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1994, Der Abend

Seine Stimme war ruhig, als er sich ein wenig nach vorne beugte und flüsterte: „Es tut mir wirklich leid. Ich habe dich geliebt, das weißt du. Aber du hast mich hintergangen. Und nicht nur mich.“ Sein Blick wanderte langsam zu dem jungen Mann, der links neben ihm stand und folgte dann dessen Armen, die bis zum zerreißen angespannt waren und mit einer unbändigen Kraft einen menschlichen Körper unter die Wasseroberfläche der bis zu zwei Dritteln gefüllten Badewanne drückten. Der Körper bewegte sich langsam, immer langsamer. Zu Beginn hatte er sich stärker bewegt und die beiden Männer mit jeder Menge Wasser bespritzt, aber nun war die intensivste Bewegung das Wabern der langen, blonden Haare, die aussahen wie goldener Seetang.



2010

Michael grinste, als er erkannte, dass Leonie das Kleid trug, das er ihr zum letzten Jahrestag geschenkt hatte. Ein langes, silbernes Kleid mit V-Ausschnitt und mit kleinen Glasperlen am Kragen und an den Ärmeln.

„Findest du das nicht etwas übertrieben? Ist doch nur eine kleine Feier. Nicht, dass du mir in diesem Kleid nicht gefallen würdest, aber...“

Leonie winkte ab: „Wann kann ich das Teil denn schon anziehen? So oft gehen wir nicht auf Partys, und dabei ist es so wunderschön.“ Sie trat an ihren Freund heran und drückte ihm einen Kuss auf die Wange: „Genieß' es einfach.“



Die Feier, die die beiden besuchten, war in der Tat eine kleine Feier, und es dauerte nicht lange, bis sowohl Michael als auch Leonie das Interesse verloren. Schon um 22:30 Uhr waren sie wieder Zuhause.

Leonie zögerte nicht lange und führte ihren Freund ins Schlafzimmer, wo sie ihr Kleid aufknöpfte und einen makellosen Körper darunter hervorbrachte. Als nächstes fielen BH und Slip, und sie drehte sich zum noch vollkommen bekleideten Michael. Ihm entging das Blitzen in ihren Augen.

„Komm schon, willst du dich nicht auch ausziehen? Nach dieser 'Party' brauche ich echt eine nette Ablenkung.“ Ihr verführerisches Lächeln raubte Michael den letzten Nerv. Er fuhr sich durch die Haare und öffnete dann sein Hemd, warf es zu Boden und machte sich daran, seine Hose zu öffnen. Dabei ließ er seine Freundin für einen Augenblick aus den Augen, was ihr reichte, um in einer geradezu fließenden Bewegung, die aussah als hätte sie sie schon tausend Mal geübt, nach einem dekorativen Briefbeschwerer auf dem Nachttisch hinter ihr zu greifen und Michael damit einen Schlag gegen die Stirn zu verpassen. Der Briefbeschwerer hatte die Form eines Löwen, und es war die Mähne, die sich in die dünne Haut über seinem linken Auge grub und Teile davon mit sich riss, möglicherweise sogar Kratzspuren auf seinem Schädelknochen hinterließ.

Leonie musste zwei weitere Male zuschlagen, damit Michael das Bewusstsein verlor. Dann schleppte sie ihn ins Badezimmer und ließ das Wasser in die Wanne ein.



1994, kurz vor Dem Abend

„Ich fasse es nicht! Dieses... Miststück!“ Erik schlug mit der Faust auf den Schreibtisch, neben dem er saß und starrte sein Gegenüber entgeistert an: „Und das ist wirklich nicht gefälscht? Ich meine... Ich kann das einfach nicht glauben!“

Der Mann, der ihm gegenüber saß, nickte. Er schien ziemlich entspannt zu sein: „Konnte ich zuerst auch nicht, als ich euch beide sah. Aber ja, dieses Foto ist echt. Wir haben es vor zwei Monaten geschossen.“ Bitterkeit schlich sich in seine Stimme, als er hinzufügte: „Wir haben uns damals verlobt.“

„Diese... diese Hure!“ Erik schlug erneut auf den Tisch. Er schien gerne Dinge zu schlagen: „Und was machen wir jetzt?“

Sein Gegenüber lächelte bitter: „Kennst du SAW VII?“



2010

Leonie verspürte keine Genugtuung, als sie Michael in der Wanne ertränkte, so wie sie keine gespürt hatte, als sie ihm den Schädel eingeschlagen hatte. Dies war nicht ihre Vendetta. Aber es erstaunte sie, wie lange es dauerte, bis der Kerl wirklich tot war. Ein Menschenleben schien zäh zu sein.

Als sie sich über das Ableben Michaels Gewissheit verschafft hatte, grinste sie. Ob ihre Rache oder nicht ihre Rache, der Kerl war ein schwanzgesteuerter Mistkerl gewesen, das reichte als Entschädigung für die Sünde des Mordes, zumindest Leonies Meinung nach. Außerdem...

„Wie du mir, so ich dir.“



1994, Der Abend

„Bist du sicher, dass wir richtig gehandelt haben? Ich meine... Fremdgehen mit Mord zu vergelten ist doch übertrieben, oder?“ Eriks Stimme zitterte, wie seine Arme gezittert hatten, als er seine Exfreundin ertränkt hatte.

Der Mann neben ihm schüttelte den Kopf: „Vielleicht. Aber erstens können wir jetzt sicher sein, dass sie so etwas nie wieder tut, und zweitens ist es eh zu spät, sich jetzt noch Sorgen zu machen.“

Erik zögerte, dann nickte er langsam: „Stimmt, Michael. Hast ja Recht. Hast du auch schon einen Plan, wie wir die Leiche loswerden?“



2010

Leonie hatte sich geduscht und der Leiche in der Badewanne einen gespielten Kuss zugeworfen, bevor sie sich in eine weitaus funktionalere Kleidung als das Kleid warf und mit dem Auto Michaels zu einer anderen Adresse fuhr. In ihrer Handtasche befanden sich ein Messer und ein Taser. Wenn sie sich nicht verplant hatte, würde sie nur ersteres brauchen. Der Taser diente nur dem Zweck, potenzielle Gäste ihres nächsten Ziels auszuschalten.

Sie brauchte fünfzehn Minuten für den Weg, stieg aus dem Wagen aus und steckte die rechte Hand in ihre Handtasche. Ihre dünnen Finger schlossen sich fest um den kalten Messergriff. Mit der anderen Hand drückte sie auf die Klingel neben der Tür. Nach acht Sekunden öffnete ein großer, asketisch wirkender Mann die Tür und blickte Leonie verwirrt an: „Kennen wir uns? Wenn nicht, ist es ein wenig spät für einen Besuch.“

Leonie grinste: „Nein, wir kennen uns nicht. Nicht direkt.“ Mit einer schnellen Bewegung holte sie das Messer hervor und zauberte eine dünne, sich rasch mit Rot füllende Linie auf die Kehle des Mannes.

„Aber ich bringe dir Grüße von einer alten Freundin.“

Als Leonie sich wieder umdrehte, spritzte ein wenig Blut auf das Namensschild neben der Tür. Der rote Lebenssaft verdeckte den Nachnamen, nur noch der Vorname war zu lesen: Erik.



1995, Dreizehn Monate nach Dem Abend

Leonie grinste ihr dreizehn Jahre altes Ich im Spiegel an, nachdem sie sich die Zähne geputzt hatte, und stieß ein kehliges Lachen aus. Es war das erste Mal, dass ihre Eltern sie über Nacht allein ließen, und sie war ein wenig aufgeregt. Nicht wegen dem Monster unter dem Bett, an das glaubte sie schon seit Wochen nicht mehr. Außerdem haben Dreizehnjährige doch keine Angst mehr vor Monstern.

Zumindest nicht vor den Monstern unter dem Bett, oder denen im Wandschrank. Das hatte sie erst kürzlich herausgefunden. Die wahren Monster lauern unter uns.

Der Blick in den Spiegel verschwamm und sie hörte auf zu grinsen. Jetzt wurde es wieder ernst. Dies war das vierte Mal, dass es geschah, und jedes Mal war der Prozess vom Anblick her ekelhaft. Zuerst verfloss das Spiegelbild, als wäre das Glas flüssig, dann drehte es sich wie ein Strudel und zeigte so viele verschiedene Bilder auf einmal. Wasser, dämonische Gesichter, eines grinsend, das andere weinend, goldene Haare im Wasser die sich bewegten wie Algen. Dazu ein hässliches, kratzendes Geräusch das lauter wurde, je schneller der Wirbel sich drehte. Dann war es vorbei, und wieder blickte Leonie in das Gesicht, das sie im Wasser gesehen hatte, eingerahmt von blonden Haaren. Dieses Mal machte es ihr keine Angst mehr, zumal die Stimme angenehm warm und sanft war.

„Leonie, habe ich mich eigentlich schon dafür bedankt, dass du mir beistehst? Dafür, dass du mir Glauben und Kraft schenkst?

Und mir bei meiner Rache helfen willst?“

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