mit sich selbst. Dieser Punkt verdiente schon meine Aufmerksamkeit, jedoch muss ich gestehen, meine Kenntnisse über die Wirksamkeit der frei käuflichen Pillen war mehr als schlecht. Und wenn ich nicht wie ein mit Baldrian zugedröhnter Idiot wirken wollte, müsste ich mir weitere Informationen suchen. Also würde es auf eine Recherche hinauslaufen. Nun gut, das Internet konnte mir die nötige Informationsquelle sein. Ich hatte sogar schon von Foren gehört, in denen nur davon geredet wurde, wie man sein Leben beendet. Vielleicht wurde ich dort fündig.

Aber ich wollte dennoch keine Möglichkeit weglassen, und so folgte bald schon der nächste Punkt auf meiner Liste.

Das Öffnen der Pulsadern.

Der erste Satz, den ich darunter schrieb, war eher schon wieder belustigend: Ich schrieb mit einem Lächeln: Was für eine Schweinerei!

Im Angesicht dessen, was ich da tat und worüber ich nachdachte, kam mir der Humor mal richtig erfrischend vor. Ich glaubte ihn schon seit meiner Diagnose verloren zu haben. Fast hätte ich mein Blatt Papier zerknüllt und in den Papierkorb geworfen, jedoch hielt mich etwas davon ab. Es war wie eine schwarze Stimmung, die sich nicht nur über mich legte, sondern auch meine Hand festhielt. Als wäre um mich herum wieder alles dunkel. Und das Dunkel konnte nur ich wahrnehmen, oder Menschen, die zum Sterben verdammt sind. Es ist wie eine Blase, die einen umgibt, und gleichzeitig hat dieses Dunkel einen Willen, und dem folgt man, da es stärker ist als man selbst. Es lenkt dich, und zu Anfang wehrst du dich noch und man beschreitet den Willen des Dunkels nur zögerlich und langsam. Als würde ein Zombie laufen lernen, doch mit der Zeit wird man selber immer kleiner und wehrloser. Und bevor man es selbst gemerkt hat, rennt man im Eiltempo. Bei welcher Geschwindigkeit ich mich befand, konnte ich nicht sagen. Aber ich lief ja nicht allein, ich musste gegen das Versagen meines Körpers antreten.

Also wand ich mich wieder den Punkten zu und schrieb beherzt weiter.

Das Öffnen der Pulsadern, ich ließ den Satz mit der Schweinerei stehen. Schließlich war es ein Aspekt, der dazugehörte. Darunter entschied ich mich in Großbuchstaben “SCHMERZ“ hinzuschreiben. Wer konnte sagen, ob ich in der Lage wäre, den Schmerz soweit auszublenden? Die Szenerie war natürlich erhebend. Ich hatte schon immer einen Faible für diese Art gehabt. Aber bitte keine Badewanne, das wäre dann doch wieder klischeehaft gewesen. Zudem wollte ich nicht mein Leben neben der Kloschüssel aushauchen, die ich in der letzten Zeit zu meinen engeren Freunden zählen konnte. Auch weil ich wusste, was wir beide durchgemacht hatten. Ich nannte sie mittlerweile Ludmilla, meine Vertraute. Ludmilla hatte mein Innerstes gesehen. Seltsam ist doch die Ironie des Ganzen!

Erhängen fiel mir danach noch ein. Ein Seil ließ sich in jedem Baumarkt besorgen. Es war kostengünstig, aber ich benötigte etwas, woran ich es befestigen konnte. Meine kleine Küchenlampe war wohl nicht dafür geeignet, meinen Körper zu halten. Schlimmstenfalls würde sie aus der Decke reißen und ich hätte mir eine Beule zugezogen. Zudem gefiel mir die Idee nicht, dass, wenn mein Genick nicht brach, ich langsam ersticken müsste. Ersticken kam für mich nicht in Frage, es war eine gruselige Vorstellung! Diesen Weg konnte ich nicht gehen, ebenso wenig wie Ertrinken. Es gab selbst für sowas Grenzen. Ich überlegte noch eine lange Zeit und die Tage zogen ins Land. Ich sah die Liste mir jeden Tag an und versuchte weitere Vorschläge zu finden. Denn sie kam mir nicht fertig vor. Und diese fixe Idee, eine Möglichkeit zu finden, die für mich zu 100% akzeptabel war, sorgte dafür, dass ich unendlich mehr litt als durch die Krankheit. Mein Kopf zermarterte sich sogar selbst, wenn ich wieder ein Rendezvous mit Ludmilla hatte und ihrer hölzernen Toilettenbrille. Jeden Abend steckte ich die Liste unter mein Kopfkissen um damit zu schlafen. Doch je mehr Zeit ins Land zog, desto mehr versagte mein Körper seinen Dienst. Immer und immer wieder ging ich die einzelnen Punkte auf der Liste durch und fühle mich danach, als ob ich jede einzelne Art des Suizides nun durch genommen hätte. Ich redete kaum noch, auch nicht in den Therapie-Sitzungen, und ich merkte, wie sehr ich immer mehr starb. Eines Morgens war es dann soweit, ich erwachte und konnte meine Beine nicht mehr bewegen. Ich war sosehr damit beschäftigt, wie ich mir ein Ende bereiten könnte, dass ich vergaß, es auch zu tun. Ich quälte mich durch jedes einzelne Szenario, spürte die Schmerzen und das Leid, vergoss Tränen und malte mir meine Beerdigung aus. Wie lange hatte ich in dieser Gedankenwelt verbracht? Wie konnte ich in diesem Leid so verweilen, ohne etwas zu tun? Nun war es zu spät. Der Krebs war soweit fortgeschritten, dass nun meine Glieder mir nicht mehr gehorchten.

Dies war mein Tod, bevor ist wirklich starb, und nun hab ich nur noch die schönen Augen von Betty, die mich freudestrahlend ansehen, obwohl ich künstlich beatmet werde, und meine Tränen, die wirklich frei sind.

BloodyValkyrja