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„Du verdammtes Stück Scheiße.“

Es war ein ruhiger Tonfall, der eigentlich nicht zum Inhalt dieses Satzes passte. Deshalb war ich überrascht, als ich meinem Gegenüber in die Augen schaute. „Ich weiß.“, flüsterte ich zurück. Ich wollte jegliche Konfrontation vermeiden und wandte schnell den Blick wieder ab. Schaute auf meine zitternden Finger, die sich immer stärker ineinander verknoteten.

Ich neigte zur Nervosität. Sobald ich in eine unangenehme Situation geriet wurden meine Handflächen kalt und meine Zunge taub. Und generell waren mir alle Situationen ein wenig unangenehm. Man sollte meinen, ich hätte mich inzwischen daran gewöhnt, aber nicht einmal sowas bekam ich auf die Reihe. Die Person vor mir lehnte sich nach vorn und ich musste den Drang bekämpfen zur hintersten Ecke des Zimmers zu flüchten.

„Wenn du es weißt, warum tust du dann nichts um es zu ändern? Du kannst nicht ewig so leben.“

Wieder konnte ich nur nicken. Natürlich müsste ich etwas tun. Unter Leute gehen, den Laptop mal abschalten oder einfach mal mit jemandem reden. Aber ich hatte Angst. Angst, dass ich von Allen zurückgewiesen werden würde. Und dann wäre ich wieder allein. Ich schluckte den wachsenden Klos in meinem Hals hinunter. Aber er würde wiederkommen. „I-ich weiß... aber es geht einfach nicht.“

Mein Gegenüber musste ein Stöhnen unterdrücken. „Warum geht es denn nicht? Du kannst doch wohl deinen dämlichen Arsch hier rausbewegen und endlich mal mit dir selbst klarkommen, oder? Du bist erbärmlich.“ Obwohl ich derjenige war, der dies alles an den Kopf geworfen bekam, sah mein Gesprächspartner deutlich mitgenommener aus. Die Augenbrauen waren stark zusammengezogen und die müden Pupillen blickten mir vorwurfsvoll entgegen, wie eine Mutter, die ihrem Sohn die restlichen Wachsmalstifte wegnehmen musste, weil dieser die Anderen schon gegessen hatte.

Ich hasste das. Alles, nur kein Mitleid. Keine Vorwürfe. Ich brauche nichts, nur mich selbst und dieses einsame Zimmer. Wer ist dieser Mensch, der mir einfach sagen kann, was ich tun soll? Woher nimmt er das Recht, so mit mir zu reden?! Unbewusst beschleunigte sich mein Atem und ich ballte die Fäuste. Lass mich in Ruhe. Lass mich in Ruhe. Heiße Tränen brannten hinter meinen Augen und ich biss fest die Zähne zusammen. Ich brodelte innerlich und nuschelte, mehr zu mir selbst als zum Menschen mir gegenüber: „Halt die Klappe.“

Ungläubige Augen starrten mich an. Hatte er das richtig gehört?

„Was hast du gesagt? Ich hab‘ dich nicht richtig verstanden. Nicht mal sprechen kannst du, mit deinem hässlichen Maul.“

Mein Atem blieb in meiner Kehle stecken, als ich die Worte verarbeitete. Das war jetzt genug. So lange ich denken konnte, wurde ich immer nur schlecht gemacht. Gedemütigt, verletzt und beleidigt. Ich… wollte das einfach nicht mehr und als ich dies realisierte, verschwamm die Welt um mich herum. Es wirkte so, als ob jemand ein Foto machen wollte und das Bild verwackelte. Es reichte nur eine schnelle Bewegung nach vorn um meine Bastelschere vom Schreibtisch zu greifen und sie meinem Gegenüber in die Brust zu stechen. Ich habe noch nie jemanden so laut schreien gehört.

Natürlich tat es mir leid, als ich immer wieder ausholte, aber es war auch irgendwie beruhigend. Kleine Rubintropfen schwirrten durch die Luft und trafen mich im Gesicht und auf mein neues Shirt. Das Blut war klebrig und warm und ich musste mir den Schweiß aus den Augen wischen, um wieder sehen zu können. Eine ungeheure Vorfreude auf die bevorstehende Stille erfasste mich und ich beschleunigte meine Attacken. Und dann verstummten die Schreie. Und ein unbegreiflicher Schmerz brannte in mir. Ich habe gerade etwas getötet. Ein Leben beendet. Eine Zukunft zerstört, die gerade erst begonnen hat. Doch der emotionale Schmerz fühlte sich irgendwie realer an.

Die bunte Schere, aus irgendeinem billigen Bastelladen, glitt mir aus der Hand und ich strich mein Shirt glatt. Ich musste husten, als mir ein Schwall Blut in den Mund schoss. Man, das war echt schlimmer als jede Lebensmittelvergiftung. Aber ich war zufrieden. Ich hatte meinen größten Kritiker erledigt. Ich seufzte zitternd, als ich die Stichwunden in meinem Bauch begutachtete und langsam zu Boden sank.

Schwarze Flecken tanzten vor meinen Augen wie ein Schwarm kleiner Käfer und ich konnte mein Herz in der Brust fühlen, als es nur noch müde gegen meine Rippen klopfte.

„Ich verdammtes Stück Scheiße…“

Ich sollte aufhören Selbstgespräche zu führen.

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