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„Chris?“ Seine Mutter schüttelte ihn sacht.

„Hm?“

„Ist irgendetwas?“ Der Junge verneinte und setzte ein affektiertes Lächeln auf.

„Hab nur an was gedacht.“ Er schluckte. Eigentlich hatte er sich vorgenommen nie wieder an sie zu denken, doch heute fiel es ihm besonders schwer. Nicht, dass es sonst leicht wäre, nicht an sie zu denken. Kurz nachdem er sie verlassen hatte, brachten ihre Eltern sie in die Psychiatrie. Zurecht, wie er später rausfand. Ob Natalie Selbstmord begangen hat ist weiterhin unklar. Fakt ist, man hat ihre Leiche noch nicht gefunden, lediglich ein zermatschtes, linkes Auge, zumindest ist das die offizielle Variante. Chris konnte diese Absurdität nicht glauben. Wenn ihr ein Auge ausgestochen oder geschnitten wurden ist, müsste sie unter furchtbaren Schmerzen leiden. Sie würde ein Krankenhaus aufsuchen müssen. Das viele Blut und die Entzündung, die entstehen konnten, zwingen sie regelrecht zum Aufgeben, jedenfalls wenn die Geschichte stimmen würde. Natalie ist ein kluges Mädchen. Seltsam und anscheinend verrückt, aber klug. Er biss sich auf die Lippe. Fast hätte es geklappt. Alle Nataliegedanken waren verstaut gewesen, in einer großen massiven Truhe seines Gehirns, verschüttet von unzähligen banalen Erinnerungen, an Gott und die Welt. Bis zu jenem Weihnachtsabend. Mit einem einzigen „Klick“, das Öffnen eines Briefes, war die Truhe wieder aufgesprungen und offenbarte ihr grausiges Inneres. Der Brief war mit roter Tinte und anscheinend einer Feder geschrieben. Sie wollte ihn Angst machen.

„Ich schenke dir Zeit, ganze vierundzwanzig Stunden. Dieses Geschenk mag wertlos erscheinen, ist es jedoch nicht. Überlege dir gut, was du damit tust. Merry Christmas“ Unter dem Geschriebenen prangte, in eben derselben Tinte, ein Bild. Er kannte diese Art von Bildern, jene wie nur sie sie zeichnen konnte. Es war ein Selbstporträt, eine Fünfminutenskizze von ihr. Sie hatte feine dünne Linien verwendet, um vorzuzeichnen und sie dann mit kräftigeren Linien ergänzt. Er konnte nicht anders.

„Ich muss mal kurz weg, Leon und Sammy fröhliche Weihnachten wünschen“ Schwer atmend ging er in sein Zimmer und verriegelte die Tür. Der Brief lag zusammengefaltet unter seinem Kopfkissen. Er faltete ihn auseinander.

„Psychopatin.“ Vermutlich war es besser das Papier einfach zu verbrennen. Er hatte schon immer eine unangenehme Beklemmung, bei dem Betrachten ihrer Bilder gehabt, aber dieses war besonders verstörend. Das Selbstporträt zeigte ihren Kopf und den Schulterbereich. Sie hatte sich selbst verstümmelt und hielt grinsend ein Messer nach oben. Er atmete noch einmal tief durch. Was konnte sie schon ausrichten? Dann begab er sich zurück zu seinen Eltern, nachdem er unauffällig den Brief ins Kaminfeuer geworfen hatte.

„Schatz. Willst du heute mal eher ins Bett gehen?“ Seine Mutter klang besorgt.

„Du siehst schlecht aus. Bestimmt hast du dir was eingefangen.“

„Hm.“ Chris wollte nicht schlafen gehen, sobald er die Augen schloss sah er sie. Seine überbeanspruchten Nerven würden das Theater nicht mehr lange mitmachen und er dachte kurz darüber nach, seine Mutter zu fragen, ob er diese Nacht bei ihr schlafen könne. Augenblicklich verwarf er den Gedanken, schließlich war er fast neunzehn Jahre alt. Er trottete zum Bett. Zu seiner Überraschung schlief er ein. Die erwarteten Albträume, die ihn seit Monaten quälten, blieben aus. Als Chris aufwachte war es noch dunkel. Er döste und drehte sich, noch in Trance, auf die andere Seite. Es war noch viel zu früh, um aufzustehen. Ruhig verharrte Chris in seiner Position, konnte aber nicht wieder einschlafen. Dämliches Ticken. Das Geräusch war so leise, dass er es gerade noch hören konnte. Angestrengt lauschte er. Es war weg. Bestimmt hatte er es sich nur eingebildet, kein Wunder, dass er paranoid wurde, das würde jeder in seiner Situation werden. Den ganze restlichen Tag verbrachte er mit grübeln. Wie ein Zombie schlich er durch die Gegend. Mechanisch schob er sich ein paar Chips in den Mund. Seit Stunden starrte er schon auf seinen digitalen Wecker. Zehn, neun acht….In Gedanken zählte er den Countdown runter, bis zum Schluss. Die Kirchsturmglocke erklang, weit in der Ferne und eine bereits vertraute Melodie erklang. Fast schon traurig, dass sie nach ein paar Sekunden verstummten. Er hörte ein Ticken. Zunächst dachte er, es wäre die Turmuhr, doch das Ticken blieb.

„Zeitverschwender.“ Erschrocken fuhr er herum. Da stand sie. Natalie. Sie lächelte, sodass sich die Nähten ihres aufgeschlitzten Mundes spannten. Sie hatte damals so ein traumhaft schönes Lächeln gehabt. Nun breitete sich ihr Grinsen quer über ihr ganzes, entstelltes Gesicht aus. Die Provisorischen, schiefen, willkürlich eingestochenen Nähte drohten zu reißen, doch das schien sie keines Weges zu stören.

„Ich habe dir vierundzwanzig Stunden geschenkt. Es ist der 25.12., zwölf Uhr. Ihre Hand erhob sich. Chris wich vorsichtshalber einen Schritt zurück. Natalie tippte langsam und vorsichtig auf ihr Uhrenauge.

„Natalie du, du bist krank und ich denke-“

„Mein Name ist nicht Natalie! Ich bin CLOCKWORK“ Chris erkannte, dass er es mit mehr, als einer wütenden Exfreundin zu tun hatte und war sich sicher, dass sie in töten würde.

„Ich will nicht sterben. Bitte!“ Winselnd fiel er vor ihr auf die Knie, als ihm eine Idee kam.

„Ich liebe dich doch. Es war dumm, dich gehen zu lassen, aber gemeinsam….nur du und ich….“ Er zwang sich zu einem Lächeln. Natalies Züge wurden weicher. Allmählich entspannten sich ihre Muskeln und sie begab sich auf seine Ebene.

„Chris…“ Sie flüsterte. Sein Instinkt, wegzurennen war groß, aber er riss sich zusammen. Natalie presste ihre Lippen auf seine. Ekel durchströmte ihn und er kämpfte gegen seinen Würgereitz. Sie umarme ihn und legte ihren Kopf auf seine Schuler.

„Tut mir Leid.“ Tränen befleckten seinen Pullover. Ihre Stimme schwoll an.

„Aber…. Your time is up!“

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