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Ich betrete den Raum, ein Tablett voller Tee vorsichtig balancierend. Du sitzt schon auf dem Sofa, schaust hinaus in den warmen rötlichen Sonnenuntergang und versuchst krampfhaft, nicht angespannt auszusehen. Wirklich gut gelingen tut dir das jetzt nicht.

Vorsichtig stelle ich das Teeservice auf den kleinen Beistelltisch und schenke uns beiden ein. Egal wie merkwürdig die Situation ist, man darf doch seine Manieren als Gastgeber nicht verlieren. Kurz, beinahe zufällig, trifft mein Blick deine Augen und sofort erkenne ich dieses tiefe Unbehagen darin, diesen Zweifel, diese Vorsicht und diese...diese Reue.

Eine peinliche Stille legt sich zwischen uns, es ist schon merkwürdig, wie Nähe so plötzlich in meilenweite Entfernung umschlagen kann. Ich sitze betont gelassen auf meinem Sessel, während du an deinem noch viel zu heißen Tee nippst, nur um überhaupt etwas zu tun. Ich koste es noch einen Moment aus, dann durchbricht meine Stimme diese unheimliche Ruhe.

"Warum?" Mehr braucht es gar nicht, du weißt sofort worum es geht. Du zuckst nicht mal ein kleines bisschen, es war klar, diese Frage stand unausgesprochen zwischen uns wie ein unsichtbarer Dritter. Ich gehe davon aus, dass du dir eine passende Antwort zurechtgelegt hast, aber um ehrlich zu sein, die möchte ich gar nicht hören. So einen vorgefertigten Müll kann ich gar nicht gebrauchen.

"Tut man sowas Freunden an? Hast du eigentlich einen Moment drüber nachgedacht, wie es mir dabei geht?" Da habe ich dich wohl überrumpelt. Garantiert hast du dir diese Situation schon tausende Male im Kopf angesehen, hast dir vorgestellt wie ich von deiner rührenden Entschuldigung bewegt sein und dir sofort alles vergeben würde. Ein richtig schönes Happy End. Schade bloß, dass es so nicht laufen wird.

Deine Miene entgleist, dein Mund fällt auf. Ich sag doch, das hast du nicht erwartet. Ein merkwürdiges Stammeln entfährt dir, als würde jemand Dudelsack mit deinen Lungen spielen. Ein so hässliches Geräusch passt eigentlich perfekt zu deinem hässlichen Inneren. "Naja, ich habe schon..." "Einen Scheiß hast du!" Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber dein Mund öffnet sich tatsächlich noch weiter als er es ohnehin schon war. Wahrscheinlich weißt du, was es alles braucht damit ich laut werde.

"Es hat dich nicht mal gejuckt!" Ich sehe die Verzweiflung in deinen Augen, diese nackte Panik vor dem was jetzt kommen kann und...ist das Angst? Angst vor mir? Als ob ich meinen Freunden etwas antun könnte. Lächerlich. "Du hast es einfach getan, mir einen eiskalten Dolch in meine Rücken gerammt und mich dann verrecken lassen! War es das wert? War es das?" Meine Stimme hallt von den Wänden zurück und gelangt als zorniges Echo zu mir zurück. Du versuchst, dich auf dem Ledersofa klein zu machen, als würdest du im Boden verschwinden wollen. Das kam in deiner kitschigen Friede-Freude-Eierkuchen-Version  anscheinend nicht vor.

Wieder versuchst du zu reden, aber es gelingt dir nicht. Die Worte scheinen dir im Hals stecken zu bleiben. "Macht man so etwas unter Freunden? Tut man sich so sehr weh?" Die Wut in meiner Stimme weicht kalter Verbitterung. Ich sacke in mir zusammen, verliere meine Haltung und lasse mich resigniert in den Sessel fallen. Dieser Stimmungswandel scheint dich zurück in die Realität zu holen. Leise, fast unhörbar flüsterst du die einzig richtige Antwort auf diese Frage. "Nein..." Auch wenn in deinen Worten offensichtlich Schuld zu hören ist, so klingen sie merkwürdig gepresst. Als fiele dir das Sprechen irgendwie schwer.

Langsam stehe ich auf und gehe auf das Sofa, auf dich, zu, bis ich direkt neben dir stehe. Ich lasse mich wieder sinken und schaue dir direkt in die Augen. Sie sind schon ganz glasig, so sehr bist du von deinen eigenen Gefühlen überwältigt. Dein Gesicht ist ganz bleich, wahrscheinlich ist dir beim Gedanken an deine eigenen Taten übel. Aber das ist okay. Ich kann dich verstehen und ich bin froh um deine Entschuldigung. Freunde wären doch nicht so lange wütend aufeinander.

"Aber weißt du, was Freunde machen?" Ich lasse kurz Stille einkehren, um die Dramatik meiner Worte noch zu steigern. "Freunde verzeihen." Man merkt förmlich, wie diese Worte in dein Gehirn kommen und dort allmählich realisiert werden. Ich sehe, wie die Erleichterung und Freude in deine Augen zurückkehrt. Man kann in deinem Gesicht beinahe ablesen, wie eine tonnenschwere Last von dir abfällt. Dann schließt du deine Augen und schmiegst dich an meine Schulter. Ich merke, wie sich in mir die Wärme ausbreitet. Wir sitzen einfach nur da, ganz ruhig, ich spüre deine Haare auf meiner Haut und deinen flachen Atem auf meinen Arm.

Diese Genugtuung ist einfach fantastisch, wie eine warme Suppe an einem kalten Tag breitet sie sich in mir aus. Und es wird noch schöner, als die Zuckungen anfangen. Als du anfängst, unkontrolliert deine Arme zu bewegen, wild um dich schlägst, bei Bewusstsein und doch nicht mehr in der Lage zu schreien. Dann, alle Glieder von dir abgestreckt wie eine Furie, erschlafft plötzlich jeder Muskel in deinem Körper. Du fällst in dir zusammen wie ein Sandsack. Ein letzter geräuschvoller Atem entweicht dir. Ich gucke dich an. Wie friedlich du doch aussiehst. Als würdest du einfach glücklich schlafen. Wäre da nicht dieser Schaum vor deinem Mund.

Ich nehme wieder meinen Tee und schütte ihn in den Ausguss. Ich möchte das Gift ja nicht trinken, denn ich weiß ja wie es wirkt. Beziehungsweise, dass es überhaupt  da ist. Was du getan hast, sowas macht man unter Freunden nicht. Ich habe dir vertraut. Und du hast es ausgenutzt. Man vergiftet seine Freunde auch nicht.

Aber wir sind schon lange keine Freunde mehr.


von Duschvorhang

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