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Müde starrte ich auf das helle Licht meines Laptops. Die dunklen Stellen unter meinen Augen zeigten nur einen Bruchteil der Hölle, welche ich gestern Nacht durchleben musste. Hätte ich mir doch bloß eine Ausrede einfallen lassen, doch in meiner Naivität glaubte ich, dass ich es ertragen könnte. Wie sehr ich mich doch irrte. In meinem Haus war ein kleines Monster, welches mir den Schlaf raubte und ich wusste, dass es die nächsten Nächte auch kein Ende nehmen würde. Für mich war es kein Wunder mehr, dass die Eltern des Kindes sehr froh darüber waren, als ich ihnen versprach ein paar Tage auf sie aufzupassen.

Eigentlich mochte ich Kinder, doch dieses war selbst für meinen Geschmack zu aktiv. Ständig lief sie durch die Wohnung, rief ständig etwas, was ich nicht verstand und klebte an mir wie der Geruch eines penetranten Parfüms. Normalerweise brauchte es eine Ewigkeit bis mich jemand zur Weißglut brachte, doch diesem Kind hätte ich am liebsten den Mund zugeklebt. Mein eigener Kinderwunsch rückte immer mehr in weite Ferne, je mehr Zeit ich mit ihr verbrachte.

Sie schlief und ich genoss für einen Moment diese angenehme Stille. Es fühlte sich alles so friedlich an. Draußen prasselten winzige Regentropfen gegen die Fensterscheibe und die Äste der Bäume bewegten sich auf den Wellen des Windes. Ich saß drinnen, eingehüllt in meiner Decke und meinem Lieblingstee in der Hand, dass Unwetter beobachtend. Dieser Moment blieb jedoch nicht von langer Dauer. Ein lauter Schrei kam von oben und ich sprang sofort auf. So schnell wie meine Beine mich tragen konnten, rannte ich die Treppe nach oben in mein Schlafzimmer.

Sie saß auf meinem Bett, den Rücken zu mir gekehrt. Sie sagte kein Wort. Nicht ein Mal ein leises Schluchzen war zu hören. Etwas stimmte nicht. Ich ging also zu ihr und berührte sie an der Schulter. Sie zuckte plötzlich zusammen und drehte sich zu mir um.

"Warum hast du eben denn so geschrien?", fragte ich sie besorgt.

Sie schüttelte langsam den Kopf. "Ich war das nicht. Das war Emily..."

Ich wusste nicht wer Emily war. In unserer Nachbarschaft gab es kein Mädchen mit diesem Namen, also fragte ich sie, wer denn Emily sei.

"Sie ist meine Freundin. Sie beschützt mich, wenn ich schlafe.."

Ein leichtes Lächeln erschien auf meinem Gesicht. Bestimmt sprach sie von einer imaginären Freundin, also tat ich so, als ob es sich wirklich um eine reale Person handeln würde. Ich deckte sie wieder zu und sagte ihr, dass sie noch etwas schlafen sollte. Wenn sie jemanden brauchte, dann sollte sie wissen, dass Emily und ich immer für sie da sein werden. Ich wollte gerade aus dem Zimmer gehen, da sagte sie plötzlich: "Emily hat sich weh getan und ist auf die Toilette gegangen..".

Ich wusste, dass Emily nicht echt war, trotzdem machten mich diese Worte sehr unruhig. Das Licht ging aus und ich schloss leise die Tür. Vor der Treppe blieb ich stehen und ließ meinen Blick instinktiv zur Badezimmertür schweifen. Ich schüttelte den Kopf und fing an innerlich über mich selbst zu lachen. Es konnte niemand im Badezimmer sein, schließlich war ich mit ihr alleine im Haus. Trotzdem ging ich auf die Tür zu und redete mir ein, dass ich doch nur auf die Toilette müsste. Natürlich war das eine Lüge, aber ich wollte mir Gewissheit schaffen .

Langsam drückte ich die Klinke runter. Sie war abgeschlossen. Ich presste mein Ohr ganz nahe an die Tür und hörte ganz leise den Wasserhahn laufen. Jemand war dort drinnen. Mein Herz klopfte wie wild und in meinem Kopf wirbelten die Gedanken nur so umher. Wer war dort drinnen? Ich klopfte an die Tür, doch niemand antwortete. Die Tür ließ sich nur mit einem Schlüssel abschließen. Dieser lag auf dem Türrahmen meines Schlafzimmers. Ich ging dort hin, tastete nach dem Schlüssel und fand ihn schließlich dort oben. Mit zitternden Händen steckte ich ihn ins Schlüsselloch und drehte ihn herum. Die Tür sprang sofort auf und ich stürmte hinein.

Dort war niemand. Auch der Wasserhahn war aus. Es war alles genauso, wie ich es verlassen hatte. Wurde ich langsam verrückt und hatte mir das alles nur eingebildet? Aber wieso war die Tür abgeschlossen, obwohl der Schlüssel noch an seinem Platz war? Vielleicht wollte das Mädchen mir einen Streich spielen. Bei dem Gedanken kochte es in mir und ich ging wütend zu meinem Schlafzimmer. Ich öffnete meine Tür, bereit mit ihr zu schimpfen, da sah ich plötzlich etwas, was das Blut in meinen Adern gefrieren ließ.

Sie war nicht allein. Eine Gestalt, ungefähr in ihrer Größe, stand vor ihrem Bett und sah auf das schlafende Mädchen herab. Bewegungslos verharrte sie dort. Erst als ich den ersten Schritt tat, drehte sich die Gestalt um und ich blickte in die kalten Augen eines kleinen Mädchens. Sie war völlig entstellt. Das Gesicht war mit Narben übersät, an manchen Stellen fehlte sogar ihr Fleisch und man konnte ihre Knochen sehen. Ihre Haare bestanden aus schwarzem Rauch, der wie ein dunkler Nebel um ihren Kopf zirkulierte.

Sie sah mich an und lächelte mir zu. Danach drehte sie sich um und verschwand wie ein Geist durch die Wand. Ich stand dort mit zittrigen Beinen und zweifelte an meinem eigenen Verstand. Zuerst das Badezimmer und dann auch noch das. Hatte der Schlafentzug mich schon so weit gebracht? Das Mädchen wachte auf und sah mich mit einem fragenden Gesichtsausdruck an. Ich erzählte ihr nichts davon und brachte sie aus dem Bett. Es war zwar noch eine gute Stunde, die sie hätte schlafen können, aber ich fühlte mich um einiges wohler, wenn sie unten bei mir war.

Mein Tee war mittlerweile kalt geworden, also machte ich mir einen neuen. Dabei fragte ich das Mädchen noch ein Mal wegen Emily.

"Wie sieht Emily eigentlich aus?", fragte ich, während ich mit meinem Tee beschäftigt war.

"Sie sieht eigentlich normal aus, aber sie hat sich im Gesicht Mal ziemlich weh getan und ihre Haare sehen so aus wie die Wolken, die Mama manchmal pustet."

Meine Hand zitterte und ich musste aufpassen, dass mir die Tasse nicht herunterfällt. Das konnte doch einfach nicht echt sein. Das passierte alles nicht wirklich.

"Sie ist bei mir, wenn ich schlafe und passt auch auf mich auf, wenn Mama und Papa sich immer streiten", fügte sie hinzu.

Ich versuchte mich zu beruhigen und wechselte schnell das Thema. Emily existierte nicht. Es gab sie nicht wirklich. Ein Teil von mir glaubte es irgendwann, der andere zweifelte an meinem Verstand. Es war alles in Ordnung bis die Nacht hereinbrach. Ich wachte auf und sah wieder dieses Mädchen vor meinem Bett stehen. Sie schaute die ganze Zeit auf das andere Mädchen herab und als die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster schienen, verschwand sie auch schon wieder in der Wand. In den darauffolgenden Nächten dasselbe.

Jedes Mal lief mir ein kalter Schauer über den Rücken und immer, wenn ich sie ansprach, lächelte sie mir zu und verschwand wieder vor meinen Augen. Nach einigen Tagen reichte es mir und ich griff panisch nach dem Telefon. Ich brauchte unbedingt Hilfe und wählte die Nummer eines Therapeuten. Gerade als ich auf die Taste drücken wollte, klingelte plötzlich das Telefon. Ein Mann war zu hören.

"Guten Tag, entschuldigen sie die Störung, aber mir liegt hier vor, dass sie derzeit auf das Kind ihrer Nachbarn aufpassen?".

Ich bejahte.

"Es geht um die Eltern...", es verging ein kurzer Moment der Stille, ehe er wieder sprach. "Ihre Eltern sind bei einem Raubüberfall ums Leben gekommen...".

Ich senkte den Hörer. Tränen rannten mir die Wangen hinunter und mein Herz blieb beinahe stehen. Meine Nachbarn waren tot? Ich ließ fast das Telefon fallen, mein ganzer Körper zitterte und meine Stimme verwandelte sich in ein kaum wahrnehmbares Flüstern.

"Wann ist es passiert?", fragte ich.

"Vor einigen Tagen hat man ihre Leichen gefunden. Ich hoffe das Mädchen erleidet nicht dasselbe Schicksal. Es ist, als ob ein Fluch auf dieser Familie lasten würde...".

Ein Fluch? Was meinte der Mann damit?

"Wissen Sie nichts von der anderen Tochter?", fragte er mich verwirrt.

Ich schüttelte den Kopf, bemerkte aber, dass der andere das doch nicht sehen konnte. "Nein...davon wusste ich bisher nichts...", sagte ich.

"Eine schreckliche Geschichte, wissen Sie....ihr Name war Emily und man hat sie tot in der Wohnung aufgefunden. Der Fall konnte nie geklärt werden.."

Das war zu viel für mich. Ich legte auf und setzte mich auf einen Stuhl. Das war nicht echt. Dieser Anruf hatte nie stattgefunden, es gab keine Emily...es gab sie nicht...es gab sie nicht. Immer wieder versuchte ich es mir einzureden. Wieder klingelte das Telefon. Es war die selbe Nummer wie eben auch. Das bildete ich mir nur ein, in Wahrheit rief niemand an. Irgendwann reichte es mir und ich schaltete das Telefon komplett aus. Ich hatte meine Ruhe.

Ein weiteres Mal brach die Nacht herein, doch diese war anders als die anderen. Wieder stand Emily dort, aber dieses Mal bewegte sie sich. Sie strich dem Mädchen mit ihrer blutverkrusteten Hand durch die Haare und ich hörte sie das erste Mal sprechen.

"Ich sagte doch, dass ich dich beschützen werde...", sagte sie mit einem zufriedenen Lächeln. "Dir wird nicht dasselbe passieren wie mir.."

Danach schaute sie zu mir herüber, lächelte mir zu und verschwand wieder in der Wand. Was meinte sie damit? Am nächsten Tag stand die Polizei vor meiner Tür und erzählte mir ein weiteres Mal vom Tod ihrer Eltern. Sie hatte keine Eltern mehr, also bot ich an, mich um sie zu kümmern. Heute lebt das Mädchen bei mir und ich kümmere mich um sie, so gut ich kann. Seit dem sie bei mir wohnt, hatten sie und ich, Emily nie wieder gesehen.

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