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Ich hatte wirklich Glück. Nicht nur, dass ich jetzt meinen heißersehnten Platz auf der Uni hatte, mein Publizistik-Studium beginnen und endlich ausziehen konnte, ich hatte auch noch das große Glück, dass ich nicht irgendein winziges Apartment in einem Studentenwohnheim sondern meine eigene Wohnung beziehen konnte. Mein eigenes kleines Reich, für das mich viele meiner Kommilitonen beneideten. Meine Eltern und ich hatten den Deal, dass wenn ich meinen Abschluss erreicht und meinem Traum vom PR-Management dann immer noch nachgehen wollte, sie mir mein Sparbuch auszahlen, das sie seit meiner Geburt angelegt und befüllt hatten. Sie waren nie so recht angetan von meinem großen Traum einmal unter den ganz Großen der Werbe- und Medienbranche mitzumischen. Wäre es nach ihnen gegangen wäre ich wahrscheinlich Kinderärztin oder sowas geworden, irgendwas, das, ihrer Meinung nach, auch bodenständig und sicher ist. Dass die ganze Welt von der Werbung um sie herum dominiert wird, ist ihnen bis heute wohl noch nicht so ganz bewusst geworden.

Der Abschied war traurig einerseits, besonders für sie. Aber für mich war es ein Neustart, ein Tor in eine neue Welt. Meine Welt. Ich packte quasi über Nacht meine Sachen, übernahm spontan eine neue, günstige Wohnung und zog dann, mit Hilfe einiger Freunde, in eine 400 Kilometer entfernte Stadt. Klar, wohl war mir bei der Sache zeitweise nicht, da mir bewusst wurde, dass ich nun flügge werden musste und nun auf mich allein gestellt war. Ich stürzte mich selbst aus dem Nest und musste mich selbst wieder hochrappeln, sollte ich am Boden aufschlagen. Solche Gedanken beschäftigten mich die meiste Zeit der Reise, als ich vom Beifahrersitz aus, über mein Leben sinnierend, abwechselnd die fast unwahrnehmbar vorbeirasende Leitplanke der Autobahn und den gemütlich dahingleitenden Horizont beobachtete.

Doch ich hatte mich entschieden. Und ich würde das jetzt auch durchziehen. Meine Jugend hatte immerhin die meiste Zeit aus Lernen und Grübeln bestanden. Während andere Mädchen, in meinem Alter, sich damals bereits schminkten, auf Partys gingen um sich mit Bier zu betrinken oder zu kiffen und ihre Erfahrungen mit Jungs sammelten, war ich stets an meinen Schreibtisch gefesselt. Die Jungs hatten zwar durchaus Interesse an mir aber das beruhte meist auf Einseitigkeit. Außer meinem besten Freund Theo, den ich leider auch zurücklassen musste, kam keiner nah genug an mich ran. Ich glaube zwar auch, dass er was von mir wollte aber das habe ich ihm schnell wieder ausgetrieben und klargemacht, dass er für mich immer mein bester Freund sein wird und nicht mehr.

Ich musste mich zwar mit diversen Vorurteilen herumschlagen, wie dass ich prüde sei, eine überhebliche Zicke und arrogant. In Wahrheit wollte ich niemals so abstürzen, wie viele aus meiner ehemaligen Klasse das taten. Ich habe gelernt, war fleißig, und bin meinem Traum ein großes Stück näher gekommen. Trotzdem musste ich mir auch eingestehen, dass ich jetzt erwachsen war und meine Erfahrungen aus dem „richtigen Leben“, wie viele meiner Ex-Klassenkollegen ihren lockeren Lebensstil gerne betitelten, gelinde gesagt, nicht existent waren. Ich hatte in meinem Leben gerade mal einmal einen Jungen geküsst und das kam auch nur daher, weil ich mich damals noch sehr um mein Ansehen innerhalb der Klassengemeinschaft scherte, von wegen dazugehören und dabei sein, und so eine kindische Partie Flaschendrehen mitmachte, wo ich, wie sollte es auch anders sein, einen Jungen küssen musste. Da war ich 13, glaube ich. Ich fand ihn zwar ganz hübsch aber die Tatsache, dass er doch ernsthaft versuchte seine Zunge zwischen meine zugepressten Lippen zu quetschen, hat seinen Eindruck bei mir drastisch geschmälert. Und mich schauerte der Gedanke, dass dies schon der bisherige Höhepunkt meiner zwischenmenschlichen Interaktionen war. So nahm ich mir vor das Lotterleben eines Studenten in vollen Zügen zu genießen. Ich hatte zwar nicht vor mich ins Koma zu trinken oder den erst besten  Kommilitonen bei der Einweihungsfeier über mich drüber zu lassen aber ein bisschen über die Stränge schlagen wollte ich dann schon.

Rückblickend betrachtet hatte ich mich also gut hier eingelebt, fand Freunde auf der Uni, verbrachte zwar immer noch viel Zeit mit Lernen aber hatte durchaus schon meine Stammkneipen in der Gegend. Ich verliebte mich sogar relativ bald in einen meiner Kollegen an der Uni und wir wurden ein Paar. Mit ihm konnte ich meine längst überfälligen Erfahrungen sammeln, er ging auf mich ein und auf meine verschlossene, sture und eigensinnige Art. Er hatte zwar oft unter meinen Launen zu leiden aber er stand das immer tapfer durch und dafür liebte ich ihn abgöttisch. Aber, so banal das auch klingt, auch wenn ich mein Studium, meine Freunde, meinen Freund und mein eigenes Leben hatte, so war ich doch am meisten froh über meine eigene Wohnung. Mein Freund und ich waren immerhin auch oft zu Besuch bei Freunden und diese Studenten-WGs waren einfach die Hölle. Zumindest kam mir das so vor. Ich hätte mir im Traum nicht vorstellen können in sowas zu leben. Dieses ständige Gezanke, Streit um den Abwasch und sogar welches Fernsehprogramm im Wohnzimmer geguckt wurde würde mir wohl in kürzester Zeit zum Halse raushängen.

Aber damit musste ich mich nicht quälen. Ich konnte meine Wohnung dekorieren wie ich wollte, geguckt wurde was mir gefällt und ich schrie mich nicht selbst an, wenn das Geschirr oder meine Wäsche mal ein paar Tage liegen blieb. Keine Mitbewohner und keine Eltern im Nacken. Nur mein Freund, der mich manchmal auf meine mangelnde Ordnung hinwies aber das hatte ich ihm ja erfolgreich abgewöhnt. Alles in allem konnte mein Leben gar nicht mehr besser werden. Ich hatte es besser im Griff als ich es mir jemals erträumt hatte.

In weiser Voraussicht, dass auch das Geld meines Sparbuches nicht ewig reichen würde, suchte ich mir bald einen Nebenjob. Kellnerin in einer Bar war zwar nicht mein absoluter Wunschtraum aber die Arbeitszeiten waren in Ordnung und dadurch, dass ich nicht unbedingt hässlich bin, stimmte auch meistens das Trinkgeld. Da war es mir dann auch egal, dass einige Typen etwas zudringlich wurden und nicht mit flauen Komplimenten geizten, wenn sie das eine oder andere Bier zu viel getrunken hatten, da ich ja wusste zu wem ich gehörte und das Stammpublikum wusste das nach kurzer Zeit auch, da sie meinen Freund schon oft mit leicht neidischen Blicken bedachten, als er mich gelegentlich abholen kam.

An einem Tag hatte ich die Frühschicht und konnte schon am frühen Nachmittag nach Hause. Das war ideal für mich um zu lernen. Bevor ich mich aber wieder der Publizistik stellte, vollführte ich mein Feierabendritual, auf das ich im Nachhinein betrachtet, nicht stolz bin: Ich ging ans Fenster um eine zu rauchen. Ich konnte nie sagen, warum ich damit angefangen hatte aber ich wollte mir niemals eingestehen, dass es möglicherweise doch einfach nur Gruppenzwang war.

Die Zeit verging, während ich lernte, und die Dämmerung brach langsam aber stetig vor meinem Fenster herein, bis es unmerklich schon finstere Nacht geworden war. Es war schon beinahe Mitternacht als ich aufstand, nach meiner Zigarettenschachtel griff und zu meinem Küchenfenster schlenderte. Es war gerade September und um den Mücken und anderen Insekten keinen unnötigen Grund zu liefern meine Wohnung heimzusuchen, schaltete ich das Licht in der Küche nicht an. Nur das Licht aus dem Nebenzimmer erhellte den Raum ein wenig, jedenfalls genug um sich darin fortbewegen zu können ohne sich eine Zehe zu brechen.

Ich öffnete also das Fenster, steckte mir eine Zigarette in den Mund und klickte an meinem Feuerzeug, um sie mir anzuzünden. Ich inhalierte einen kräftigen Zug und während ich den Rauch aus meinen Lungen in die Nachtluft blies, stütze ich mich mit beiden Ellbogen am Fensterbrett ab und lehnte mich daran. Ich betrachtete die Äste der Bäume vor meinem Fenster wie sie leicht auf und ab schwangen und wippte die Zigarette zwischen meinen Fingern hin und her. Mich überkam ein unbehagliches Gefühl, als ich so dastand, das war bisher noch nie so. Ich konnte nicht genau sagen was es war aber mir war nicht mehr sehr wohl am Fenster. Es kam mir vor als würde ich beobachtet werden. Noch bevor ich diesen Gedanken richtig begreifen konnte, wanderte mein Blick über die schwarzen Fenster, der verdunkelten Räume des gegenüberliegenden Wohngebäudes, suchend nach jemanden, der da stehen könnte und mich vielleicht beobachtete. Jemand, den ich nur unterbewusst wahrgenommen habe und in mir dieses Gefühl auslöste. Ich vergaß vor lauter Unwohlsein und Absuchen der Fenster bereits auf die Zigarette in meiner Hand und als ein langer Stab aus Asche schließlich auf meine Fensterbank fiel, weil sie bereits fast bis zum Filter heruntergebrannt war, drückte ich den Rest der Glut in meinen Aschenbecher und war gerade dabei das Fenster zu schließen.

Ich erschrak und stieß einen spitzen, kurzen Schrei aus, den ich mit meinen Händen noch unterdrücken konnte, die ich ebenso schnell auf meinen Mund presste, als ich einen Schritt vom Fenster zurückwich. Ich blinzelte ein paar Mal und ging dann langsamen Schrittes wieder zum Fenster und sah auf den Bürgersteig und den kleinen Park, der zwischen Bürgersteig und der Straße lag. Der Park war so winzig, dass er nicht mal eine eigene Bezeichnung hatte, man könnte sagen, dass es mehr einen breiterer, unumzäunter Grünstreifen mit ein paar Bäumen, einem kleinen Weg und alten Sitzbänken war. An den Ecken und mitten in diesem Park standen Laternen, die mit ihren Lichtern die finstere Straße in einen unnatürlichen, kalten, weißen Schein hüllten. Unter einer dieser Laternen stand ein Mann, in einer schwarzen Jacke, direkt unter der Laterne mitten im Lichtkegel, zu mir hochblickend. Die Haut in seinem Gesicht wirkte ledrig und tot, beinahe künstlich. Er starrte mich unablässig an, mit einer wahnsinnigen Wut in seinen Augen, ich konnte beinahe seine Zähne blitzen sehen. Ich habe noch nie so viel Hass und Wut im Gesicht eines Menschen gesehen. Ich blickte lange schockiert, mit den Händen vor dem Mund und leise atmend, zurück. Ich wusste nicht ob es der grelle, tote Lichtschein der Laterne war, der meine Augen reizte oder die Gedanken, die mir durch den Kopf schossen aber ich konnte einzelne unwillkürliche Tränen nicht unterdrücken, die mir die Wangen herunterliefen. Noch nie hat mir jemand so viel Hass entgegengebracht, so viel kaltblütigen Zorn und blinde Wut nur allein mit einem Gesichtsausdruck. Er starrte mich an, ohne auch nur einmal zu blinzeln und bewegte sich keinen Millimeter, während er das tat. Es war so als wollte er, dass ich ihn sehe und als wäre er ausschließlich aus diesem Grund überhaupt erst dort. So als wollte er sagen: „Ich warte auf dich, bis du dein Haus verlässt. Dann komm ich dich holen.“ Mir schossen tausende Gedanken durch den Kopf: Wer war dieser Mann? Was wollte er von mir? Vielleicht sah er ja gar nicht mich an, sondern zu einem Nachbarsfenster? Nein; Sein Blick galt mir. Ich konnte es in mir spüren. Als würden seine Augen mich erstechen, meinen Kopf aufspießen. Ich wusste nicht was ich tun sollte. Ich wagte es nicht mich auch nur ein Stückchen vom Fleck zu bewegen. Im selben Moment kam mir der Gedanke: Warum eigentlich? Ich bin hier im zweiten Stock und mein Wohnbau ist groß, er wird niemals wissen hinter welcher Türe in welcher Stiege ich wohnte. Ich spürte, wie ich unbewusst eine weitere Träne aus meinem Auge drückte, die langsam an meiner Wange herunterlief und eine feuchte Spur auf meinem Gesicht hinterließ. Was habe ich dem Kerl nur getan? Warum hasst er mich so? Ich konnte weder meinen Blick von seinem Lösen noch die Hände vom Mund nehmen. Auch konnte ich nicht sagen, wie lange ich schon da stand. Oder wie lange er schon da unten stand und mein Fenster beobachtete.

Langsam hob ich eine Hand von meiner andere, die immer noch meinen Mund bedeckte und schloss langsam das Fenster. Ich presste dabei die Augen zu, weil ich Angst hatte, dass sein Blick noch furchtbarer werden würde, wenn er sah, dass ich nun vom Fenster weggehe. Ich drückte das Fenster an den Rahmen, zog den Griff nach unten und ging langsamen Schrittes rückwärts. Ich hatte in diesem Moment wirklich die Angst, er könnte von dort unten zu meinem Fenster hochspringen und es einschlagen. Ich fasste blind nach meiner Zigarettenschachtel und dem Feuerzeug und rannte dann in das Nebenzimmer, in dem ich den Abend über gelernt hatte. Als mir bewusst wurde, dass die Fenster des Zimmers direkt an die der Küche grenzten, sprintete ich zum Lichtschalter, schaltete es aus und zog rasch die Vorhänge zu. In der Dunkelheit bekam ich allerdings bald eine fürchterliche Angst und so kauerte ich mich in meinem Wohnzimmer, das selbst keine Fenster hatte, auf die Couch in eine Ecke und schaltete meine Stehlampe neben dem Sofa an. Das Licht war gelblich, warm und sehr angenehm. Ich ließ die Zigarettenpackung und das Feuerzeug, welche ich beide immer noch fest umklammerte, auf meinen Couchtisch fallen und zog einen Aschenbecher zu mir heran. Ich streckte ein Bein aus um mein Handy aus meiner Hosentasche zu holen und kauerte mich wieder mit angewinkelten Knien in die Ecke des Sofas, die Beine fest umschlungen und wählte die Nummer von meinem Freund. Ich schniefte während des Wartetons und wischte mir mit einem Finger über die Nase und Wangen. Ich konnte meinen Herzschlag in meinem ganzen Körper spüren und in meinem Kopf herrschte Chaos.

Er ging nicht ans Telefon. Das versetzte mich noch mehr in Panik. „Ruhig“, dachte ich mir, „es ist schon spät, er hat doch morgen früh eine Vorlesung und wird schon schlafen.“ Ich saß noch eine Zeit lang so in meiner Ecke und sprang dann auf, um meine Eingangstüre abzuschließen und den Schlüssel im Schloss stecken zu lassen. Vom Wohnzimmer aus konnte ich in mein dunkles Schlafzimmer blicken. Ich schloss die Tür, denn das letzte was ich wollte war in einen dunklen Raum zu sehen, in eine ungewisse Leere. Ich hatte Angst davor dort etwas wahrzunehmen, was da nicht sein sollte auch wenn mir klar war, dass es dann womöglich nur meine Fantasie gepaart mit meiner Angst war, die mir einen Streich spielte. Ich wagte es nicht mich zu bewegen, ich konnte seine Blicke immer noch spüren. Diese schneidenden Blicke, wie kalte Messer.

Ich wollte meinen Kopf beruhigen, und nicht die restliche Nacht in Angst vor einem Typen vor meinem Fenster verbringen. So schlich ich mich langsam in den fensterlosen Flur, schaltete das Licht an und ging in mein Schlafzimmer. Die Deckenlampe vom Flur spendete genug Helligkeit um den Raum sporadisch auszuleuchten. Ich schlich gebückt und buchstäblich auf Zehenspitzen an meinem Bett vorbei zu meinem Fenster. Die Vorhänge an diesem Fenster hatte ich immer zugezogen, so hatte ich weniger Angst beobachtet zu werden. Ich kniete mich vor das Fenster und lugte vorsichtig hinter dem Vorhang hervor um auf die Straße und den kleinen Park vor meinem Haus sehen zu können. Ich schrie auf und sackte in mich zusammen. Er stand immer noch da und starrte mich an, genau in die Richtung des Schlafzimmerfensters, als ob er mich durch die Wände gesehen hätte. Als ob er gewusst hätte, was ich vorhatte. Ich presste mich Schutz suchend an die Wand unter der Fensterbank und brach in ein verzweifeltes Heulen aus. Ganz so als hätte ich gerade einen Mörder gesehen.

Wieso? Wieso stand dieser Kerl da und beobachtete mich, starrte wie ein Irrer auf meine Fenster. Konnte er mich sehen? Sieht er mich jetzt? Sieht er wie es mir gerade geht? Nein, das kann nicht sein!

Ich stand auf, meine Beine fühlten sich an wie Gummi, und wankte ins Wohnzimmer zurück, nachdem ich die Tür hinter mir schloss und kauerte mich wieder aufs Sofa. Ich griff zitternd nach meinem Handy und tippte meinem Freund noch eine Nachricht in der ich beschrieb, was ich gerade erlebte. Ich wollte sie gerade absenden, als ich merkte, wie lächerlich das ganze eigentlich war. Da stand bloß ein Typ vor meinem Fenster, irgendein Stalker womöglich. Wenn ich ihm schreibe, dass mich das so aus der Bahn wirft, dann verliert er noch den Respekt vor mir. Ich behielt die Nachricht also als Entwurf gespeichert und legte es beiseite. Bei einem unwillkürlichen Blick auf den Spalt unter meinem Sofa, bekam ich plötzlich so eine Panik, dass ich meine Füße schnell wieder vom Boden hob und mich vollständig darauf legte. Er könnte ja dort unten sein, wie auch immer das gehen sollte. Mit einem Messer von dort unten auf meinen Fuß einstechen oder mich nach unten ziehen. Die Gedanken daran ließen mich erschauern und mir wurde kalt, trotz der schwülen Nacht. Es war mehr eine Kälte der Schutzlosigkeit, beinahe ein Schüttelfrost. Im Liegen griff ich nach der Schachtel Zigaretten, um mir noch eine letzte anzuzünden, bevor ich mich zum Schlafen legen würde.

Die Sonne schien gerade aufzugehen, als ich aufwachte, was ich aus meinem Arbeitszimmer und der Küche sah. Ich war auf meinem Sofa eingeschlafen, die Zigarette lag noch im Aschenbecher, sie war bis zum Filter heruntergebrannt. Offenbar war ich nach ein paar Zügen eingeschlafen. Ich lag noch da, mit dem Kopf auf der Armlehne und ließ Revue passieren, was gestern Nacht geschehen war. Ich hatte überlegt, ob das alles nur ein Traum gewesen war, doch diese Vermutung verflog recht bald, da die Zigarette, die ich mir zuletzt angezündet hatte ja tatsächlich im Aschenbecher lag. Ein mulmiges Gefühl stieg in mir hoch, noch bevor ich die Beine überhaupt auf den Boden setzen konnte. Das Tageslicht ließ mich dann aber doch mutiger als gestern Abend werden und so ging ich entschlossen zum Fenster und sah auf die Straße; er war weg.

Ich pustete, legte die Arme auf das Fensterbrett, die Hände aufeinander und den Kopf auf den Handrücken. Der Himmel war hell und freundlich, die Sonnenstrahlen streichelten die Blätter der Bäume und meine Laune hob sich von Sekunde zu Sekunde. Einzig die Tatsache, dass ich mir einfach nicht erklären konnte, wer der Kerl war trübte die Stimmung etwas, doch den Gedanken schob ich von mir weg. Im Hintergrund konnte ich noch das leise Surren meines Laptops hören, den ich gestern nicht mehr abschaltete. Ich machte mir einen Kaffee und mich dann auf den Weg zu einer Vorlesung.

Es war ein komisches Gefühl die Wohnungstür hinter mir zu schließen. Es war als würde ich mich aus meiner Schutzzone in eine bedrohliche Welt hinaus wagen. Auf dem Weg zur U-Bahn musste ich auch an der Stelle vorbei, an der er gestern stand und mich beobachtete. Ich verkrampfte leicht, als ich meinen Hof verließ und den Fleck sah. Es war, als stünde er noch immer dort, als würde er mich jeden Moment anfallen, wie ein wild gewordenes Tier, das mich zerfleischen würde; nicht aus Hunger, sondern aus Hass. Ich fragte mich auch ob er möglicherweise an einem der Fenster stand und mich anstarrte, während ich dort vorbeilief.

Auf der Uni erzählte ich meinem Freund die Geschichte, die mir gestern passiert ist. Ich versuchte es nur so beiläufig zu verpacken, um nicht den Anschein zu erwecken, dass mich das groß gestört hatte. So, als hätte ich über einen Spinner aus dem Fernsehen lachen können. Aber er merkte mir meine Angst an.

„Soll ich die Nacht über bei dir bleiben“, fragte er mich, wohl auch in dem Wissen, dass ich heute die Nachtschicht in der Bar hatte und erst spät heimkommen würde. „Ja, wenn du magst. Ist aber kein Muss“, antwortete ich, darin versucht lässig zu klingen, „dann kannst du uns ja auch was zu Essen mitbringen, ich hab echt keinen Bock heute nach dem Dienst noch was zu kochen und ich hab auch kein Tiefkühlzeug zu Hause.“ Er nickte, gab mir einen Kuss und ich machte mich nach der Vorlesung auf den Weg in die Arbeit. Ich hoffte insgeheim darauf den Besitzer anzutreffen, der auch die Dienstpläne schrieb, um zu fragen ob ich so oft wie möglich die Frühdienste bekommen könnte.

Es war schon knapp halb elf Uhr abends, als ich die Bar verlassen konnte; deswegen kam ich erst um elf Uhr nachts an meinem Wohnblock an. Ich spazierte durch die warme Nachtluft den Bürgersteig entlang, doch ich konnte es nicht genießen, obwohl ich warme Nächte im Sommer am meisten liebte. Gleich würde ich am Park vorbeikommen, wenn ich an der nächsten Hausecke abbog. Ich atmete tief durch. Er war nicht da. Ich wandte den Blick, einmal rasch nach links und nach rechts. Er war nirgendwo zu sehen. Das beruhigte mich im ersten Moment zwar, doch ich war trotzdem noch nicht zu Hause angekommen. Meine Schritte wurden schneller und ich sah mich immer wieder um, aus Angst, er könnte in einem Gebüsch oder hinter einer Ecke lauern und mich anfallen. Mein Herzschlag wurde schneller und fester. Als ich gerade in den Eingang meines Hofes einbiegen wollte packte mich etwas von hinten und zog an meiner Schulter. Ich schrie auf, wandte mich um und konnte ihn, für den Bruchteil einer Sekunde, ganz klar vor mir sehen.

„Hey, beruhig dich, ich bin‘s! Ich sollte doch heute Abend vorbeikommen?“ Es war mein Freund, der mich wohl erschrecken wollte. Es dauerte einige Sekunden, bis ich das realisierte, bevor ich mich keuchend an seiner Schulter anlehnte und einmal tief Luft holte. „Ist irgendwas? Ich hab dich schon von weitem gesehen und es sah aus, als hättest du Verfolgungsangst, so wie du dich ständig umgeguckt hast. Die Sache mit gestern setzt dir wohl doch mehr zu als du gesagt hast, oder?“, fragte er mich, als er seine Arme um mich legte. „Naja, nein… Ich geh einfach nicht gerne nachts umher“, versuchte ich seine Annahme zu beschwichtigen. „Keine Angst, ich bin ja da“, antwortete er. Wir gingen zusammen in meine Wohnung. Gerade als ich die Türe aufgesperrt und geöffnet hatte, ging plötzlich das Licht im Treppenhaus aus. Ich wurde panisch und als ich hinter mich blickte, sah ich ganz entfernt in der Dunkelheit eine Gestalt im Hausflur stehen, die ich nur durch ihre von der durch das Laternenlicht vorm Fenster des Treppenhauses konturierte Silhouette erkannte. Ich schrie erneut auf und im selben Moment wurde es wieder hell, als mein Freund den Lichtschalter im Flur betätigte und mich an den Schultern festhielt. „Was ist los? Was ist los?“, fragte er bestürzt. Ich deute in den Gang hinter ihm. „Da war jemand, da ist auf einmal jemand gestanden!“, stammelte ich leise. Er wandte sich um und lief in den Gang um nachzusehen. „Warte, lass mich nicht allein!“, rief ich ihm hinterher und rannte ihm ein Stück nach, bis er um die Ecke bog. Ich stand da einige Sekunden, bis er wieder umdrehte und langsam um die Ecke auf mich zu kam. Er wirkte plötzlich sehr ruhig und  gelassen. „Da ist keiner“,  sagte er, legte eine Hand auf meine Schulter und ging mit mir zu meiner Wohnung.

Er legte ein Plastiksäckchen mit zwei Styroporschachteln darin, das er schon die ganze Zeit in der Hand trug, auf meinem Couchtisch ab. „Ich hab uns Hotdogs mitgebracht, ich hoffe das ist okay?“, fragte er hinter meinem Rücken, als ich gerade dabei war mir die Schuhe auszuziehen. Ich sah zu ihm und nickte. Der Schreck, den mir diese Gestalt eingejagt hatte, saß mir immer noch in den Knochen. „Hey, tut mir leid, dass ich dich vorher erschreckt hab“, sagte er, als er das bemerkte. Ich lächelte: „Ist schon gut, ich werd’s überleben. Das gerade im Flur war schlimmer.“ Wir setzen uns aufs Sofa, aßen zusammen und sahen noch etwas fern. Ich brachte zwar fast nichts runter aber ich war froh, dass er hier war und ich die Nacht nicht allein sein musste. Recht bald beschlossen wir aber ins Bett zu gehen, da wir beide morgen früh wieder Vorlesungen hatten. Wir zogen uns um und machten uns bettfertig.

Ich wurde wach. Ich blinzelte ein paar Mal und wandte mich dann, aus der Umarmung meines Freundes heraus, zu meinem Nachttisch. Es war halb zwei Uhr in der früh. Es dauerte eine Zeit, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnten. Nur durch einen Spalt, zwischen meinen Vorhängen, drang Licht von der Straße in den Raum. Ich blieb eine Zeit so liegen, den Rücken meinem Freund zugewandt, und starrte in die Dunkelheit des Flurs vor meinem Schlafzimmer. Ich merkte förmlich, wie sich meine Pupillen weiteten. Da war etwas. Irgendwas stand da in der Dunkelheit und starrte zurück. Ich konnte die Blicke spüren, wie gestern Nacht am Fenster von dem Mann. Mit dem Ellbogen stieß ich meinen Freund an, um ihn zu wecken. „Duhu… wach auf! Ich glaub, da ist jemand in der Wohnung! Bitte, wach auf!“, flüsterte ich ihm zu. Keine Reaktion. Ich kramte im Nachtschränkchen nach meiner Taschenlampe, die ich für Stromausfälle bei mir hatte, stieg aus dem Bett und legte mir meinen Morgenmantel um. Auf Zehenspitzen ging in Richtung des Flurs meiner Wohnung, den ich mit dem Lichtstrahl der Taschenlampe erhellte und dabei wild und ruckartig die Finsternis durchschneiden ließ. Ich ging weiter ins Wohnzimmer und leuchtete abwechselnd in mein Arbeitszimmer und die Küche daneben. Nichts bewegte sich aber ich konnte einen Blick spüren, der mich durchbohrte. Ich ging langsam zum Fenster und sah auf die Straße.

Da stand er wieder. An derselben Stelle wie gestern und starrte mich wütend an. Ich wich ein paar Schritte zurück, schaltete dann alle Lichter auf dem Weg zum Flur an, versperrte die Wohnungstüre und rüttelte meinen Freund wach. „Er ist wieder da! Er steht da unten am Fenster, wach auf!“ „Geht das nicht auch morgen?“, stammelte er schlaftrunken und drehte sich einmal um. „Nein, nein! Bitte, sieh ihn dir an!“, rief ich und zog ihn an seinem Arm hoch. Er stützte sich mit den Armen ab und gähnte einmal kräftig. „Schon gut, ich schau ihn mir an“, murrte er und schob die Bettdecke zur Seite. „Da, komm zum Fenster!“, wies ich ihn an und zog den Vorhang zur Seite, ohne selbst noch einmal nach unten zu sehen. Er schlurfte zum Fenster und sah nach draußen. „Wo genau soll der Typ stehen?“, fragte er mich und hielt sich die Hände über die Augen. „Na da…“, sagte ich und wandte mich in Richtung des Fensters. Er war verschwunden. „Da unten war er, das schwör ich dir! Er war da. Ich hab ihn gesehen!“, stammelte ich verzweifelt meinen Satz zu Ende. „Und du bist dir sicher, dass du nicht einfach nur schlecht geträumt hast?“, fragte er mich und sah mich aus dem Augenwinkel an. „Ganz sicher…“ Plötzlich versteinerte sich meine Fassade. „Als vorher draußen im Treppenhaus das Licht ausgegangen ist, und du nachgeschaut hast, ob da wirklich wer im Gang war, hatte ich die Wohnungstüre schon offen! Die ganze Zeit! Was ist, wenn jemand in der Zwischenzeit reingegangen ist…?“, stammelte ich. „Nein, nein, hör auf, sowas darfst du dir gar nicht erst einreden!“, fiel er mir ins Wort, „und außerdem: Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun? Komm, legen wir uns wieder schlafen, morgen sieht das alles gleich ganz anders aus. Außerdem bin ich ja da.“ Er griff nach meiner Schulter und führte mich wieder ins Bett, nachdem er die Vorhänge wieder zugezogen hatte.

Als ich ihn kurz darauf wieder leise schnarchen hörte, öffnete ich meinen Laptop und googlte nach ähnlichen Vorfällen und ob irgendwelche Personen dieselben Erfahrungen gemacht hatten wie ich. Ich suchte sogar nach einer Personenbeschreibung des Mannes. Ich startete Skype und sah, dass mein bester Freund aus dem Ort, an dem ich aufwuchs, noch online war. Er war ohnehin immer ein Nachtmensch. Wir videotelefonierten normalerweise immer aber da ich meinen Freund nicht wecken wollte, schaltete ich den Ton ab, sodass wir uns nur in der Kamera sahen und miteinander schrieben. Es tat wirklich gut sein Gesicht zu sehen, ich hatte ihn in letzter Zeit ziemlich vernachlässigt, auch deswegen, weil mein Freund eifersüchtig auf ihn reagierte. Die beiden mochten sich einfach nicht. Ich erzählte ihm in einem langen Chatgespräch, was sich bei mir so alles getan hat, er erzählte mir von sich und seiner neuen Flamme, dass sie ihm hörig, unglaublich naiv und geistig kaputt war. Aber wo die Liebe hinfällt. Auch erzählte er mir von seinem spontanen Auszug und dass er nun auch endlich allein wohnte. Wo genau wollte er mir allerdings noch nicht verraten. Das ganze Gespräch ging aber nicht lange so, da ich irgendwann, nachdem ich selbst ein paar Mal eingenickt war, bemerkte, dass er vor der Kamera eingeschlafen war, nachdem er mit seiner Freundin noch ein paar Nachrichten geschrieben hatte. „Typisch“, dachte ich mir noch, stellte den Laptop neben mich auf‘s Nachtkästchen und missbrauchte das Licht des Monitors als Nachtlicht, bevor ich mich wieder zu meinem Freund kuschelte.

Als ich am nächsten Tag aufwachte war er schon weg. Das war sehr ungewöhnlich für ihn, denn wenn er gehen musste, wenn ich noch schlief, weckte er mich meist mit einem Kuss auf die Stirn. Ich fühlte mich sehr einsam in dem Moment, als ich allein in meinem Bett lag und mir mein Handy schnappte, wie jeden Morgen nach dem Aufwachen. Ich hatte eine Nachricht erhalten, sie kam von meinem Freund: „Können uns heute nicht mehr sehen.“ Mir wurde ganz mulmig, als ich diese Worte las. Ich öffnete seinen Kontakt und rief ihn an. Ich landete direkt in der Mailbox. Ich starrte einen Moment verdutzt an die Decke, das Handy immer noch in der Hand. Ich setze mich auf und lehnte mich auf meinen Ellbogen als ich meine weiteren Nachrichten öffnete. Plötzlich vibrierte mein Handy Sturm. Jede Person in meiner Kontaktliste hatte mir eine Nachricht geschrieben. Es war immer dasselbe: „Wir haben es gesehen.“ Das war definitiv zu viel für jemanden der gerade aufgestanden war. Ich verbannte die Vorstellungen, was hier geschehen sein könnte, aus meinem Kopf als ich ein Trampeln in meiner Wohnung hörte, als würde jemand darin herumlaufen. „Stu, bist du noch hier?“, rief ich verunsichert. Ich rieb mir die Augen, ich merkte schon wieder, wie Panik in mir hoch kroch. Plötzlich vibrierte mein Handy wieder. Ich erschrak und ließ es aus der Hand auf meine Bettdecke fallen. „Scheiße, lass das alles bitte nur einen richtig üblen Scherz sein“, dachte ich mir noch, als ich zitternd mein Handy entsperrte. Die Nachricht kam von meinem Chef: „Du hast heute Spätdienst.“ Mich irritierten diese unpersönliche, formlose Anrede von allen, diese Massennachricht und alles, was die letzten Tage passierte. So packte ich nur schnell meinen Laptop zusammen und machte mich, ohne zu duschen oder mich frisch zu machen, direkt auf den Weg in die Arbeit. Ich hielt es einfach keine Sekunde länger in dieser Wohnung aus. Als die Tür ins Schloss fiel, hatte ich natürlich wieder Unbehagen an dem Park vorbeizugehen. Aber die aufgehende Morgensonne erhellte doch meine Stimmung. Auch trotz dieser ganzen komischen Nachrichten. Immerhin hatte ich ja nichts verbrochen oder betrunken irgendwelche Dummheiten gemacht, also gibt’s auch keinen Grund sich wegen irgendetwas den Kopf zu zerbrechen. Mein Freund und mein Chef waren wohl einfach im Stress und diese Massennachrichten waren wohl einfach genau das; irgendwelche dummen Rundmails. Ich ging wieder an der Stelle im Park vorbei. Er war nicht da. „Gut so“, dachte ich mir, „vielleicht geht es ja heute doch noch bergauf.“

Die Vorlesung hatte ich verpasst, da ich sowieso verschlafen hatte, und so ging ich direkt in die Arbeit und setzte mich noch mit meinem Laptop zu einem freien Tisch, bevor mein Dienst begann. Als ich ihn öffnete, stellte ich fest, dass ich ihn gestern gar nicht mehr ausgeschalten hatte und sogar die Skype-Konversation noch geöffnet war. Mein bester Freund hatte wohl auch verschlafen und alles einfach geöffnet lassen, auch wenn sich die Webcam anscheinend inzwischen selbst deaktiviert hatte. So steckte ich meinen Laptop ans Netz an, um ihn wenigstens noch etwas aufzuladen und begann dann meinen Dienst.

Ich hatte zur selben Zeit aus wie gestern. Ich versuchte noch einmal meinen Freund zu erreichen, um ihn zu bitten doch heute nochmal bei mir zu schlafen. Aber wieder meldete sich nur die Mailbox. So hinterließ ich ihm eine Nachricht, weil ich langsam anfing mir Sorgen zu machen. Ich ging denselben Weg nach Hause wie üblich. Keine Spur von dem Kerl im Park. Ich schloss meine Wohnungstür auf und schaltete sofort alle Lichter an. Ich hatte wieder ein flaues Gefühl im Magen, so als ob ich nicht alleine wäre. Ich ging zum Fenster, noch bevor ich mir die Schuhe aufgezogen hatte, und sah nach ob er wieder da war oder ob ich ihn erwischen konnte, wie er sich vielleicht gerade an die Stelle stellte. Doch keine Spur von dem Mann. Wie gebannt starrte ich auf die Stelle und wandte mich dann plötzlich um, weil ich das Gefühl hatte, etwas in meinem Nacken gespürt zu haben. Ich lief wie wild in der Wohnung auf und ab, öffnete verschiedene Schränke und durchwühlte sie. Ich konnte nicht mal erklären, was ich eigentlich suchte, bis ich den Schlüssel meiner Wohnung auf dem Tisch liegen sah. Ich nahm ihn und versperrte wie jeden Abend, seit zwei Tagen, die Türe und lies den Schlüssel stecken. Ich weiß nicht mehr warum ich das tat aber ich hatte das Gefühl mal einen Blick durch den Türspion verwerfen zu müssen, wie durch eine innere Stimme.

Da stand er! Er stand im dunklen Treppenhaus, direkt vor meiner Tür und starrte meinem Türgucker entgegen. Ich ließ sofort die kleine Scheibe, die den Türspion normalerweise verdeckte, los und rutschte an der Wand hinter mir zu Boden. Vor Todesangst fing ich an zu weinen und zu schluchzen. „Was wollen Sie von mir“, nuschelte ich leise, die Hände vorm Gesicht, „warum lassen Sie mich nicht in Ruhe?“ Ich wimmerte nur noch bis mich plötzlich das Klingeln meines Telefons aus meinen Gedanken riss. Ich schrak auf, hievte mich auf einen Schrank auf und ging zum Telefon, in der leisen Hoffnung, dass es mein Freund war, der anrief. Tatsächlich war es aber mein bester Freund, der gehetzt klang. „Hast du Zeit? Bist du allein? Ich muss mit dir reden!“, stammelte er ins Telefon. Da ich gerade auf alles gefasst war, sagte ich nur ein trockenes „Ja“ als Antwort, bemüht meine verheulte Stimme zu verbergen. „Wir sind anscheinend beide gestern vor der Cam eingeschlafen und du weißt ja, dass ich immer ein Video-Aufnahme Programm mitlaufen hab, wenn ich zocke. Das Programm hat die Skype-Konversation und die Bildschirme auch noch gefilmt als wir schon gepennt haben und… ich muss dir das schicken. Ich bin übrigens mit dem Auto auf dem Weg zu dir! Schau dir das Video an, es ist wichtig!“ Ich drückte eine dicke Träne aus meinem Auge. Was war hier nur los? „Okay“, flüsterte ich, „wann bist du da?“ „In einer halben Stunde etwa“, entgegnete er. „Beeil dich, bitte!“ Ich legte auf und starrte wie gebannt auf mein Handy. Fünf Minuten später empfing ich eine E-Mail. Ich setze mich an den Laptop und öffnete den E-Mail-Anhang dort. Das Video zeigte seinen Bildschirm und das Skype-Fenster, das maximiert war. Im kleinen Bild konnte man meinen besten Freund schlafend in seinem Sessel sehen und im großen Hauptbild mein Schlafzimmer, da ich ja den Monitor, zwecks Beleuchtung, in den Raum gedreht hatte. Zwei Minuten passierte gar nichts bis sich plötzlich etwas im Türrahmen meines Schlafzimmers bewegte. Es war eine Frau, die einige weitere Minuten im Türrahmen zu meinem Schlafzimmer stand und mich und meinen Freund offensichtlich beobachtete. Ihre Haare waren im Weg und so konnte man ihr Gesicht nicht erkennen. Als das Monitorlicht schwächer wurde konnte man nur mehr schemenhaft ihre Silhouette erkennen, wie sie näher an unser Bett kam und dann zum Fenster ging. Sie warf einen kurzen Blick durch die Vorhänge hindurch und schien erschrocken zu meinen Schränken, gegenüber des Fensters im Schlafzimmer zu gehen. Meine Miene wurde kreidebleich als ich sah, was dann geschah; sie öffnete die Schranktür, stieg in den Schrank und schloss die Türe hinter sich. Das Video lief nur noch ein paar Minuten, bis es abrupt stoppte, anscheinend hatte er es zurechtgeschnitten. Ich schmiss den Laptop von mir, rannte in die Küche und zog ein langes Messer aus dem Messerblock. Ich setze mich unter den Fenstersims und rief zuerst die Polizei und dann meinen besten Freund an. „Hast du es ge-“ „WO BIST DU? BITTE KOMM HER!“, fiel ich ihm, mit angespannter Stimme, ins Wort, „ bitte, beeil dich!“ „Sie ist noch da?“, antwortete er. „Ich weiß nicht“, wimmerte ich ins Telefon. „Ich…“, fing ich an, doch die Verbindung war plötzlich unterbrochen, weil mein Handyakku leer geworden war. Ich hatte das ständige Vibrieren, das mich auf einen leer werdenden Akku hinwies, in meiner Anspannung nicht bemerkt. Ich legte das Handy auf das Fensterbrett und griff das Messer fest mit beiden Händen, als plötzlich der Strom ausfiel. Ich konnte ein lautes Knacken hören, das genauso klang, als hätte jemand den Sicherungsschalter umgelegt. „SCHEISSE“, dachte ich mir, kniff die Augen kurz zusammen und sah mich wie verrückt um, „sie ist noch hier, scheiße!“ Meine Augen hatten sich noch nicht an die Dunkelheit gewöhnt aber quer durch die Räume konnte ich kurz etwas vorbeihuschen sehen. Ich wimmerte nur noch als ich mich in kleinen Schritten durch die Wohnung tastete. „Jetzt oder nie“, dachte ich. „IST DA JEMAND?“, schrie ich durch die Wohnung und mein verzweifeltes Keuchen wurde heftiger. Ich spürte wie sich etwas um mich herum bewegte. Ich wandte mich um.

Sie stand mit einer aufgerissenen Fratze neben mir und schrie mir entgegen. Ihr Gesicht war kreidebleich und von schwer deformiert. „GEH WEG! LASS MICH IN RUHE!“, schrie ich und fuchtelte mit dem Messer umher. Ich spürte, dass ich sie traf, sie schrie wie am Spieß und in meiner Angst holte ich immer wieder mit dem Messer aus und stach auf sie ein, auf Möbel und in die Luft. Wohin ich eben traf. Ich hörte wie sie zu Boden fiel. Ich rannte in die Richtung von der ich glaubte den Hausflur ausmachen zu können, doch sie hielt mein Bein fest. Ich spürte einen entsetzlichen Schmerz; sie hatte mich gebissen! Ich entriss mein Bein ihren Fängen und tastete mich zum Sicherungskasten. Im Hintergrund hörte ich entfernt und dumpf ihre Schreie und das Röcheln. Ich musste sie schlimm erwischt haben. Während ich noch nach dem Schalter herum suchte, hämmerte jemand gegen meine Tür. „Ich bins, lass mich rein!“ Es war mein bester Freund. Ich stolperte zur Tür und öffnete sie. Er stand in der Dunkelheit, ich hatte eine schlimme Befürchtung: War es womöglich gar nicht er sondern der Typ vor meinem Fenster? Was hatte das alles zu bedeuten? „Wie geht’s dir?“, fragte er trocken, als er regungslos im Türrahmen stehen blieb. „Was- was hat das alles zu bedeuten?“, fragte ich. Plötzlich traf mich ein Schlag auf den Hinterkopf. Finsternis.

„Ruft einen Krankenwagen! Hallo, können Sie mich hören?“, waren die ersten Worte, die ich wahrnahm, nachdem ich wieder zu mir kam. Ich blinzelte ein paarmal und wandte den Kopf in Richtung der Stimme. „Ja- ja ich bin da“, stammelte ich. „Okay. Sie müssen jetzt mit uns mitkommen. Sie stehen im Verdacht auf mehrfachen Mord.“, befahl der Polizist. Mir wurde beinahe wieder schwarz vor Augen, als mein Verstand realisierte, was er gerade zu mir sagte. Doch noch bevor ich etwas tun konnte, hievte mich ein anderer Polizist auf und legten mir Handschellen an, als sie mich zum Polizeiauto brachten.

Mir wurde der Mord an der Frau in meiner Wohnung, an meinem Freund und an meinem besten Freund zur Last gelegt. In endlosen Verhören erklärten sie mir, dass sie in meiner Wohnung die Leiche der Frau und die zerstückelten, sterblichen Überreste meines Freundes, sowie Blutspuren meines besten Freundes fanden. Von letzterem wollten sie immer wieder den Ort wissen, wo ich seine Leiche versteckt haben sollte. Ich beteuerte, dass mir jede Erinnerung an den Abend fehlte. Man konnte mir den Mord und die Notwehrhandlung im Falle der Frau zwar nicht nachweisen aber die Tatsache, dass man die Leichen bei mir fand und meine Erzählungen von der Frau, die in meine Wohnung eingebrochen sein soll, sowie die Erzählungen des Mannes vor meinem Fenster ließen die Gerichtspsychiater zu dem Schluss kommen, dass ich wohl an einer schweren psychischen Krankheit oder Persönlichkeitsstörung litt, weswegen sie mich freisprachen und in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher verwahrten. Seitdem sind inzwischen zwei Jahre vergangen.

Da ich kooperativ und nicht gewalttätig gegenüber dem Pflegepersonal und den Ärzten war, wurde ich in den Minimumsicherheitstrakt verlegt. Eines Tages kam ein Päckchen an, das an mich adressiert war. Einer der Pfleger brachte es auf mein Zimmer. Es schien, als wäre es schon mal geöffnet worden. „Hier, für dich, Anna“, sagte der Pfleger munter, „es scheint, als denkt doch jemand an dich.“ Ich nahm das Päckchen entgegen und lächelte. Ich hatte wieder das ungute Gefühl im Magen, das ich schon zwei Jahre zuvor hatte. Zitternd öffnete ich die Schachtel. Darin lag ein Zettel mit dem Text:

„Liebste Anna,

vielleicht kannst du alles ein bisschen besser verstehen, nachdem du diese Zeilen gelesen hast. Ich habe in dir, seit wir uns kennen, immer das Schöne gesehen. Ich habe dich immer anders gesehen als alle anderen. Leider auch anders als du mich. Tut mir leid, dass du Sandra wegen mir auf dem Gewissen hast und um deinen Freund aber es ging nicht anders. Du wirst sehen, dass es alles zu einem guten Zweck geschehen ist. Sieh dir die Nachrichten an. Wenn wir schon nicht in Freiheit zusammen sein konnten, dann vielleicht so.

Bald sind wir für immer vereint. Ich liebe dich. Nicht nur als dein bester Freund.

Dein Theo“

Unter dem Zettel lagen ein Foto von Theo, der die Frau, die sich damals in meiner Wohnung versteckte, küsste und einer Bildunterschrift „Sandra & Theo“ sowie eine Latex-Maske ... ein wütendes Gesicht ... das Gesicht des Mannes vor meinem Fenster.

Newsflash:

Nach umfangreichen Verhandlungen kam das Gericht zum Schluss, dass der wegen dreifachen Mordes angeklagte Theodore Kramer, aufgrund einer Paranoiden Schizophrenie, nicht schuldfähig ist und deshalb in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen wird. Die Anstalt stand bereits vor Monaten in den Schlagzeilen, als Anna Howe, die wegen Doppelmordes Angeklagte, ebenfalls in dieselbe Einrichtung eingewiesen wurde. Die Fälle verbindet, dass beide behaupteten von einem unbekannten Voyeur verfolgt worden zu sein, der sie an den Fenstern zu ihren Wohnungen beobachtet haben soll. Die Klinik ist spezialisiert auf die Behandlung von Paranoider Schizophrenie, psychotischer Wahnvorstellungen und anderen schweren Persönlichkeitsstörungen. Aufgrund der Ähnlichkeit und örtlichen Nähe der Fälle wurde die Tatserie als „Voyeurschool“ bekannt.

Irgendwo da draußen gibt es jemanden, der dich liebt.

Jemand, der auch töten würde um dich zu haben.

Jemand, den du immer vernachlässigt hast.

Siehst du, was du angerichtet hast?

... du wirst beobachtet – IMMER!

Horror-face-opposite-side-info24seven

Vertonung (von Aylo)

Teil 1: https://www.youtube.com/watch?v=j6lOO9ITEfE

Teil 2: https://www.youtube.com/watch?v=Q8mhma74TAg

Teil 3: https://www.youtube.com/watch?v=D6KvmSETF88

Vertonung (von CocoNoAka)

https://www.youtube.com/watch?v=fM1pYh_pOoM


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