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Einschlafen ist manchmal einfacher gesagt als getan. Das kennt wahrscheinlich jeder, dass man einfach nicht schlafen kann. Du liegst im Bett und wälzt dich hin und her. Versuchst, eine Position zu finden, in der du dich endlich der langersehnten Umarmung des Schlafes hingeben kannst.

Und jeder hat wohl seine eigene Methode, dieses Ziel zu erreichen, bevor die Sonne über den Mond siegt und sich die Herrschaft über den Tag sichert. 

Meine ist es, spazieren zu gehen. In der Nacht habe ich mich ab einem gewissen Alter sicher gefühlt. Ich liebe die Dunkelheit und wie sich die Farben leicht verzerren, je weiter die Nacht voranschreitet.

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In dieser speziellen, besonderen Nacht war ich auf meinem Weg nach Hause, als ich durch dichte, weiche Nebelschwaden, die über den Asphalt krochen, schritt und sich das Kondenswasser an meinen Wimpern sammelte, ab und an in dicken, tränen ähnlichen Tropfen über mein Gesicht laufend. Anscheinend war ich nicht die Einzige, die in dieser Nacht auf die Idee gekommen war, das sanfte Mondlicht zu genießen, denn ich hörte Schritte. Von den Bäumen und den alten Fachwerkhäusern, welche die Straße flankierten, zurückgeworfen, entstand ein gespenstisches Echo.

Die Schritte hatten fast im selben Rhythmus wie die meinen. Aber nur fast. Sie waren ganz dezent schneller. Um zu sehen, ob ich auf dem schmalen Gehsteig nicht doch besser zur Seite treten sollte, drehte ich mich um. Dort stand niemand. Nur der Nebel begleitete mich. Meine Ohren mussten mich getäuscht haben.

Ein Schrei. Ich schreckte auf. Es war der Schrei einer Frau gewesen. Nun war es so still wie zuvor, bevor ich die Geisterschritte bemerkte. Kein Laut drang an meine Ohren. Ich war stehen geblieben. Doch etwas war dort. Am Rande meiner Aufmerksamkeit. Wenn ich mich darauf konzentrierte, entschwand es mir. 

Ich zog mein Smartphone aus der Tasche und betätigte rasch einen Knopf, um den Bildschirm anzuschalten. Doch statt wie gewöhnt die Kreidefelsen vor Dover zu sehen, welche ich von einer Fähre aus abgelichtet hatte, blieb der Screen schwarz. Anscheinend hatte ich vergessen, es an die Ladestation anzuschließen. Da ich beinahe zu Hause angekommen war, fing ich an zu joggen. Irritiert blieb ich nach ein paar Schritten wieder stehen. Keine Schritte zu hören. Ich murmelte, flüsterte, schrie. Versuchte alles, nur um ein Geräusch hervorzubringen. In diesem Moment wäre mir alles recht gewesen.

Mit einem Mal spürte ich eine Hand auf meiner rechten Schulter. Von der Geräuschlosigkeit mental angegriffen geriet ich in eine absolut irrationale Panik, die mich wie von Sinnen losrennen ließ.

Erst in dem Park, der eher an ein Wäldchen erinnerte, der in der Nähe meines Hauses lag, kam ich wieder zu mir. Die körperlosen Schritte, der Nebel, der Schrei, die absolute Abwesenheit von Geräuschen und zu guter Letzt der Druck einer Hand auf meiner Schulter zu spüren hatten mich durchdrehen lassen. Ich hatte mich immer für klüger als die Leute in den Horrorfilmen gehalten, die es für eine gute Idee hielten, wenn sie von einem Mord hörten, mitten in der Nacht zu einem kleinem Schäferstündchen in den Wald zu gehen. Und nun? Ich hatte zwar nicht vor, mich hier mit jemandem zu treffen und garantiert hatte ich auch nicht vor, bei 2 Grad unter Null mich meiner Kleidung zu entledigen, trotzdem stand ich in einer nebligen Winternacht im Wald. Und das auch noch bei einer Sicht unterhalb von vier Metern.

Ich hatte überreagiert. Wütend über mich selbst drehte ich mich um und stapfte durch das Unterholz. Durch das Restadrenalin in meinen Adern war ich ein wenig zittrig und aufgeregt. Der Nebel, der sich scheinbar zu einer dicken, dichten Wand auftürmte und mich in eine Kuppel einschloss, schien Arme zu bilden, Hände, welche mich versuchten zu ergreifen. Körper, die versuchten, sich aus dem Nebel herauszuschälen.

Wie lange war ich schon unterwegs? Stunden? Oder waren es doch erst Minuten gewesen, die ich in dem cremigen weiß herumgewandert war? Minuten, die sich zu Stunden ausgedehnt hatten, ohne, dass ich tatsächlich bemerkte, wie sie verrannen? Und ging ich überhaupt noch in die richtige Richtung? Oder hatte ich schon vor einigen dieser Ewigkeiten andauernden Minuten die Orientierung verloren und irrte nun seit längerer Zeit durch die Bäume? 

„Hallo? Ist jemand hier? Bitte, ich brauche Hilfe.”, rief ich mit zitternder Stimme. Meine Zweifel waren zu groß geworden. Müsste ich nicht schon aus dem Park auf eine Straße gekommen seien?  Der Park war von durchschnittlicher Größe und ich lief nun schon so lange. „Bitte, helfen Sie mir!” Meine Stimme wurde seltsamerweise fester, je weiter mich die Panik von meinem üblichen, rationalen und logischen Denken wegführte. Der Nebel ... Er waberte in dichten Schwaden hin und her, ließ sich nicht durchdringen. Ich berührte ihn. Versuchte ihn mit meiner Hand zu zerschneiden. Ihn aus meinem Sichtfeld zu bringen, um wenigstens einen Anhalt auf meine Position zu bekommen. 

Das Wasser tropfte von meinen Wimpern, lief mir in dicken Tropfen über das Gesicht und vermischte sich mit heißen Tränen. Ich wischte mir über die Augen. Wollte nicht, dass die salzigen Tropfen mich schwach erschienen ließen. 

Ich fiel auf die Knie. Wollte mich beruhigen. Konnte es nicht. Wurde immer panischer. Griff mir an den Hals. Meine Lunge brannte, als ich zu husten anfing. Das Wasser, es vermischte sich mit dem Blut geplatzter Lungenbläschen und Gefäße. Eine hellrosa Flüssigkeit rann bald aus meinem Mund und meiner Nase.

Keine Luft. Brennen. Schmerz. 

Und dann ... wurde alles weiß.

______________________________________________________________________________________ Ich habe mich an den letzten Rest des erbärmlichen Lebens geklammert, der noch in mir war. An den letzten Funken. Habe nach Grashalmen gegriffen, mochten sie noch so dünn und fragil sein. Ich wollte nicht sterben. War noch nicht bereit dazu.

Und nun lag ich dort, auf dem kalten Metalltisch. Bedeckt nur von einem dünnen Tuch. Ich konnte meine Augen nicht öffnen. Ich wollte ihm, der mir ein Messer in die Brust getrieben hatte sagen, dass ich noch nicht tot war. Wollte mit ihm reden, als er die Wunden, die er herbei geführt hatte, wieder mit Nadel und Faden schloss. Ich hatte zwar keine Schmerzen, als er mit dem dünnen Stahl meine Bauchdecke auf schnitt, als es durch Haut, Fett und Muskeln drang und mein Innerstes offen legte, jedoch war es ein erniedrigendes Gefühl. 

„Trockenes Ertrinken”. Das war es, was er sagte. Ich wusste nicht, was damit gemeint war. Wollte nachfragen was es damit auf sich hatte, konnte es aber nicht. Es war wie während einer Schlafparalyse, bei der man nach dem Aufwachen keinen Muskel bewegen kann. Aber über etwas hatte ich noch die Kontrolle.

Wusstest du, dass der menschliche Körper zu einem hohen Anteil aus Wasser besteht? Die Wissenschaft ist sich uneinig, wie viel es genau ist, jedoch steht fest, dass wir zu mehr als der Hälfte aus Wasser bestehen und, dass der Anteil im Körper abnimmt, je älter wir werden.

Nun, ich war noch relativ jung, als ich starb. Habe mich an die Quelle des Lebens geklammert. Die Quelle des Lebens, die ich jetzt über die Hände des Pathologen habe spritzen lassen. Er lacht, sagt, es sei ganz normal. Aber er ist doch beunruhigt. Ganz normal ist es wohl doch nicht, dass ihm einer seiner Patienten auf die Hände spuckt. Er wollte seinen Assistenten wohl keine Angst machen. Er geht zum Waschbecken. Wäscht mich ab.

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Die anderen wollen nicht, dass ich dich warne. Aber ich tue es.

Es ist kalt. Mir ist so kalt. 

Ich hoffe, dass ich nicht so ungeduldig bin und nicht die Fehler mache, die sie bei mir gemacht haben. Sie sind zu ungestüm gewesen. Haben mich zu früh und zu schnell vertrieben. Aber jetzt kann ich sie verstehen. 

Es ist kalt. 

Und ein Körper ist so warm. 

Ich kann nun verstehen, dass man irgendwann nicht mehr widerstehen kann. 

Es freut mich, dich kennengelernt zu haben, du da vor dem Computer.

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by PoisonedCupcakes

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