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Es fing damit an, dass sie für die Sommerferien mit ihrer Familie in den Urlaub flog.

Wir kannten uns noch nicht allzu lang und waren gerade mal einen Monat zusammen, deswegen wollten ihre Eltern nicht, dass ich mitkomme.

Für uns war das natürlich nicht so berauschend, da sechs Wochen eine lange Zeit waren und wir, wie das bei jungen Pärchen eben so üblich ist, am liebsten den ganzen Tag gemeinsam verbringen würden.

Ich vermisste sie schon, bevor sie überhaupt ihre Sachen gepackt hatte und ihr ging es auch nicht anders als mir, also dachten wir darüber nach, wie wir uns trotzdem am besten jeden Tag sehen könnten.

Und so kamen wir zu den Webcams, sie hatte bereits eine und ich kaufte mir eine neue.

Dann war das Ganze schon wesentlich erträglicher und ich war nicht ganz so sauer über die Entscheidung ihrer Eltern.

Ihr Reiseziel war selbstverständlich Spanien, wie das bei vielen Deutschen so üblich ist, allerdings nicht Ibiza oder Mallorca, sondern tatsächlich das Festland. Irgendeine schätzungsweise sehr langweilige Kleinstadt, in der Verwandte wohnten, die unbedingt besucht werden wollten. Sie war davon natürlich auch nicht so begeistert und deswegen zahlte sich die Webcam-Idee erst recht aus.

Und dann, gleich am ersten Abend, machten wir über SMS aus, dass sie mich so bald wie möglich kontaktieren würde. Das geschah dann auch und wir redeten wirklich stundenlang, bis spät in die Nacht. Sie erzählte mir, dass sie keine Lust hätte und viel lieber in Deutschland wäre. Dass sie zwar ein eigenes Apartment hätte, da ihre Eltern ihr den Freiraum lassen wollten, aber sie sich in den Räumen nicht wohl fühle.

Es handelte sich tatsächlich um kein besonders schönes Hotel. Das konnte selbst ich im Hintergrund der Übertragung sehen, denn die Wand hinter ihr war grau und die Couch auf der sie saß, sah auch aus, als wäre sie schon etwas älter.

Sie erzählte mir, dass stellenweise der Putz bereits herunterkam und es bestimmt irgendwo Spinnen gäbe, so dass sie gar nicht schlafen gehen wollte.

Irgendwann aber wurde ich zu müde und wir beendeten das Gespräch, nach dem wir beschlossen hatten, am nächsten Abend wieder so zu verfahren.

So vergingen dann die Tage. Uns war beiden sehr langweilig, da ich nichts zu tun, sie keine Lust auf die Verwandten, und die Kleinstadt, wie erwartet, nichts besonderes zu bieten hatte.

Ich versuchte sie immer wieder aufzuheitern und empfahl ihr den Strand zu besuchen, doch auch das gefiel ihr nicht so recht, auch wenn sie regelmäßig einwilligte.

Die ersten zwei Wochen waren noch einigermaßen erträglich, aber dann verging die Zeit immer langsamer. Sie hatte ihre Eltern sogar gefragt, ob sie früher nach Hause dürfte, aber das hatte keinen Erfolg, stattdessen schleppten sie sie jeden Tag irgendwo mit hin. Irgendwelche alten Kirchen angucken und sowas. Dann aber machte sie offensichtlich so sehr Terror - ich liebe sie für sowas - dass sie die meiste Zeit im Apartment verbringen durfte. Eigentlich war sie oft draußen und ganz gewiss keine Stubenhockerin, aber für sie war das Apartment noch der angenehmste Ort. Ich konnte das alles nachvollziehen und war froh, denn mir ging es ja ähnlich und ich war dankbar, dass wir wenigstens die Webcam hatten.

Eines Abends blieb sie dann wieder in ihrer Wohnung, während ihre Eltern noch irgendwelche Besichtigungen mitmachen wollten.

Selbst für ihre Verhältnisse war sie ziemlich ruhig und ich konnte sie kaum aufmuntern, was mich wiederum auch traurig machte …

Ja ja ... ich bin schon ein recht rationaler Mensch, auch was Liebe angeht, aber gegen sowas kann man sich einfach nicht so richtig wehren.

Später am Abend, so um Elf - halb Zwölf deutscher Zeit, wurde ich langsam wieder müde und fragte, ob wir am nächsten Tag weiter reden könnten. Sie lächelte und nickte. Dann aber plötzlich ein lauter Knall. Sie schrie leise auf und zuckte zusammen.

Kurze Stille.

„Was ist los?!“, Fragte ich perplex, denn das Geräusch kam aus ihrer Wohnung. Sie hielt sich die Hand vor den Mund und schaute sich um.

Hektisch, fragte ich sie nochmal.

„Ich weiß nicht.“ Flüsterte sie eingeschüchtert.

„Ist da jemand in deiner Wohnung?“

Sie verneinte und meinte, dass das nicht sein könnte, da sie abgeschlossen hätte.

Ihr stand der Schock im Gesicht stehen und sie wurde ganz bleich.

„Ich hab' Angst …“.

„Vielleicht ist nur irgendetwas runter gefallen oder irgendwer hat unten 'ne Tür zugeschlagen, oder so.“ Versuchte ich sie zu beruhigen.

Zögernd kam die Antwort: „Vielleicht ...“

Dann aber erneut drei laute Geräusche, als würde tatsächlich jemand eine Tür wutentbrannt mit voller Gewalt aufreißen und wieder zuschlagen.

„Hilf mir!“, weinte sie leise.

„Ich kann nicht! Beruhig' dich ... bitte!“

Ich schaute mich im Raum um, schaute sie verzweifelt an und wusste nicht was ich tun konnte. Diese Unfähigkeit ließ auch mir Tränen in die Augen schießen.

„Ich kann das nicht! … was war das?!“

Ich versuchte sie zu beruhigen.

„Hey!“ Ich forderte sie auf, mich anzuschauen.

„Du musst da jetzt rausgehen, okay? Du nimmst jetzt den Schlüssel, öffnest die Apartmenttür und rennst runter zur Rezeption und sagst denen Bescheid.“

Ihre einzige Antwort war ein langsames Nicken.

Gerade als sie aufstehen wollte und den Schlüssel nahm, kauerte sie sich zurück auf die Couch.

„Ich kann das wirklich nich' … bitte ...“

Ich bin kein Psychologe, aber mir war klar, dass ihr Zustand fast panisch war.

„Bitte, tu es einfach, dir kann nichts passieren … Ich weiß ja auch nicht, was da los ist, aber es ist besser, wenn du abhaust … Dreh die Cam einfach in die Richtung, wo das Geräusch herkam und ich kann es dann sehen und dich mit 'ner SMS aufklären, okay?“

Sie schien kurz nachdenklich, drehte dann aber die Webcam in die besagte Richtung und verließ das Bild auf der entgegengesetzten Seite. Ich hörte dann noch die zufallende Tür und ein paar schnelle Schritte auf dem Gang. Jetzt erst realisierte ich, wie viel Angst ich selbst hatte.

Die Couch konnte ich rechts im Bild nur noch vermuten, was ich jetzt sah, war sowas wie das Wohnzimmer.

Ein Holztisch mitten in dem mittelgroßen Raum, vier Stühle im selben Stil dabei, dahinter ein größeres Fenster, mit Ausblick auf den Strand, den man jetzt in der Nacht nicht sah.

Rechts, im hinteren Teil des Raumes war noch eine Tür mit Milchglas, die in das Schlafzimmer führte. Der Boden war ein grauer, alter Teppich, mit ein paar Flecken. Links im Bild sah ich ein paar Schränke, auch aus dunklem Holz. Von der Decke hing eine ältere, gelb-orange leuchtende Lampe mit Schirm.

Und jetzt sah ich diesen Raum. Ich wollte mich nicht bewegen, wusste aber, dass meine Webcam, mit dem Bild von mir auf dem Laptop meiner Freundin noch übertragen wurde.

Es war, als ob ich selber im Zimmer sein würde, aber bewegungsunfähig. Ich wollte mich nicht bewegen, aus Angst auf mich aufmerksam zu machen. Was auch immer diese Geräusch verursachte, ich konnte es noch nicht sehen.

Langsam kam ich aus meiner Schockstarre heraus und meine Finger näherten sich dem „Off-Button“ meiner eigenen Webcam. Nervös, schob ich den Regler nach hinten und mir wurde die Information angezeigt, dass mich mein Gesprächspartner nicht mehr sehen konnte.

Ich atmete langsam auf und starrte auf den Bildschirm, einerseits neugierig, andererseits betend, dass nicht passieren würde...

Und dann sah ich es.

Ganz kurz. Ein leichter Schatten hinter der milchglasigen Tür.

Irgendetwas was daran vorbeihuschte.

Dann fiel die Webcam meiner Freundin aus und mein Bild wurde schwarz.

Kendjio (Diskussion) 21:49, 8. Nov. 2013 (UTC)

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