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Dunkle Wolken erheben sich über den nächtlichen Himmel und verdunkeln die schwach beleuchtete Stadt. Es scheint, als würde die Dunkelheit selbst das Licht der spärlich verteilten Straßenlaternen verschlucken. Es ist kalt, eine eisige Brise fegt durch die unbelebten Straßen. Es ist spät; alle Einwohner schlafen bereits oder sitzen auf ihren Sofas. Nur eine Person wandert noch durch die Nacht. Seine blonden Haare wehen sachte im Takt des Windes. Eisblaue Augen spähen aus ihren tiefen, dunklen Höhlen und lugen heimlich durch die Fenster der Häuser. Neid und Missgunst zeichnen sich auf seinem Gesicht ab während er die glücklichen Familien beim Essen oder gemeinsamen Fernsehen sieht. Langsam gleitet seine rechte Hand an seiner verschlissenen Winterjacke nach unten, deren einst schwarze Farbe mehr und mehr von der Nacht verschluckt wird. Seine Hand, bereits blau angelaufen, tastet nach der Jackentasche und zieht eine gekrümmte Zigarette heraus. Zitternd führt er sie sich an seinen Mund und tastet zeitgleich in seiner Tasche nach Streichhölzern. Nachdem er die Zigarette anzündete und den ersten, tiefen Zug nimmt, atmet er erleichtert auf. Mittlerweile am ganzen Körper zitternd, schleicht der Junge zu der nächstbesten Bank und setzt sich verkrampft hin. Der Rauch, den er ausatmet vermischt sich mit seinem Atem und verschwindet augenblicklich in der Nacht. Mittlerweile bereut er es, nach dem kärglichen Abendessen nach draußen geflüchtet zu sein, aber er hatte die ewige Streiterei seiner Eltern nicht länger ertragen können. Nachdem er die Zigarette aufgeraucht und den Stümmel in ein Gulli geworfen hat, kehrt er wehmütig zu seinem Haus zurück.

Noch lange bevor er eintritt, steht er draußen vor der Tür und zögert. Das Haus unterscheidet sich rein optisch von den anderen Häusern; Während die umliegenden Häuser mit edlen Fassaden und Dekor geschmückt sind, blätterte hier bereits das Holz. Durch die Fenster ist nichts typisches auf der Fensterbank zu sehen wie bei den anderen Häusern, man sieht nur vergilbte Vorhänge und schwaches, dunkles Licht welches leicht hindurchscheint.


Der Junge steht nun vor der Haustür und kramt erneut in seinen Taschen. Eine Türklingel existiert hier nicht. Es würde sowieso nie jemand aufmachen. Nachdem er seinen Schlüssel gefunden hatte und vorsichtig die Tür aufschloss, um bloß keine Aufmerksamkeit auf seine Rückkehr zu lenken, tritt er leise in den Flur ein. Hinter der geschlossenen Wohnzimmertür vernimmt er bereits die gedämpften Schreie seiner Eltern. Immer noch leise zieht er seine dreckigen Schuhe aus und will nach oben in sein Zimmer schleichen, als das Geschrei lauter wird, so laut dass er kaum mehr unterscheiden kann ob da gerade seine Mutter oder sein Vater schreit. „Und immer nur baust du Mist, um einen neuen Job kümmerst du dich auch schon ewig nicht mehr, ich weiß gar nicht was in mich gefahren ist dich zu heiraten! Das einzige, was du bisher hinbekommen hast ist es mich zu schwängern, wobei der Unfall entstand der gerade oben liegt und den wir auch noch ernähren müssen!“, schreit die Mutter hysterisch. Aus den eisblauen Augen laufen Tränen, über die dunklen Augenringe und seine bleiche Haut hinweg, nur um am Kinn zusammenzulaufen und nach unten zu tropfen. Langsam dreht er sich Richtung Treppe und schlurft leise schluchzend nach oben. Seine bittere Verzweiflung durchzieht seinen ganzen Körper und er fängt erneut an zu Zittern, diesmal aber nicht vor Kälte.


Seine Zimmertür wird geschmückt von alten, morschen Holzbuchstaben die den Namen „Morgan“ darstellen. Seine Hand bewegt sich zum Knauf und dreht ihn. Langsam öffnet er die Tür und fühlt sich schlagartig warm. Ja, sogar ein schwaches Lächeln erscheint auf seinem Gesicht. Im Gegensatz zum Rest des Hauses ist sein Zimmer farbenfroh und einladend dekoriert; Die Wände sind in einem schönem Blau gestrichen und man konnte fast meinen es riecht noch nach frischer Farbe. Seine Möbel bestehen aus Holz, die Akzente passen aber zur Zimmerfarbe. Mit einem Anflug von guter Laune zieht sich Morgan bequeme Sachen an und schmeißt sich sofort auf sein Bett. Immer mehr döst Morgan vor sich hin, bis er im Schlaf versinkt.


Ein Junge von 17 Jahren verlässt glücklich ein Schulgebäude. In seiner Hand hält er beschriebene Blätter auf denen neben der üblichen Kugelschreiberschrift roter Stift sichtbar ist. Der Junge freut sich über seine Note in der Klausur; noch mehr aber freut er sich darauf es seinen Eltern zu berichten. Nach einer kurzen Busfahrt steht der Junge vor einem sehr einladend wirkendem Haus. Selbstsicher schreitet er zur Tür und klingelt. Der Geruch von frisch gekochtem Essen liegt bereits in der Luft. Eine lächelnde Frau mittleren Alters öffnet die Tür. „Hallo Schatz, da bist du ja endlich, Ich wusste gar nicht wann du kommst, das Essen dauert noch einen Moment. Wie war es in der Schule?“, fragt die Frau den Jungen neugierig. „War wie immer. Aber Ich habe eine gute Neuigkeit, guck mal was ich in der Klausur hier für eine Note habe.“, sagt der Junge freudig. „Ja, aber komm erstmal rein.“, antwortet die Mutter warm. Die Tür schließt sich hinter den beiden.


Ein lautes Klopfen weckt Morgan aus seinem Schlaf. „Steh endlich auf, du kommst zu spät zur Schule, oder wo du dich auch immer rumtreibst!“, keift die Mutter durch die noch geschlossene Tür. Morgan murmelt leise „Ja“ und steht auf. Sein Zimmer sieht morgens immer anders aus; Auch jetzt war die Farbe, wie im Rest des Hauses, abgeblättert und das Zimmer wirkt trist. Gemächlich geht Morgan die Treppe runter und setzt sich an den muffigen Frühstückstisch in der Küche. Seine Mutter saß bereits dort, eine Zigarette und Kaffee in den Händen. Mit zusammengekniffenen Augen starrt sie Morgan an. Morgan kann ihren Blick nicht richtig einordnen, doch er vermutet diesselbe Missbiligung und Verachtung wie sonst auch. Plötzlich steht die Mutter abrupt auf und geht zu einem der Küchenschränke. Murrend öffnet sie einen und murmelt „Nichtmal das Frühstück kann er sich selber vorbereiten.“. Sie kehrt mit einer Packung Cornflakes zurück und donnert sie auf den Tisch. „Besteck und Schale wirst du dir wohl noch holen können, oder?“, ranzt sie ihn an. Morgan antwortet mit Schweigen, so wie er es immer tat. Er befürchtet alles mit einer falschen Antwort nur noch schlimmer zu machen. Doch Morgan versucht es trotzdem; „Wo ist Papa?“, fragt er mit einer gespielt zärtlichen Stimme. „Keine Ahnung wo der sich wieder rumtreibt. Ist mir auch egal, und dir kann das erst recht egal sein.“, schnauzt sie zurück. Von da an beeilte Morgan sich mit dem Frühstück; Er lief zurück in sein Zimmer und machte sich dann schwerfällig auf den Weg zur Schule.


Es ist ein dunkler Morgen, die Schwärze der letzten Nacht hängt noch immer bedrohlich über der Stadt. Außer Morgan befindet sich niemand auf diesen Straßen; Er ging den anderen Schülern bewusst aus dem Weg. Sie mobbten ihn nicht, viel eher schien es so als hätten sie Angst vor ihm. Er verstand es selbst nicht und hätte die Gründe zu gern gewusst, doch er wusste nicht wie er es anstellen sollte diese Informationen zu bekommen, geschweige denn ein vernünftiges Gespräch zu führen. Morgan ist ein stiller Beobachter; kalt, rational und mit einem messerscharfen Verstand. Es schien als könnte er alles durchblicken, jede kleinste Lüge entdeckte er. Manchmal hatte er das Gefühl Gedanken lesen zu können.

Auch vor dem Schulgebäude hält Morgan sich unentdeckt und beobachtet andere Schüler, wie sie schwatzend zu ihrem Unterricht gehen. Er sieht wie sie Spaß haben und sich gegenseitig zum Lachen bringen, und sein Magen versetzt ihm einen leichten Stich. Allmählich macht er sich auf den Weg zu seinem Raum, nur um wie sonst auch seinen Gedanken völlig nachzuhängen und den Unterricht komplett auszublenden.


„Guck dir seine Augen an. Wie blau sie sind, es sieht fast so aus als würden sie strahlen.“, zischelt es in einer Sitzreihe. „Unheimlich. Ich habe das Gefühl er sieht alles und ist gar nicht so abwesend wie es immer aussieht.“, ertönt es ein paar Plätze weiter. „Ruhe bitte!“, unterbricht die Lehrerstimme das Geflüster.


Morgan blickt auf. Der Raum wirkte viel einladender als eben. Zufrieden sieht er sich um. Die anderen Schüler erwidern seinen Blick freundlich und unterhalten sich mit ihm. Auf einem Tisch sieht Morgan einen Zettel voll mit guten Noten.

„Morgan?“, fragt eine Stimme. Verwirrt blickt er sich um. Besorgt mustert ihn seine Lehrerin. Lautes Gekicher ertönt ihm ganzen Raum. Peinlich berührt schweift Morgan's Blick durch den Raum, Satzfetzen ertönen in seinem Kopf. „Und es ist schon wieder passiert...“, „Der Junge ist mir unheimlich...“, „Warum ist der überhaupt hier wenn er geistig eh nicht anwesend ist?“. Morgan packt sich an den Kopf und spürt einen stechenden Schmerz in seinen Augen. Es kam ihm vor wie Stunden bis der Schmerz sich legte. Zögernd blickt er auf. 20 erschrockene Gesichter blicken in seins.


Nachdem Morgan sich nach dem Vorfall hektisch krankmeldete um früher nach Hause zu kommen, dachte auf dem Heimweg nach was passierte. Er war verwundert; Sein bleiches Gesicht hatte einen noch blasseren Ton angenommen und schwindelig war ihm auch. „Wieso sehe ich immer Dinge die niemand sonst sehen kann? Sind es Visionen? Was stimmt nicht mit mir? Ist das der Grund warum viele Angst vor mir haben?“, dachte Morgan sich verzweifelt. Ihm war immer schwindeliger, bis er sich an einer Straßenlaterne anlehnen musste. Erneut fühlt er ein Pochen in seinen Augen.


Schwarze Schatten und Schemen wirbeln durcheinander, bis sie Farbe und Form annehmen. Brennende Autos sind zu sehen, Blut auf dem Asphalt. In der Ferne sind Sirenen zu hören, Blaulicht taucht am Horizont auf. Die Schatten verwirbeln sich wieder, man sieht nun ein Zimmer, offenbar in einem Krankenhaus. Auf dem Bett liegt ein bleicher Junge mit blonden Haaren. Ein Arzt hebt die Lieder des Jungen an. Sie sind Eisblau und starren ins Nichts. Neben dem Bett stehen zwei Personen, eine Frau und ein Mann. Die Frau weint bitterlich, ihre ebenfalls eisblauen Augen sind gequollen und rot. Der Mann hat seine Augen geschlossen; es scheint als würde er es nicht sehen wollen. Der Arzt lässt von dem Jungen ab und wendet sich an den Mann und die Frau, offenbar diee Eltern des Jungen: „Er reagiert immernoch nicht auf jegliche Tests. Wir konnten Schäden an seinem Gehirn ausmachen, es ist aber noch Intakt. Er ist nicht Hirntot. Sie müssen die Entscheidung treffen wie lang sie ihn noch künstlich am Leben erhalten wollen. Natürlich besteht immer die Chance, dass er wieder aufwacht aber...ziemlich oft vergehen Jahrzehnte, oder sie wachen überhaupt nicht mehr auf. Es tut mir sehr leid.“, erklärt der Arzt mitfühlend und verlässt langsam den Raum. Die Frau bricht zusammen, der Mann versucht sie zu stützen. Die Farbe verschwindet und es bleiben nur Schemen übrig.


Morgan liegt auf dem Boden und übergibt sich. Er fällt auf den Rücken und schreit vor Schmerzen, mittlerweile werden auch Passanten auf den Jungen aufmerksam. Es wird wieder schwarz und erneut bilden sich Schatten wieder zu dem Krankenhauszimmer.


"Die Ärzte meinten, selbst wenn er wieder aufwacht wird er bleibende Schäden davontragen. Das hat unser Junge nicht verdient, ich möchte die Maschinen abschalten. Dann kommt er vielleicht an einen weniger grausamen Ort.“, sagt die Mutter mit zittriger Stimme, die feuchten Augen auf den Jungen im Bett gerichtet. Auf dem Nachttisch stehen frische Blumen. Sie bilden einen Kontrast zu dem sehr sterilen Zimmer. Der Vater sitzt mit geschlossenen Augen auf einem der Stühle. Er antwortet nicht und sein Gesicht wirkt verkrampft. „Schatz. Bitte.“, redet die Mutter zögerlich und sanft auf ihn ein. Der Vater öffnet die Augen richtet seinen entschlossenen Blick nun auch auf das Bett. „Ja.“, antwortet er gebrochen, „Wir können nur hoffen dass er eine schöne Gedanken hatte. Vielleicht hat er uns gehört oder gesehen...“. Eine einzelne Träne läuft dem Vater über das Gesicht.


Noch immer wälzt sich Morgan unruhig auf der dreckigen Straße umher. „Nein...Nein...“, schreit er und drückt seine Hände auf die Augen.


Schemen nehmen erneut Gestalt an. Ein Arzt schreitet zu dem Beatmungsgerät, sein Finger richtet sich langsam auf einen Knopf. Mutter und Vater halten ihren Sohn ein letztes mal in den Armen und küssen ihn, ihre Tränen benetzen seine Haut und lassen sie etwas lebendiger wirken.


„NEIN. Tut das nicht“, schreit Morgan verzweifelt, doch es ist das letzte was ihm entweicht. Reglos bleibt er auf der Straße liegen, die Augen geöffnet. Passanten versuchen verzweifelt ihn wiederzubeleben, doch seine Augen starren längst nur noch in den trüben Himmel.


Mutter und Vater schluchzen und blicken ihren Sohn an. Seine Augen sind steif auf die weiße Zimmerdecke gerichtet. Längst dringt kein Licht mehr bis zu seiner Netzhaut.


Dunkelheit.


---XxHunterXx---

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