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Es gibt zwei Arten, jemanden zu pfählen, beide sind eng mit dem klassischen Vampirmythos verbunden. Nummer Eins ist die zweifelsohne Bekannteste: Das „Opfer“ wird in seinem Sarg mit einem hölzernen Pflock durchbohrt, direkt durch das Herz. Auf diese Weise, so sagt die Geschichte, besiegt man Vampire. Der interessante Aspekt ist vielen Leuten jedoch kaum bekannt, so heißt es nämlich nicht, dass der Vampir dadurch stirbt. Er wird lediglich an sein Grab genagelt, es ist also vielmehr eine symbolische Gefangenschaft. So könnte man ebenfalls meinen, dass ein Vampir wieder auferstehen kann, wenn man einfach den Pflock wieder entfernt.

Die zweite Methode ist in allem eine Stufe höher. Größerer Pflock, größere Effizienz, größerer Ekelfaktor. Den Geschichten nach angewendet von dem Walachenfürsten Vlad III. Draculae, besser bekannt unter seinem Beinamen Vlad Tepesh, ein Begriff, der auf Deutsch „Der Pfähler“ bedeutet... und genau das meint, was er sagt. Vlad III. ist der vermutlich größte Einfluss auf Stokers Roman um den blutsaugenden Vampirgrafen Dracula und einer der zwei größten für den Vampirmythos überhaupt. Wenn er auch die meisten seiner Gräueltaten zu Lebzeiten beging.

Der Pfähler, Tepesh, erhielt diesen Beinamen, weil er seine Opfer nur allzu gerne auf eine grausame Weise ermordete: Er nahm einen Pfahl, vielleicht drei Meter hoch, manchmal etwas mehr oder weniger, rundete ihn an der Spitze ab und rammte ihn in den Boden, sodass er aufrecht stand wie ein Fahnenmast. Ich nutze diesen Vergleich einmal um nahezubringen, dass Gerüchte zischeln, Dracul habe sich diese Methode als Steigerung zu dem damals bei den türkischen Heerscharen üblichen „Kopf auf dem Fahnenmast“ ausgedacht. Wie auch immer, grausamer wird dieses auf jeden Fall.

So der Pfahl nämlich steht, wird ein wenig Öl darüber gegossen und ein Mensch, nackt wie Gott ihn schuf, darauf gesetzt. Bei Männern wird der Pfahl allgemein durch den Anus, bei Frauen durch die Vagina eingeführt und das Opfer nun langsam, sehr langsam und sehr schmerzhaft, hinabgesenkt. Glaubt mir, so etwas tut verflucht weh, wenn deine Eingeweide zur Seite gepresst werden, bis irgendwann der Pfahl deine Halsbeuge erreicht, durchbricht und du dort hängst...

manchmal für Tage, ohne zu sterben.

Ich habe öfter darüber nachgedacht, ob an Vlads Geschichten über den Pfähler etwas Wahres dran ist, und auch wenn ich die Zeichnung, die ihn speisend in einem Wald aus Pfählen zeigt, gesehen habe, reichte meine Imagination nie so weit aus.

Als ich es dann mit eigenen Augen sah, war ich nicht sicher, warum ich es überhaupt versucht hatte.




Der Tag hatte erstaunlich sonnig angefangen, es war warm und gute Laune strömte durch meine Adern. Wortwörtlich natürlich, Biologen wissen wovon ich rede. Ich konnte mich sogar auf einen eher entspannten Schultag freuen, der aus sechs Schulstunden bestand, jeweils zweimal Deutsch, Religion und Informatik. Als ich die Schule betrat, pünktlich um sieben Uhr dreiundvierzig, ahnte ich, dass daraus nichts werden würde, als ich inmitten der Pausenhalle das sah, was man gerne als Schock fürs Leben bezeichnet. Ein Mann, mir erst auf den zweiten Blick als einer unserer Geschichtslehrer bekannt, nackt und vollkommen verkrampft auf einem hölzernen, gut drei Meter langen und vielleicht zwei Armdicken umfassenden Pfahl steckend.

Mein erster Impuls war Brechreiz. Ich taumelte, lehnte mich an die nahe Wand und blickte nach unten. Als ich tief ein- und ausatmete verging dieser, vielleicht lag es aber auch daran, dass ich diesen Anblick nicht mehr ertragen musste. Auch wenn dieses Gefühl nur Sekunden dauerte, denn danach... obsiegte die Neugier.

Ich drehte mich um und überblickte den Raum. Erst jetzt sah ich wirklich, was los war. Ich war nicht die erste Schülerin in der Pausenhalle, und einige meiner Klassenkameraden standen – in angemessenem Abstand – um den Pfahl herum. Ich hörte Ausdrücke des Ekels, sah mit Händen verdeckte und bleiche Gesichter und zwei Mediziner, vermutlich von einem Lehrer gerufen, die ratlos um den Pfahl herum standen und überlegten, wie sie ihn dort herunterholen sollten.

Ich kannte die Lösung. Der Pfahl, auf dem der Lehrer steckte, war spitz, so wie ein brandneuer Bleistift. Der Mann war schon tot, so viel stand fest. Und jetzt urteilt nicht vorschnell über mich, ich bin nicht allzu empfindlich bei solchen Dingen. Nachvollziehbar, wenn mein Hobby in die Verfolgung paranormaler Ereignisse und Gräueltaten der Welt ist. Jedenfalls fasste ich mir ein Herz und spannte meinen Magen an, schritt auf die Notärzte zu und sprach sie an: „Geben Sie sich keine Mühe. Der Mann ist offensichtlich tot, Sie können ihn einfach vom Pfahl nehmen.“

Sie blickten mich an und ich konnte zugleich Verwunderung und Missbilligung in ihren Augen sehen. Irgendwie verständlich. Stelle man sich mal vor, wie es für sie ausgesehen haben muss: Eben erst Zeugen eines unfassbaren Foltermordes und nun kommt ein 1,75 Meter großes Mädchen daher und ballert sie rotzfrech und kaltschnäuzig damit zu, dass der Kerl eh schon tot sei. Dennoch, die Arroganz in ihren Blicken störte mich. Als wollten sie sagen: „Schätzchen, wir wissen wie wir unsere Arbeit zu machen haben. Also geh wieder zu Mami und nerv nicht.“

Machen wir es kurz, ich sollte mich entfernen und tat es, bis die Männer mithilfe von Leitern tatsächlich den Leichnam entfernten, und die ganze Zeit zitterte ich vor Ungeduld. Ich stand nur da und wartete darauf, mich wieder zum Pfahl gesellen zu können um etwas nachzuprüfen, das mir eben ins Auge gesprungen war. Kurz nachdem die Leiche weg war, kam natürlich die Polizei dazu und mir wurde klar, dass das alles nicht klappen würde.

Zugegeben, so ganz schade fand ich das nicht. Während ich es mir auf einer der Bänke in der Pausenhalle gemütlich machte und mich einen Dreck darum kümmerte, dass ich eigentlich seit einer Viertelstunde Unterricht hatte – ähnlich wie alle anderen, die noch hier saßen. Scheinbar hatte der Pfahl den Effekt eines Autounfalls: Schlimm, aber man muss hingucken – ließ ich meinen Blick erneut wandern und fokussierte ihn letzten Endes an einer kleinen Clique aus meiner Parallelklasse. Erwin, Marcel und Laura, die mit erstaunlich ernsten, weniger angewiderten Gesichtern in einer Ecke standen, den Blick immer wieder auf den Pfahl richteten, der von der Polizei untersucht wurde und sich scheinbar darüber unterhielten. Ich war mehr als zu weit weg, um auch nur ein Wort zu verstehen, aber das wollte ich auch nicht. Meine Augen hefteten sich ganz an Marcel.

Ich könnte nicht sagen, was genau ich an ihm so toll fand. Ich hatte kaum je mit ihm gesprochen, von ein paar Sätzen im Unterricht abgesehen, aber dennoch freute ich mich jedes Mal, wenn ich ihn auch nur ansehen konnte. Dazu kam die leichte Freude zu wissen, dass er zwar dauernd mit Laura abhing, diese aber mit Mitglied Drei, Erwin, zusammen war. Damit bestünde eine theoretische Chance, dass ich bei Marcel landen könnte, wenn... Na ja, wenn das Wörtchen Wenn nicht wär'.

„Melanie Grünehoon?“ Die Erwähnung meines Namens riss mich aus den Gedanken und ließ mich aufblicken. Vor mir stand eine Polizistin, gut zwanzig Zentimeter größer als ich und mit streng zurückgebundenen, blonden Haaren, die mit einem angestrengt freundlichen Blick auf mich herabsah. Ich nickte: „Die einzig Wahre. Wie kann ich Ihnen helfen?“

Die Frau setzte sich neben mich und versuchte auf diese Weise, ein Gefühl von Freundlichkeit zu erzeugen. Ob sie wusste, dass sie regelrecht kläglich scheiterte, bezweifelte ich. Sie begann zu sprechen: „Ich würde dir gerne ein paar Fragen stellen, wenn es dir nicht ausmacht. Ich kann verstehen, wenn du zu aufgewühlt bist...“ Ich schüttelte den Kopf und legte so viel Verständnis in meine Stimme wie möglich: „Ich bin vor allem nicht blöd, wissen Sie? Ich weiß wieso Sie mit mir reden wollen. Ich habe den Ärzten gesagt, dass der Mann tot ist und das auf eine sehr ruhige, distanzierte Weise, da ist es naheliegend, dass Sie als Polizistin neugierig werden.“

Sie reagierte naheliegend überrascht und entschloss sich offenbar schnell, ihre Strategie zu wechseln. Ihre Stimme wurde härter, die Fragen direkter: „Woher wusstest du, dass der Mann tot ist?“ Ich lachte freudlos: „Die Pfählung war läppisch durchgeführt. Und nebenbei sind die Geschichten über diese Mordmethode doch ziemlich eindeutig.“

Die nächsten Minuten verbrachte ich damit, der Frau alle mir bekannten Details über Pfählungen nahezubringen. Ein schadenfroher Teil von mir lachte über ihren zunehmend käsigen Teint, der mitfühlende Teil von mir brachte die notwendigen Informationen nicht mit allzu viel Bildgewalt dar. Um es kurz zu machen: Es war nicht schwer die Frau davon zu überzeugen, dass ich mit der Tat nichts zu tun hatte und lediglich ziemlich unsensibel bezüglich der Ereignisse war. Kurz darauf ließ sie mich allein, und nur eine Minute später kam eine Durchsage vom Schulleiter, laut der der Unterricht für heute endgültig abgesagt wurde. Wie gesagt, der Tag hatte schon fröhlich angefangen.

Als sich die Menge an Schülern auf den Weg zum Ausgang machte, erkannte ich eine Chance die die verborgene Neugier in meinem Hirn wieder aufweckte: Der Pfahl war nicht mit Polizeiband abgesperrt, die Polizisten selbst zu weit entfernt um selbigen bei dem Strom von Schülern zu beobachten. Ich blickte mich kurz hektisch um und griff in meine Schultasche. Seit Jahren trug ich darin ein kleines Klappmesser mit mir herum, ich könnte nicht einmal mehr sagen wieso, und verbarg es in der Hand, als ich Richtung Ausgang ging. Dabei richtete ich es so ein, dass ich direkt an dem Pfahl vorbeikam, der nach wie vor nach Blut stank. Ich versuchte, so flach wie möglich durch den Mund zu atmen und kniete mich in. Der Boden war sauber und eröffnete mir den Blick auf das, was ich schon zuvor bemerkt zu haben glaubte. Der Boden war vollkommen unversehrt, was unmöglich war, denn der Pfahl konnte unmöglich stehen ohne entweder mit Metallhalterungen festgeschraubt oder direkt in den Boden gerammt zu sein. Weder das eine noch das andere war der Fall. Ich ließ meinen Blick erneut umherflitzen und glaubte mich unbeobachtet, als ich mein Messer ausklappte und an der Stelle, an der Holz in Stein überging von dem Fuß des Pfahl ein paar Splitter abkratzte. Es war kaum mehr als die dreifache Dicke eines Fingernagels, aber es war genug um mich zu bestätigen und zu verwirren.

Das konnte unmöglich wahr sein.




Meine Mutter war natürlich schockiert, als ich ihr von den Vorkommnissen des heutigen Morgens erzählte, aber ich schaffte es irgendwie, ihr glaubhaft zu versichern, dass ich nicht traumatisiert war und auch nicht in psychiatrische Behandlung musste. Das Gespräch mit der Polizistin verschwieg ich bewusst. Danach, obwohl es erst ungefähr Zehn Uhr war, legte ich mich angezogen in mein Bett und versuchte erfolgreich, einzuschlafen.

Das Klingeln meines Handys weckte mich gegen dreizehn Uhr. Kurz war ich erstaunt, dass meine Mutter mich nicht geweckt hatte, dann aber dachte ich mir, dass sie vermutlich glaubte, ich bräuchte den Schlaf als Verarbeitungsmaßnahme. Vielleicht war es ja tatsächlich so.

Ich durchsuchte liegend meine Hosentaschen, bis ich mein Handy erfasste, hielt es mir, nach wie vor schläfrig, ans Ohr und murmelte: „Wasnlos?“, bis ich merkte, dass ich den Anruf noch gar nicht angenommen hatte. Ich tippte auf den grünen Hörer, fuhr mir mit der freien Hand über die Augen und sagte deutlicher: „Hallo?“ Die Stimme am anderen Ende war mir bekannt, allerdings hätte ich sie gar nicht erkennen müssen, als sich der Anrufer vorstellte: „Melanie? Hier spricht Marcel. Marcel Klausen, erinnerst du dich? Aus deiner Parallelklasse...“

Ooooh, und wie ich mich erinnerte. Drei Dinge schossen mir auf einmal durch das Hirn. Erstens: Wieso zum Teufel ruft er mich an? Zweitens: Wieso ausgerechnet heute? Drittens: Woher hat er eigentlich meine Nummer?

In meiner unglaublichen Müdigkeit stellte ich die pragmatische Frage zuerst. Seine Antwort war für mich ein wenig peinlich: „Wir haben doch die Whatsapp-Gruppe für den Spanischkurs. Du bist drin, ich bin drin, da haben wir nun mal die Nummern.“ Sein Ton klang belustigt, und ich vermutete, dass er wusste, wie rot ich gerade wurde: „Oh. Stimmt ja... Also dann, nächste Frage.“ Ich zögerte und versuchte mich an die Frage zu erinnern. Ich war immer noch ziemlich überrascht, dass ausgerechnet Marcel mich anrief...

Ah, da war sie: „Wieso rufst du an?“ Er lachte nervös. Irgend was daran kam mir falsch vor, als wäre es nur die Aufnahme eines Lachens auf einem Tonband mit schlechter Qualität: „Na ja, das ist eine gute Frage. Die Geschichte dazu ist nicht allzu... einfach, und offen gesagt würdest du auflegen, bevor ich auch nur halb durch bin... darum würde ich das gerne persönlich mit dir besprechen.“

Meine Achtzehn Jahre alten Hormondrüsen schalteten auf Autopilot: „Klar, gerne, also ich treffe dich gerne, ich meine... also, wir können uns treffen, klar.“ Ich merkte, wie mein Gesicht die Farbe einer reifen Tomate annahm und atmete durch: „Wann denn? Und wo?“ Er zögerte kurz: „Meinetwegen besser früher als später. Allerdings muss ich dazu sagen, dass Erwin und Laura auch kommen. Meine Freunde, weißt du? Wir würden alle gerne mit dir reden.“

Und das, liebe Freunde, war der Punkt an dem mir die ganze Situation etwas suspekt wurde. Was natürlich nichts zur Sache tat. Zwar war ich enttäuscht, dass es kein Vier-Augen-Gespräch mit meinem Schwarm werden würde, aber nach wie vor hatten die Hormone die Kontrolle über mein Hirn. Ich stimmte zu, sobald wie möglich aufzukreuzen, und er nannte mir seine Adresse. Kein weiterer Smalltalk danach. Er war es, der auflegte, während ich noch gut eine Minute in meinem Bett saß und mir das Handy ans Ohr hielt. Danach stand ich auf, lief ins Wohnzimmer, wo meine Mutter saß und strickte: „Mama, weißt du... ich würde gerne zu ein paar Freunden fahren. Mich ein bisschen unterhalten, ablenken und so.“ Ich hatte mir diese Ausrede in ein paar Sekunden zusammengeschustert, aber sie war plausibel. Für Mutter sah es so aus als würde ihre Tochter versuchen, das traumatische Ereignis des Morgens mit Leuten zu verarbeiten, die es ebenfalls erlebt hatten. Auf meine Frage, ob ich ihr Auto nehmen könnte, nickte sie nur lächelnd.




Als ich vor Marcels Haustür parkte wurde mir klar, dass ich noch nichts zu Mittag gegessen hatte. Bisher wurde das Gefühl des Hungers von den Schmetterlingen in meiner Bauchgegend unterdrückt, aber während der Autofahrt klangen die Hormone ein wenig ab. Ich hoffte schon beinahe, dass die drei kein allzu langes Gespräch geplant hatten.

Ich stieg aus, klingelte und stand acht Sekunden später Marcel Auge in Auge gegenüber. Das erste, was mir auffiel, war sein nach wie vor ernster Gesichtsausdruck. Er lächelte mich zwar an, aber es war ein – vermutlich unbeabsichtigt – dünnes Lächeln, das seine Augen nicht erreichte: „Melanie, schön, dass du es einrichten konntest. Komm doch rein.“ Er trat zur Seite, sodass ich in den Flur treten konnte. Details nahm ich kaum wahr, als er weitersprach: „Die anderen warten im Wohnzimmer.“ Ich nickte und folgte seinem weisenden Finger durch den Flur. Das Wohnzimmer war von ähnlichem Design wie bei mir Zuhause, ein großer Raum, die Wand zur Terrasse durch eine mehrteilige, gewaltige Glaswand ersetzt und ein Sessel sowie ein ungewöhnlich großes, ledernes Sofa vor dem auf einem Tisch stehenden Fernseher. Auf dem Sofa saßen Laura und Erwin, lustigerweise Hand in Hand, und ich setzte mich unwillkürlich auf den Sessel, der ihnen gegenüber stand.

Sie nickten mir zu: „Schön dich zu sehen.“ sagte Laura in einer ehrlich wirkenden Freude. Erwin schien da weniger froh drüber zu sein, und wenn, dann zeigte er es nicht. Allerdings hatte ich auch kaum Zeit ihn zu betrachten, bis Marcel in den Raum trat und sich neben seine Freunde setzte. Ich kam mir plötzlich vor wie in einem Verhörsaal: Alle saßen mir gegenüber und blickten mich an, während ich keine Ahnung hatte, was ich hier sollte. Um dem unangenehmen Gefühl entgegenzuwirken ergriff ich sofort die Initiative: „Also, ihr wolltet etwas... unglaubliches mit mir bereden?“

Alle drei nickten und Laura war es, die antwortete: „Genau. Und bevor wir loslegen möchte ich dich... also, wir alle möchten dich bitten, uns nicht gleich als Spinner abzutun und zu gehen. Hör dir einfach an, was wir zu sagen haben, okay? Danach kannst du immer noch die Männer mit der Zwangsjacke rufen.“ Sie lächelte dabei, und Erwin schnaubte belustigt, aber in ihren Augen sah ich, dass es ihnen ernst war.

Sehr ernst. Ich nickte.

„Gut, also...“ begann Laura, aber es war Marcel, der weitersprach: „Ich hab dich beobachtet, als du heute an diesem... diesem Pfahl herumgewerkelt hast.“ Seine Stimme war sanft, es lag weder Wertung noch Urteil darin. Er sprach lediglich Fakten an: „Und auch deinen Gesichtsausdruck hab ich gesehen. Mach dir übrigens keine Sorgen, ich bin sicher, von den Polizisten war niemand so aufmerksam wie ich.“ Unwillkürlich atmete ich auf, dann fragte ich: „Und warum interessiert euch das?“ Meine Stimme zeugte von der vorsichtigen Zurückhaltung, die ich nun für angebracht hielt. Ich wusste, was ich gesehen hatte und wusste ebenso gut, dass es unmöglich sein konnte. Aber dieses Trio... schien eine Ahnung zu haben, die weiter ging. Marcel antwortete: „Kurz gesagt: Du hast ziemlich ungläubig gewirkt. Lassen wir mal außer acht, dass es verflucht kaltschnäuzig ist, an einem solchen... Ding irgend etwas zu machen, ohne sich zu übergeben... Meinen Respekt dafür übrigens. Also, das mal ignorierend hast du irgend etwas gesehen, was du nicht hättest sehen können, nicht wahr?“ Verflucht, was wusste der Kerl? Plötzlich wurde ich mir einer grausamen Sache bewusst: Weder Erwin, noch Laura oder Marcel hatten verstört gewirkt, als sie den Pfahl beobachtet hatten, was zugegebenermaßen auch für mich galt... aber zusätzlich waren sie im Moment zu dritt, zwei davon durchtrainierte Männer, und niemand wusste, wo ich war.

Ich wischte den Gedanken der Gefahr mit einer zittrigen Bewegung meiner Augenlider hinfort und antwortete zögernd: „Ja, hab ich.“ Erwin war derjenige, der sich nun vorbeugte und fragte, was es denn war. Ich atmete tief durch und ignorierte die Tatsache, dass es nicht sein konnte: „Der Pfahl war zu dünn, um stehen zu können. Egal ob mit einem Mann oder ohne, er wäre bei der kleinsten Berührung umgefallen und doch hat er nicht einmal gewankt als die Ärzte die Leiche entfernt hatten oder die Polizei ihn untersuchte und reinigte.“ Erstaunlich, wie leicht ich von einer Leiche reden konnte, wenn ich einmal in Fahrt war: „Eigentlich hätte ich gedacht, dass es da ein paar Nieten geben müsste, oder der Pfahl in den Boden gerammt sei...“

„Aber da waren weder Nieten noch irgendeine Art Schaden an den Fliesen.“, beendete Laura den Satz: „Korrekt?“ Ich nickte. Sie hatten genau gewusst worauf ich hinauswollte. Das Gefühl der Gefahr war wieder da, als Marcel sich zu seinen Freunden drehte: „Sagte ich doch, dass da was nicht stimmt.“ Dann sprach er mich an: „Du weißt nicht zufällig was über Geister?“




Tagebucheintrag vom 20.03.2017 von Melanie

Liebes Tagebuch, ich weiß, der kindische Brauch deinen leeren Seiten Geheimnisse anzuvertrauen ist ein wenig unüblich geworden in den letzten Jahren, doch dieses will ich weder für mich behalten, noch weitererzählen... oder gar irgendwann vergessen.

Mein Interesse an Geistern, Dämonen und alledem in der Menschheitsgeschichte hat sich scheinbar mal ausgezahlt, denn nicht nur hat es mir ein Treffen mit Marcel beschert – der übrigens weitaus weniger nachdenklich tu als er tatsächlich zu sein scheint – sondern mich in gewisser Weise sogar in seine Clique reingebracht. Ich gestehe, als Marcel mich plötzlich gefragt hat, was ich über Geister weiß, fand ich es ziemlich merkwürdig... und vermutlich wäre ich einfach gegangen, wenn ich nicht gesehen hätte, was ich nun einmal gesehen habe. Der Pfahl hat unmöglich stehen können, und doch stand er da...

Nun, das Gespräch ging schnell in eine Richtung, die mich nicht unüberzeugt ließ. Seit einigen Monaten schon ist in einem Raum der Schule ein heftiges Jaulen zu hören, in unregelmäßigen Abständen und nicht wirklich menschlich. Das ist mir schon zuvor aufgefallen, und die allgemeine Erklärung lautet: Es ist der Wind, der durch Ritzen in der Wand fährt. Das klänge logisch, wenn der Raum ein Eckraum wäre, aber so wie er nun einmal liegt... das ergibt eigentlich keinen Sinn. Marcel meinte, so wie alle hätte auch ich es einfach geglaubt, weil es das einfachste zu glauben gewesen ist. Falsch lag er damit nicht. Ich war davon überzeugt, dass die Geschichten, die mich so sehr faszinierten, nur das waren: Geschichten. Ich sollte eines besseren belehrt werden.

Marcel erzählte mir davon, dass dieses Jaulen und Heulen ein Geist war, der die Schule heimgesucht hatte. Ein schwacher Poltergeist, so sagte er, der für kleinere Unannehmlichkeiten verantwortlich war. Verschwundene Bücher, kaputte Stühle etc. Dinge, die niemand wirklich, wirklich wahrnahm... Die Sache mit dem Glauben, wie erwähnt. Er, Laura und Erwin hatten den Geist in diesen einen Raum gebannt. Sie konnten ihn nicht vertreiben, nicht befreien, also bannten sie ihn in die Wände des Raumes, wo er nichts anderes mehr tun kann als Schreien.

Und jetzt, liebes Tagebuch, ist es fast elf Uhr, meine Mutter schläft, nicht zuletzt wegen den zwei Valium, die ich ihr in den Tee gegeben habe, und ich werde mich gleich auf den Weg machen, um mit Marcel und den anderen in die Schule einzubrechen um zu sehen, was für den Pfahl verantwortlich ist. Aufregend, nicht wahr? So eine vollkommen irrsinnige Straftat...

Ich kann es kaum erwarten!




Ich stand vor der Schultür und begann, meine Entscheidung zu bereuen. Erwin arbeitete seit zehn Minuten daran, die Tür mit einem Dietrich zu öffnen – seiner Aussage nach hat es die letzten Male ähnlich lange gedauert, also kein Grund zur Beunruhigung – und ich hatte Angst, dass die Polizei nach diesem Mordfall Wachleute postiert hatte oder so etwas. Wir trugen alle Handschuhe, und Marcel hatte vorsorglich für jeden eine kleine Skimaske mitgebracht, aber dennoch war mir mehr als mulmig zumute, bis das Schloss klickte und die Tür aufschwang. Marcel griff die Sporttasche, die er neben sich hatte stehen lassen, und betrat das Gebäude als erster, danach folgte der Rest. Drinnen warf ich einen angewiderten Blick auf den nach wie vor dort stehenden Pfahl: „Wollt ihr euch noch davon überzeugen, was ich erzählt habe? Über den Boden?“

Keinem war danach zumute, also stellte ich eine weitere Frage: „Und... wie machen wir das jetzt? Wie finden wir heraus, was das für ein Geist ist, der hier herumlungert? Und wie vertreiben wir ihn?“ Erwin seufzte: „Du stellst die richtigen Fragen, Melanie, aber dafür haben wir doch dich hier. Du meintest heute, du weißt eine Menge über Pfählung, also...“ Ich schlug die Augen nieder: „Also? Was ich weiß ist, dass Vlad Dracul für die Pfählungsmythen verantwortlich ist. Aber das kann doch unmöglich bedeuten, dass wir es hier mit dem Geist des Walachenfürsten zu tun haben. Ich meine... Wir sind hier nicht in der Walachei.“

Marcel nickte: „Aber da gibt es doch noch mehr. Mel, wir brauchen dich hier. Wir sind zwar eine kleine Gruppe Geisterjäger wie in einem Schundroman, aber im Vergleich zu dir ist unser Wissen kaum mehr als oberflächlich.“ Ob er wusste, was er in mir auslöste, als er mir ermutigend die Hand auf die Schulter legte? „Komm schon, denk nach. Irgend etwas muss es geben.“

Er lächelte. Oh mein Gott, er lächelte mich an, und dieses Mal erreichte das Lächeln seine Augen. Ich errötete, nickte und strengte meine grauen Zellen an. Es dauerte zwei Minuten, bis ich wirklich antworten konnte: „Es gibt da vielleicht... na ja, drei oder vier Möglichkeiten. Einerseits eine Art Poltergeist, aber anders als das was ihr damals hattet... er imitiert ihm bekannte Gräueltaten, macht sie so nach wie sie ihm zu Lebzeiten begegnet sind... dann, aber das ist nur reine Spekulation...“ Ich zögerte: „Ihr wisst von Geistern, aber... glaubt ihr, Dämonen sind genauso real?“ Sie zuckten die Schultern und Laura murmelte: „Davon müssen wir dann wohl ausgehen, nehme ich an?“

Ich nickte: „Wäre vielleicht besser so. Es gibt nämlich einen Dämonen, der sich ähnlich verhält wie der erwähnte Poltergeist, aber er ist... gefährlicher. Der Poltergeist sorgt dafür, dass eine Person dort stirbt, wo sie und der Poltergeist sich gerade aufhalten. Dieser Lehrer... er war der letzte hier im Gebäude... er muss irgendwelche Unterlagen durchgesehen haben. Der Dämon jedoch...“ Ich rang mit den Händen: „Ist immer noch komisch davon zu reden, als wäre das alles wirklich real... jedenfalls, sofern er existiert ist er nicht ortsgebunden. Er... schnappt sich einfach ein Opfer, bringt es irgendwo hin und tötet... Nein.“ Die plötzliche Schärfe in meiner Stimme ließ die anderen zusammenfahren: „Nein. Der Dämon würde den Pfahl, wenn überhaupt, in den Boden rammen, mit Gewalt. Das war nicht der Fall, dadurch sind wir ja überhaupt hier...“

„Melanie?“ Marcels Stimme machte mich darauf aufmerksam, dass ich verwundert angestarrt wurde: „Hast du zufällig gerade deine Periode?“

Bitte was!?

„Bitte was!?“ Ich blickte ihn mit einer Mischung aus Verwunderung und Zorn an: „Was soll denn das, bitte? Das kann dich einen feuchten Dreck kümmern.“ Meine Worte schienen ihn weder zu überraschen noch zu beeindrucken: „Ich weiß, verzeih. Ich wollte nicht unverschämt wirken. Ich frage bloß, weil... na ja, darum.“ Er deutete mit der Hand auf meinen Schritt. Ich senkte den Blick und fuhr zusammen: Unter meiner Jeans breiteten sich dunkelrote Flecken von meinem Schritt über die Beine aus.

Merkwürdigerweise beantwortete ich in Schockstarre zuerst Marcels Frage: „Also... nein, meine Periode ist das nicht...“ ich stand eine Weile nur so da und beobachtete den Fleck, der sich bis zu meinen Schuhen ausgebreitet hatte. Lauras Stimme riss mich aus den Gedanken: „Nein, das ist sie ganz sicher nicht. Melanie, beweg dich nicht, okay? Auf keinen Fall!“

Was tut man, wenn man sich nicht bewegen soll? Genau. Ich machte einen taumelnden Schritt nach vorne, auf meine Begleiter zu und merkte sofort, was Laura gesehen hatte. Das Blut breitete sich nicht nur an den Beinen aus. Als ich erneut herniedersah war meine ganze Kleidung, meine ganze Haut von diesen dunkelroten Flecken bedeckt, die sich weiter ausbreiteten und mich bald ganz umschlossen. Ich spürte, wie sich das stinkende Zeug um mein Gesicht herum sammelte, meine Brüste bedeckte und meine Haare verklebte, nur um letzten Endes auch über meine Augen zu fließen, die Nase, den Mund. Ich hörte auf zu atmen, nahm nichts mehr um mich herum wahr bis auf den beißenden Gestank und den Druck in meinen regungslosen Lungen. Mein Herz schlug bis zum Unterkiefer und ich wusste, dass ich dies nicht viel länger durchstehen würde. Komischerweise war mein einziger Gedanke Enttäuschung: All das nur, um dann hier an meinem eigenen Blut zu ertrinken? Ich war letzten Endes nur hier, um Zeit mir Marcel zu verbringen, ihm näher zu kommen... vielleicht nah genug. Und jetzt sollte ich hier sterben?

Ich tat es nicht. Es fühlte sich wie Stunden an, aber Erwin erzählte mir, dass das Blut sich nach etwa einer Minute blitzartig zurückgezogen hatte. Ich rang panisch nach Luft und brach zusammen, aber, und das ließ mein Herz mindestens so hoch schlagen wie die Angst zuvor, Marcel hielt mich fest und ließ mich sanft zu Boden sinken, wo ich langsam wieder zu Atem kam.

„Ich weiß, was hier los ist.“ war der erste Satz, den ich ohne Probleme artikulieren konnte. Während ich mit Fragen beworfen wurde richtete ich mich auf und korrigierte mich: „Das heißt... ich werde es wissen, je nachdem ob ich richtig liege: Ihr habt... hattet bei dem Kerl Geschichtsunterricht, richtig?“ Ich deutete auf den Pfahl. Laura nickte schnell: „Ja, das stimmt.“ „Und... wo wart ihr gerade?“ „Im Mittelalter.“ warf Marcel ein: „Und im Mittelalter war doch auch dieser Lacherfürst bekannt für seine Pfählung, nicht wahr?“ Ich nickte: „Walachenfürst, aber ja. Das passt. Heilige Maria, das passt!“ Ich lachte, was nicht nur die anderen erstaunte, wo ich doch um ein Haar gerade hätte sterben können. Als ich mich beruhigt hatte, erzählte ich von meiner Erkenntnis.

„Was ich vorhin schon vermutet hatte, als... meine teuflische Menstruation einsetzte...“ Ich versuchte witzig zu sein und scheiterte: „... war, dass es hier so eine Art... na ja, sagen wir mal Tulpa-Effekt gibt.“ „Einen Was?“ „Ähm... also, eine Tulpa ist eine Gestalt aus dem Tibetanischen Glauben, eine Form, die durch enorme Geistesanstrengung erschaffen werden kann. Sagen wir, ein meditierender Mönch konzentriert sich stundenlang auf das Bild einer Gabel... nun, irgendwann würde er dann eine reale Gabel erschaffen. Eine Tulpa-Gabel, die Form hat, Masse und halt einfach existiert.“ Ich holte Luft: „Und ich vermute, dass es hier eine... sagen wir, eine Macht gibt, die diesen Effekt für normale Menschen enorm verstärkt.“

Erwin schüttelte den Kopf: „Das klingt mir viel zu weit hergeholt. Und zu schwammig. Eine Macht, die unsere Gedanken real werden lässt? Woran hat Er gedacht?“ Er deutete auf den Pfahl: „Und woran hast du gedacht?“ Ich hob beschwichtigend die Hände: „Ich kann hier nur mutmaßen, ihr seid die Geisterjäger. Aber es ist durchaus logisch. Euer Lehrer wird im Mittelalter über Aufzeichnungen der Hexenverbrennung gestolpert sein, das ist Pflichtstoff, dabei kann man schnell mal auf die Pfählungsmythen stoßen und das hat die Macht... dafür genutzt. Und ich...“ Tja, und ich? Ich hatte nur unbewusst daran gedacht... „Was wisst ihr über Elisabeth Bathory?“ Laura und Erwin zuckten mit den Schultern, aber Marcel horchte auf: „Die Blutgräfin? Daran hast du gedacht?“ Ich nickte, und Marcel begann, seinen Freunden von der Blutgräfin zu erzählen.

„Bathory war eine Gräfin, etwa im siebzehnten Jahrhundert, wenn ich mich nicht irre, und ein weitaus größerer Einfluss auf den Vampirmythos als Tepesh. Der Geschichte zufolge hat sie Reihenweise junge Frauen ermordet und in deren Blut gebadet, um ewiges Leben in ewiger Jugend zu erlangen. Die Geschichten gehen dabei auseinander von einem Dutzend Opfer bis hin zu mehr als Hundert.“ Ich ergänzte: „Sie wurde am Ende lebendig eingemauert, aber das tut nichts zur Sache. Wegen der Verbindung zum Vampirmythos, den auch Vlad der Pfähler besitzt, denke ich bei Vlad unwillkürlich auch an Bathory. Darum dieses...“ ich machte eine vage Handbewegung über meinen Körper: „Und darum bin ich vielleicht auch nicht gestorben. Die Gräfin hat sich zwar untergetaucht, aber nicht selbst ertränkt. Wäre ja auch schwachsinnig.“

Laura nickte angewidert, nur Erwin schien sich noch ein wenig zu verweigern: „Da gibt es immer noch Dinge, die nicht zusammenpassen. Was soll das für eine... Tulpa-Macht sein? Und wieso passiert nichts, wenn wir doch alle den ganzen Tag über in der Schule sind und an alles mögliche denken?“

„Vielleicht eben darum.“, murmelte Marcel: „Wir... denken alle durcheinander. Da kann diese Macht sich nicht konzentrieren, nicht fokussieren. Unser Lehrer war alleine hier, als er die Unterlagen durchgegangen sein muss, also hat sich die Macht ganz auf ihn eingerichtet. Und jetzt...“ „... Sind wir hier.“ beendete Laura den Satz: „Na toll. Ich würde sagen: Finden und vernichten, hm?“

„Und wie?“ Ich kam mir auf einmal sehr klein vor: „Ich meine... verbrennen wir Schafgabe oder so was, um die Macht zu vertreiben?“ Marcel schüttelte den Kopf: „Schafgabe verbrennt man um das Böse anzulocken, Dummerchen. Wir müssen uns was anderes ausdenken.“ Die Art, wie er mich Dummerchen genannt hatte... das schmerzte mehr als es sollte. Ich wandte den Blick ab und dachte nach, so gut ich konnte. Was nicht besonders gut war: „Vielleicht... also, das ist jetzt nur eine Intuition, aber was wäre, wenn wir... na ja, den Tulpa-Effekt nutzen, um die Tulpa loszuwerden?“

„Du meinst, wir sollen uns konzentrieren, um die Macht zu vertreiben? Das soll alles sein?“ Ich zuckte unschlüssig mit den Schultern: „Habt ihr eine bessere Idee?“ Niemand antwortete, also breitete ich die Arme aus: „Gut, dann schlage ich vor wir setzen uns und konzentrieren uns auf den Gedanken, dass die Macht verschwindet.“ Gesagt, getan, ein Kreis aus sitzenden Teenagern mitten in der Nacht in der Schule. Ich hoffte so unglaublich sehr, dass die Polizei nicht auftauchen würde.



Als ich die Augen öffnete, war alles schwarz. Und mit schwarz meine ich SCHWARZ, eine teerige, allumfassende Finsternis, in der man nur eines sieht, nämlich nichts. Ich fühlte mich vom Boden losgelöst und tastete über den kühlen Stein, um mich zu beruhigen: „Hö... hört ihr mich?“ Keine Antwort. Shit: „Wenn ihr mich hört... ihr dürft euch nicht ablenken lassen. Dass diese Macht zurückschlägt, damit hätte ich auch rechnen können. Aber wenn ihr euch konzentriert, passiert nichts, außer, dass sie an Kraft verliert und verschwindet.“ Ich konnte nur hoffen, dass sie mich gehört hatten.

Es vergingen vielleicht Sekunden, vielleicht Stunden, als ich etwas erkennen konnte. Es war Marcel. Ich heftete meinen Blick an ihn als ich merkte, dass etwas nicht stimmte: Er stand, und er kam auf mich zu, jedoch ohne sich zu bewegen. Als würde er schweben: „Marcel? Bist... bist du das wirklich?“

„Was... willst duuuu... von miiiiihhhr?“ Sein Mund bewegte sich nicht, und es war definitiv nicht seine Stimme: „Lassssss... mich in... Ruuuuheeeee...“ Konnte das sein? Konnte es diese... Macht sein, die Marcels Aussehen annahm und mich um Gnade anzuflehen? „Kann ich nicht.“ Meine Stimme war schwächer als ich gehofft hatte.

„Dann sieeeeh, wie deine... Freeeeundeeee... leiiiideeeen!“

Das reichte aus, um mich ziemlich in Panik zu versetzen. Das Bild vor meinen Augen klärte sich, ich erkannte die Pausenhalle, aber sie wirkte unwirklich, ihre Wände waberten und verschwammen, der Boden vibrierte, ohne dass man seine Bewegung fühlen konnte. Zuerst sah ich Laura.

Sie grinste mich an, dann öffnete sie den Mund und eine fette... also, eine richtig, richtig fette, haarige Spinne kroch heraus. Sie krabbelte über ihr Gesicht und ließ eine zweite folgen, eine dritte, vierte, fünfte, zehnte... Ich hörte einen Schrei und erkannte Lauras Stimme. Erst nach wenigen Sekunden merkte ich, dass darin tatsächlich Worte steckten: „Mach sie weeeeeeeeg, mach sie weeeeeeeg, bitteeeee!“ Ein Geschrei, dass durch Mark und Bein ging, aber nicht so schlimm wie der Tonfall, in dem sie das Bitte gerufen hatte: Sie durchlitt schlimmeres als Todesangst. Und ich mit ihr.

Dennoch, diese Methode mich zu brechen war nicht genug, mehr noch, sie verschärfte meine Gedanken, diese Macht zu vertreiben. Ich schloss die Augen und konzentrierte mich: Weg mit dir, weg mit dir, wegmitdir!

„Du wirst niemals zu mir gehören.“ Ich blickte auf. Es war eindeutig Marcels Stimme, aber ich war allein. Vollkommen allein. Die Stimme kam aus dem Nirgendwo: „Ich nutze dich doch nur aus. Wir brauchen dich jetzt, als Hilfe, als Stütze... Aber danach werde ich dich wegwerfen. Weil du wertlos bist. Weil du dumm bist. Kleines, hübsches Dummerchen.“ Genau der Tonfall, den Marcel vorhin verwendet hatte. Ich musste erkennen, dass Worte mehr schmerzen können als tausend Klingen: „Du weißt nichts über mich, kleines Dummerchen. Nichts über das, was ich denke, was ich fühle.“ Ich schloss die Augen und hielt mir die Ohren zu, was nichts half. Tränen liefen mir die Wangen runter: „Ich habe dich nie gemocht, ich habe dich immer nur ausnutzen wollen. Geliebt habe ich immer jemand anderen. Sieh nur.“

Ich konnte nicht anders und öffnete die Augen. Vor mir stand Marcel mit einer jungen Frau Arm in Arm, und mir wurden zwei Dinge schmerzlich bewusst. Erstens: Diese Frau war so unglaublich hübsch, so fröhlich und strahlend, dass ich kaum mehr als eine kleine Glut in ihrem Sonnenschein war, und zweitens... Das hier war keine Illusion.

Es war eine Erinnerung. Von Marcel selbst.

Er lachte, als er sie an den Hüften fasste und ein kleines Tänzchen mit ihr aufführte. Ihr Haar war golden wie das Licht selbst, ganz anders als mein Schmutzigblondes, und seine Liebe zu ihr, die sich in seinen Augen spiegelte, so rein wie eine Bergquelle. Er schlang seine Arme um sie und drückte ihr einen Kuss auf die Lippen. Ich wusste, dass ich mich damit lächerlich verhielt, doch ich konnte nichts anderes tun als dort zu sitzen und zu schluchzen. Und zu wissen, dass diese Situation real war, dass die Macht sie aus Marcels Gedächtnis extrahiert hatte um mich hier und jetzt zu zerquetschen wie die niederträchtige kleine Made die ich war...

Das Bild stockte: „Nein.“ Meine Stimme war kaum mehr als der Hauch eines Flüsterns, aber das Wort war da und kräftig: „Nein.“ Dämonen, Geister, finstere Mächte, ich hatte genug Fiktion in meinem Kopf um eines zu wissen: Sie verletzen mit der Lüge und sie vernichten mit der Wahrheit. Darum war diese Erinnerung an seine große Liebe real.

Aber darum waren auch die Beleidigungen zuvor unwahr. Es war ein kleiner Strohhalm, an dem ich mich festklammerte, aber es war ein Halt der mich wieder auf den richtigen Kurs brachte. Augen schließen, konzentrieren. Geh weg. Geh weg. Geh! Weg!

„Geh weg!“

Erst als es hinaus war wusste ich, dass ich es nicht in Gedanken, sondern tatsächlich geschrien hatte, und nicht nur ich. Die Worte waren quasi unisono ausgesprochen worden, von Laura, Erwin, Marcel und mir zugleich. Und sie wirkten.

Ich weiß nicht genau, wie man es beschreiben soll. Woran merkt man, dass eine dunkle Macht wirklich verschwunden ist? Ich würde behaupten, man erkennt es daran, dass eine Last, von der man nicht einmal wusste, dass sie überhaupt da ist, von einem abfällt. Man fühlt sich leicht und frei und unbeschwert. Ich öffnete die Augen und blickte mich um. Die Nacht war kaum fortgeschritten, das ganze konnte kaum mehr als ein paar Minuten gedauert haben. Die anderen lächelten mich an: „Wir haben es geschafft, oder?“, fragte Laura, und ich nickte: „Wir haben es geschafft.“ Unwillkürlich wanderten meine Augen zu Marcel, der so dünn lächelte wie am Vortag, als er mich empfangen hatte. Was die Macht ihn wohl hatte sehen lassen?

Wir sprachen nicht mehr sehr viel, als wir uns verabschiedeten. Es war kurz nach Mitternacht und wir würde morgen ausgeschlafen sein müssen für den Unterricht.



„Eine Sache verstehe ich immer noch nicht ganz.“ Wir standen in einer Ecke der Pausenhalle und Erwin richtete seinen Blick auf mich als wüsste ich alles, aber auch Marcel und Laura wirkten neugierig: „Wieso genau war diese Macht eigentlich hier? Und wieso gab es erst jetzt einen Todesfall?“ Ich zuckte die Schultern: „Da gibt es sicher viele Möglichkeiten. Am wahrscheinlichsten halte ich es, dass... na ja, wir sind in einer Schule. Imagination und Konzentration kommen nirgends so oft und intensiv vor wie hier. Vermutlich hat sich über die Jahrzehnte etwas zusammengebraut und letzten Endes ist es ausgebrochen, sozusagen.“ Erwin nickte verstehend, und Marcel warf ein: „Aber das würde dann ja bedeuten, dass es irgendwann erneut so weit sein wird, oder? Wenn diese... nennen wir es mal Konzentrationssammlung wieder so hoch sein wird, dass sie ausbricht?“ Ich grinste ihn beruhigend an: „Diese Schule ist knapp hundertsechzig Jahre alt. Frühestens wird es also erst wieder in hundertsechzig Jahren so weit sein. Da müssen wir uns nicht drum kümmern.“

Marcel nickte und lächelte, und irgend etwas in mir schmerzte. Wann immer er lächelte konnte ich nicht umhin, an diese Frau zu denken, die ich gesehen hatte. Und ganz offenbar war ich mit meinen Gedanken nicht ganz alleine, denn Laura stupste mich an und bedeutete mir, mitzukommen.

Etwa zehn, fünfzehn Meter weiter ließ sie sich auf eine freie Bank sinken und machte Platz, damit ich es ihr gleichtat. Danach blickte sie mich mit erstaunlichem Ernst an: „Ich weiß, was du denkst.“ Ich zuckte leicht zusammen. Wusste sie es wirklich oder... sie könnte sich doch auch irren... „Was... denke ich denn?“ „Du denkst an ihn.“, murmelte sie, „An Marcel. Und jetzt versuch nicht, es zu leugnen, ich bin eine Frau, ich weiß wie eine verliebte Frau aussieht.“

Ich wurde rot und senkte den Blick: „Bin ich so leicht zu lesen?“ „Nur für mich.“ Sie versuchte offenbar, mich zu beruhigen: „Ich bin gut darin. Marcel nicht, wenn du das wissen willst. Er erkennt Liebe kaum, wenn sie ihm ins Gesicht springt. Aber...“ Aber? „... An deiner Stelle würde ich mir nicht allzu große Hoffnungen machen.“ Ich nickte deprimiert. Auf den Gedanken bin ich schon gekommen: „Weil er schon eine Freundin hat, nicht wahr? Hübsche Blonde Frau.“ Laura blickte mich erstaunt an: „Woher...?“ „Diese...“ ich lachte bitter: „Diese bescheuerte Macht. Hat mir Dinge gezeigt, erst du mit diesen...“ „Spinnen.“, murmelte sie: „Nichts macht mir mehr Angst, verflucht... Ähm, entschuldige. Was noch?“ „Na ja, danach eine Illusion von Marcel, der mich beleidigt, demütigt und so... Und dann eine Erinnerung. Verstehst du, ich wusste einfach, dass das nicht gefaked ist. Dass es echt ist. Einfach ein Bild von ihm mit dieser Frau, Arm in Arm...“ Ich stockte. Verflucht, ich war achtzehn und hatte vor kaum neun Stunden eine bösartige Tulpa besiegt, ich würde doch jetzt nicht hier in Tränen ausbrechen, oder?

„Sie ist tot.“ Ich riss die Augen auf: „Bitte was?“ Laura nickte: „Du hast schon verstanden. Sie ist tot. Seit ein paar Monaten schon. Marcel...“ Sie blickte zu ihm und Erwin, dann wieder zu mir: „Er redet nicht gerne darüber. Und er würde mich in Stücke reißen, wenn er wüsste, was ich dir gerade gesagt habe. Am liebsten würde er sie wohl vollkommen vergessen, um... nun, du weißt schon. Deshalb hat diese Macht ihm vermutlich auch sie gezeigt. Jedenfalls, es ist eine... lange Geschichte, und vielleicht erzählt er sie dir irgendwann.“ Sie stockte: „Das hat offen gesagt mit dem zu tun was wir... wir machen. Das hier.“ Sie breitete die Arme aus und deutete somit auf das ganze Schulgebäude: „Mehr verrate ich dir nicht. Ich hab ohnehin schon mehr gesagt als ich dürfte. Für den Rest, frag ihn. Aber nicht jetzt.“, fügte sie schnell hinzu, als sie den Blick in meinen Augen deutete: „Wie gesagt, er denkt nicht gerne daran, und die Sache gestern hat alte Wunden wieder aufgerissen. Gedulde dich und frag ihn irgendwann, wenn er gut drauf ist.“ Sie richtete sich auf klopfte mir auf die Schulter. Ich tat ihr ersteres gleich und hielt sie kurz zurück, als sie wieder zu ihren Freunden gehen wollte.

„Eine Frage habe ich noch... auch wenn ich dich damit vielleicht nerve.“ Sie lächelte: „Keine Sorge. Frag schon.“ Ich sah betreten zu Boden und nahm meinen Mut zusammen: „Meinst du... ganz ehrlich, glaubst du ich habe irgendeine Chance bei ihm?“

Lauras Lächeln verblasste, als sie mehr Horror aussprach als ich in der Nacht zuvor erlebt hatte.

„Ich habe mich zwar schon früher geirrt... aber nein, das denke ich nicht.“


Teil Zwei: http://de.creepypasta.wikia.com/wiki/Pochen

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