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Die Sümpfe versuchen mehrmals, mich zu verschlingen, doch ich kämpfe tapfer weiter, um ihnen und dem Nebel zu entkommen. Nach einer Weile erkenne ich vor mir die Umrisse eines kleinen Gebäudes. Ich wate weiter durch den gluckernden Schlamm und erreiche ein festes Stück Erde, als ich schon fast bis zur Brust versunken bin. Jetzt haben sich die Umrisse verschärft und ich sehe vor mir eine kleine Kapelle, sauber, aus weißem Stein – sie passt kein bisschen in diese Szenerie.

Ich klettere auf die feste Erde und laufe erschöpft zum Eingang. Erst gebe ich mir Mühe, die Holztür nicht mit Schlamm zu beschmutzen, aber da ich anschließend sowieso den Boden dreckig machen werde, sobald ich die Kapelle betreten habe, ist es eigentlich egal.
In der Kapelle befinden sich jeweils drei Bänke an der linken und rechten Wand, dazwischen ein schmaler Gang. Lediglich ein rundes Fenster schmückt die Wand gegenüber dem Eingang, doch da es draußen dunkel ist, scheint es fast schwarz. Ein schlichter Kronleuchter hängt an der Decke und erhellt unnatürlich stark den Raum. Der Altar vor den Bänken ist aus weißem Marmor und darauf liegen offensichtlich einige durch ein rotes Tuch verhüllte Gegenstände.
Ich laufe neugierig darauf zu und entferne das Tuch – es ist so leicht, dass es ganz langsam zu Boden sinkt. Doch das bekomme ich gar nicht mit, denn die enthüllten Gegenstände rauben mir den Atem. Es sind drei – eine lilafarbene Orchideenblüte, eine Schneekugel, in der man den Eifelturm sehen kann und ein Einweckglas, gefüllt mit Blättern und Stöckchen. Innen am Deckel kriecht eine Schnecke.
Die Orchideenblüte stammt von meiner Pflanze auf meiner Fensterbank. Mali hat sie mir geschenkt – an meinem Geburtstag vor drei Tagen, bevor sie auf rätselhafte Weise einfach verschwunden ist und bis jetzt nicht gefunden wurde. Die Schneekugel hat sie mir mitgebracht, als sie eine Woche mit ihrer Familie in Paris war und das Einweckglas mit der Schnecke gehörte ihr, früher, als wir klein waren und zusammen Schnecken gesammelt hatten.
Eine Träne läuft meine Wange runter und da niemand hier ist, wische ich sie nicht weg. Ich drehe mich um und möchte mit dem Rücken zum Altar auf den Boden sinken, doch vor mir auf der vordersten Bank sitzt ein Mädchen, das mir erneut meinen Atem raubt.
»Mali«, flüstere ich, laufe langsam auf sie zu und nehme ihre Hände. Sie steht auf und wir umarmen uns. Auch ihr laufen Tränen die Wangen runter.
»Wo bist du gewesen?«, frage ich langsam und sie lächelt.
»Ich bin doch gar nicht wieder da«, antwortet sie, »weißt du denn gar nicht, dass wir hier in deinem Traum sind?«
Ich fange stärker an zu weinen und presse sie wieder an mich. Nach einer Weile setzen wir uns nebeneinander auf die Bank und schauen auf das dunkle Fenster.
»Ich wurde gewarnt«, meint Mali nach einer Weile und ich schaue sie verständnislos an. »Aber ich habe nicht reagiert, es war meine Schuld, dass ich gestorben bin.«
»Du bist also tatsächlich tot?«, frage ich und bin überrascht, dass mich das nicht sehr beeindruckt. Es ist selbstverständlich traurig aber mit etwas anderem habe ich nicht gerechnet. Außerdem, wenn ich Mali Glauben schenken kann, bin ich hier in einem meiner Träume und all das muss nicht zwingend der Wahrheit entsprechen.
»Wenn du gewarnt wirst, dann nimm dich in Acht, versprochen?«
Ich nicke und schaue weiter Mali in die Augen, warte darauf, dass sie noch etwas sagt. »Wie werde ich gewarnt?«, frage ich anschließend, denn offensichtlich hat sie nicht vor, etwas weiteres zu sagen.
»Ein Auge wird es sein. Hoffe, dass es nie erscheint, hoffe, dass du nicht das gleiche Schicksal erleidest wie ich.«
»Das hoffe ich, und ich verspreche, dass ich Acht geben werde.«
Sie lächelt noch einmal, dann steht sie auf und läuft auf die Tür zu. Ich schaue ihr nach und sie blickt noch einmal über ihre Schulter. »Wache jetzt auf, dein Leben ist mehr wert als die Traumwelt, in die du versinkst.«
Die Tür öffnet sich und Mali verschwindet in einem weißen Lichtschein.
Plötzlich fliegt die Tür wieder ruckartig zu und die Kapelle erzittert. Sie klirrt, als würden unzählige Fenster zerspringen. Das Geräusch wird immer nervenzerreißender.
Ich halte mir die Ohren zu und …

… drehe mich im Bett, um den Wecker auszuschalten. Ich bin schweißgebadet aber glücklich über den Traum. Auf eine seltsame Weise war er wunderschön, wie ein Abschied von Mali, ich bin mir sicher, sie war es wahrhaftig.
»Frühstücken kommen, na los John!«, ruft meine Mutter aus der Küche und ich stehe auf, ziehe frische Socken an und laufe durch den Flur in die Küche.
»Morgen …«
»John«, quietscht meine Mutter und schaut entsetzt auf eine Stelle über meinen Augen, »was soll das?«
»Was soll was?«, frage ich und schaue hinter mich.
»Na, das auf deiner Stirn, was soll das darstellen?«
Ich schaue meine Mutter skeptisch an, dann renne ich ins Bad und höre meine Mutter hinter mir herlaufen.
Als ich in den Spiegel schaue, erblicke ich auf meiner Stirn ein schwarzes Auge – ehe es sich in meine Haut zurückzieht und nichts mehr zu sehen ist.
Danke Mali, für die Warnung.

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