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Vor einigen Jahren trieb es mich eines Nachts hinaus, weg aus der Enge der Wohnung, weg von allem, was mir auf die Nerven ging. Ich trug mich mit dem Gedanken, mich von meiner damaligen Freundin zu trennen und musste dringend den Kopf frei bekommen.


Ich durchquerte die kleine Stadt, in der ich lebte, ohne darauf zu achten, wohin meine Füße mich trugen und dachte über den zurückliegenden Streit nach, einen aus einer Reihe von Streits, die zwar immer nach demselben Muster abliefen, sich aber stetig verschlimmerten.


Die Schultern hochgezogen und die Hände in den Taschen lief ich einfach immer weiter. Es war Herbst, und es nieselte leicht. Bald erreichte ich die Felder und Obstwiesen, die die kleinen Städte und Dörfer der Gegend von einander abgrenzten. Dort gab es keine Laternen mehr, nur Dunkelheit, und das war genau das, was ich in dieser Verfassung brauchte. Keinen Reiz außer meinen eigenen Gedanken und der ruhigen, nein, beruhigenden Berührung der Regentropfen auf meinem Gesicht.


Ich lief noch zwei oder drei Kilometer auf das nächste Dorf zu, solange, bis ich das erste Licht der dortigen Straßenbeleuchtung erkennen konnte. Eine Minute lang blieb ich unschlüssig stehen. Ich wollte nicht dorthin, nicht ins Licht, aber hier stehen bleiben? Nein, das ging auch nicht. Mein von der Bewegung aufgeheizter Körper würde schnell abkühlen, und ich würde frieren. Ich drehte mich im Kreis. Vor und hinter mir die kleinen Ortschaften, zu meiner Linken in einiger Entfernung die Bundesstraße, auf der um diese Uhrzeit nur vereinzelte Fahrzeuge fuhren, und zu meiner Rechten die ersten bewaldeten Hügel des Waldes.


Die Entscheidung fiel mir nicht schwer. Der Wald sollte es sein. Ich kannte die meisten der Wanderwege dort von früheren Spaziergängen bei Tageslicht und machte mir keine Sorgen. Ich weiß nicht genau, wie lange oder wie weit ich in den Wald hineinlief, verschwendete gar keinen Gedanken an das, was ich da tat.


Ich lief einfach immer nur weiter und dachte nach und versuchte, das verworrene Knäuel aus Problemen, aus dem mein Gehirn zu dieser Zeit bestand, zu entwirren. Es war zwar dunkel um mich herum, doch das Licht der Sterne und des Mondes, das diffus, aber überraschend hell durch die aufreißende Wolkendecke drang, sorgte dafür, dass ich nicht völlig blind war. Meine Augen schienen sich überraschend gut an die Dunkelheit gewöhnt zu haben. In meinen Gedanken bewegte ich mich im Kreis. Ihr konstantes Bedürfnis nach Liebesbekundungen, ihr Wunsch, mich mit einem Kind an sich zu fesseln, die Enge der Zweisamkeit, ihre Eifersucht, der von diesen Problem belastete so gewohnte, unspektakuläre, aber immerhin halbwegs regelmäßige Sex, alle ihre und all meine kleinen Macken, die sich so schlecht miteinander vertrugen. Ich hatte doch noch so viel mehr vor, das Leben musste einfach mehr zu bieten haben als diese zähe, graue Gleichförmigkeit.


Und das Leben hatte mehr zu bieten. Viel mehr.


Es fing mit einem Rascheln an, links neben mir, im Dickicht. Mein Kopf fuhr wie von selbst herum, mit meinen Blicken versuchte ich, das Geäst zu durchdringen. War da Bewegung? Die Geräusche des nächtlichen Waldes hatten mich schon die ganze Zeit begleitet, ohne dass sie meine Aufmerksamkeit erregt hätten, aber das hier – das war anders. Ein wenig wie ein Flügelschlagen, ein wenig wie das Picken von Schnäbeln auf Knochen, wie das Hüpfen großer Vögel über den Boden. Ich konnte nichts erkennen, und nach einem Moment der Unsicherheit setzte ich meinen Weg fort. Als ich den ersten Schritt gemacht hatte, ertönte das Rascheln von neuem. Ich blieb stehen, und das Rascheln brach ab. Ich wartete zwei Sekunden. Wieder wollte ich einfach weitergehen, aber sobald ich mich bewegte, war auch das Rascheln wieder zu hören. Ich wusste, dass es hier Wildschweine gab, und spätestens als mir das in den Sinn kam, hatte ich meine Beziehungsprobleme vergessen und war wach und angespannt im Hier und Jetzt. Aber wäre ein angriffslustiges Wildschwein nicht längst auf mich zugestürmt? Ich sah Schatten und Umrisse von Ästen, Bäumen, aufgehäufte Verwehungen von Herbstlaub, Unterholz – aber kein Tier, kein Wildschwein und auch kein anderes. Der Schweiß brach mir aus, und es kostete mich eine unglaubliche Willensanstrengung, trotz des Raschelns einen Fuß vor den anderen zu setzen. Einen, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben vom Geraschel begleitete Schritte tat ich, und beim achten, das spürte ich mehr, als dass ich es hörte, brach etwas aus dem Unterholz heraus und huschte in meinem Rücken über den Waldweg.


Eine urtümliche Furcht erfüllte mich mit einem Mal, das Wissen um etwas Böses, das Wissen um etwas Altes und Hungriges, das mich mit gierigen Augen belauerte. So etwas wie diese Furcht hatte ich noch niemals zuvor gefühlt. Ich konnte kaum noch atmen, meine Gedanken rasten, versuchten, meine irrationalen Gefühle niederzukämpfen, aber das Gefühl von Angst und Bedrohung war so allumfassend, so dermaßen machtvoll und bleischwer, dass mich ich mich erst aus meiner Starre lösen konnte, als ein Luftzug, hauchzart, aber eiskalt, mein Gesicht abzutasten schien und ich wieder das Bild von Vogelschwingen vor Augen hatte, die mich umflatterten und die Luft um mich herum bewegten. Immer wieder sagte ich mir, dass das Böse an sich nicht existierte, dass es für alles eine rationale Erklärung gab. Doch es half nicht. Diese Angst kam tief und urgewaltig aus meinem Inneren, mehr ein Instinkt denn ein Gefühl, ein archaischer Schutzreflex, chemisch-elektrische Reaktionen, die in meinem Körper abliefen und denen weder mein Wille, noch mein Verstand etwas entgegenzusetzen hatten.


Etwas griff nach mir. Etwas – oder jemand – griff nach meiner Seele, streckte uralte, messerscharfe Klauen nach meinem Geist aus. Ich rannte jetzt, und das Geraschel verfolgte mich, wurde lauter und vielschichtiger, brach nun auf meiner rechten Seite durchs Unterholz. Eines war mir völlig klar: Würde ich jetzt, da die Jagd eröffnet war, stehenbleiben, würde das Rascheln nicht mehr aufhören. Es würde näher kommen, auf mich zurasen, mich einschließen und dann … Ich hatte Seitenstechen, war schweißgebadet und am Ende meiner Kräfte. Zu dem anschwellenden Rascheln und Krachen hatte sich in den Minuten, die ich durch die Nacht gehetzt worden war, ein merkwürdiges Flüstern gesellt, fremdartige Gedanken, die direkt in meinem Kopf zu entstehen schienen, aber doch nicht mir gehörten und die sich mantra-artig wiederholten.

Wenn die Stern´ im Fünfeck steh´n,
Menschlein wirst Du seh´n,
wie die sieben Raben jagen,
wie gern sie dich doch haben.

Woher kannte ich diese Worte? Kannte ich sie überhaupt? Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass der Reim noch nicht vollständig war, als müsste da noch mehr kommen, aber ich konnte die Worte nicht greifen. Ein Ast riss mir die Wange auf, mein eigenes Keuchen übertönte jetzt das Geraschel und das krächzende Geflüster. Irgendwo am Rande meiner Wahrnehmung bemerkte ich, dass ich den Waldweg verlassen hatte und durchs Unterholz direkt in den Forst hinein rannte. Die Bäume griffen nach mir, wollten mich festhalten, aber ich kämpfte mich durch, zog mir noch mehr Kratzer zu, die bösartig brannten, rannte weiter, konnte es im Licht des Mondes oftmals nur in letzter Sekunde vermeiden, gegen einen Baumstamm zu prallen. Wo war ich denn? In welcher Richtung lag die Stadt? Wo waren die Straßenlaternen, wo war die Zivilisation, die meiner Panik Einhalt gebieten konnte?


Ich brauchte Licht, ich brauchte Straßen und Autos und das Flimmern der Fernseher in den Fenstern der Häuser, brauchte die Gewissheit, von anderen Menschen umgeben zu sein. Irgendwie musste es mir doch wieder gelingen, mich in der Realität zu verankern und dem Irrsinn meiner Ängste Einhalt zu gebieten. Aber ich hatte mich verloren, und der Wald schien endlos zu sein. Stamm um Stamm flog schemenhaft an mir vorbei, und es wollte einfach kein Ende nehmen. Mein Herz hämmerte wild in meiner Brust, dann, plötzlich, schlang sich eine Wurzel um meinen Fuß, und ich stürzte.Untermalt von schallendem Gelächter aus der Tiefe meines Hirns, ging ich zu Boden. Schlagartig hörte das Geraschel auf, und das Geflüster brach endlich ab. Die plötzliche Stille traf mich wie ein Schlag, ich roch den Waldboden und schmeckte Erde.


Als ich nach Minuten des panischen Lauschens und unzähliger, beinahe vergeblicher Versuche, meine Atmung zu normalisieren, endlich wieder in der Lage war, Luft in meine Lungen zu saugen und mich aufzusetzen, sah ich mich um. Ich befand mich auf einer Lichtung, in deren Mitte ein kleines, verfallenes Gebäude stand. Die schwarzen Löcher, dort wo einmal Fenster und Türen gewesen waren, schienen mich anzustarren. Ich stand auf, am ganzen Leibe bebend, und als ich einen Schritt zurück tat, weg von den schwarzen Augen des Hauses, erklang ein hölzernes Knistern und Knarzen von überall um mich herum. Die Bäume – sie rückten zusammen, ihre Äste wuchsen aufeinander zu, verbanden sich zu feindseligen Knoten, zu einem hölzernen Stacheldrahtzaun, so schien es mir. Wurzeln und Ranken brachen aus der Erde am Rand der Lichtung hervor und gesellten sich hinzu, verdichteten das Netz, das sich, von einem alten Willen beseelt, immer enger um mich schloss. Der Wald sperrte mich auf dieser Lichtung ein – und er zog die Grenzen immer enger, nahm mir Meter um Meter. Er trieb mich auf das Haus zu! Ich schrie und schrie und schrie, und je mehr ich schrie, desto lauter wurden die fremden Gedanken in meinem Kopf, und wieder hallte der Reim in meinem Hirn wieder.

Wenn die Stern´ im Fünfeck steh´n,
Menschlein wirst Du seh´n,
wie die sieben Raben jagen,
wie gern sie dich doch haben.

Sieben Mal der Pilz gekommen,
sieben Mal die Fliegen summen.

Er ging also tatsächlich weiter, dieses seltsame Gedicht. Wieder war ich sicher, dass das noch nicht alles war, dass noch ein wichtiger Teil fehlte. Was waren das für Worte? Die Pflanzen schoben mich jetzt unaufhaltsam auf den Eingang des Hauses zu, ein schwarzes Maul, das darauf wartete, mich zu verschlingen. Spitze Äste stachen mir in den Rücken, trieben mich voran, und irgendwann gab ich das Schreien und meinen Widerstand auf, fügte mich, gab mich selbst auf. Ich konnte einfach nicht mehr. Sobald der Wald spürte, dass ich nicht weiter gegen seinen Willen ankämpfen würde, kam Ruhe in diese stachelige, organische Phalanx. Das verfallene Haus schien jetzt auf mich zuzurasen, kam immer schneller näher, und dann hatte es mich verschlungen, und alles wurde schwarz.

***

Als ich wieder zu mir kam, beschien helles Sonnenlicht die Lichtung. Es regnete nicht mehr, der Himmel, den ich durch die Blätter der Bäume ringsum sehen konnte, war klar und blau. Ich fühlte mich, als hätte ich eine Ewigkeit geschlafen, von wilden und dämonischen Alpträumen geplagt. Ich war nicht erholt, sondern stand seltsam neben mir, irgendwie … ausgehöhlt – man hatte mir etwas genommen, etwas fehlte. Die Wunde, die der Ast in meine Wange gerissen hatte, war vernarbt, und das Haus war nicht mehr da. Einfach weg. Ungläubig stolperte ich über die Lichtung, doch – nichts! Nichts! Ich konnte nichts finden! Es musste Stunden gedauert haben, bis ich so weit über all die Unerklärlichkeiten hinweg gekommen war, dass ich mich ängstlich und verwirrt wieder in Richtung Stadt aufmachen konnte. Ich wurde bald etwas ruhiger, schon hatte ich befürchtet, dass die ganze Stadt ebenfalls verschwunden sein würde, aber sie war noch da. Ein wenig fremd kam sie mir vor. Viele neue Autos, manche Schlaglöcher, über die ich mich oft geärgert hatte, waren ausgebessert worden. Der Tante-Emma-Laden an der Ecke war geschlossen und vernagelt. Ich lief durch die Straßen wie ein Schlafwandler.


Ein alter Mann starrte mich an und ging dann weiter, sagte dabei kopfschüttelnd etwas zu sich selbst. Als ich an unserer gemeinsamen Wohnung ankam, stellte ich fest, dass mein Schlüssel nicht mehr passte. Für eine Sekunde verschwamm alles vor meinen Augen, ich musste mich an der Wand abstützen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Hatte sie so schnell die Schlösser ausgewechselt, wegen diesem kleinen, dummen Streit? Mein Gott, es war doch nur ein wenig verfrühte Midlife-Crisis gewesen. Ich klingelte. Die Tür öffnete sich. Sie hatte zugenommen, und ihr Haar war anders, war viel länger, und während sie mich mit Tränen in den Augen, hysterisch, wütend und verletzt zugleich, fragte, wo zum Teufel, ja, zum Teufel, ich denn herkäme, jetzt, nach all der Zeit, kam mir auf einmal wieder dieser Reim in den Sinn. Ich musste plötzlich lächeln, denn jetzt konnte ich auf einmal auch den Rest der Worte in meinem Kopf hören, so, als wären die Worte eigens für mich gemacht, den Teil, den ich gestern Nacht – in jener Nacht – nie so richtig verstanden hatte:

Wenn die Stern´ im Fünfeck steh´n,
Menschlein wirst Du seh´n,
wie die sieben Raben jagen,
wie gern sie Dich doch haben.

Sieben Mal der Pilz gekommen,
sieben Mal die Fliegen summen.
Sieben Sommer nimmt der Meister Dir,
sieben Sommer stillen seine Gier.

Sieben Mal den Bock geküsst,
sieben Mal den Rock vermisst.
Willst Deine Sieben Du zurück,
brich der Metze das Genick!

Sieben.


Sieben Jahre?


Ja, anders konnte es nicht sein! Und ja, ich wollte sie zurück!

Oh ja, das wollte ich, und ich würde sie mir holen.


Langsam breitete ich meine Arme aus, lächelte und ging auf sie zu.

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