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Eliza und ich saßen auf ihrem Bett –wie immer, wenn wir nicht zockten, lachten oder uns einfach nur unterhielten. Wir saßen einfach da und schauten aus dem Fenster. Es war Herbst und so waren die Blätter, die noch an den Bäumen hingen, wunderschöne Farbtupfer in rot und orange. Eliza hasste den Frühling, weil es ihr alles viel zu grün und nass war. In dieser Jahreszeit schrieb sie gerne Gedichte und Geschichten. Leider hielt sie den Inhalt dieser Schriften auch vor mir, ihrem besten Freund und Kumpel, dem sie eigentlich immer alles erzählte, geheim. Sie hasste aber auch den Sommer, da er ihr immer zu heiß, stickig, aber auch schwül war. In dieser Zeit des Jahres verkroch sie sich immer in ihrem Zimmer, schloss die eh schon kleinen Fenster mit tiefschwarzen Vorhängen und zockte. Und den Herbst, meine Lieblingsjahreszeit konnte sie auch nicht leiden. „Zu bunt“, lautete ihre Begründung immer. In ihrem Leben gibt es nur schwarz und weiß. Und so mag sie einzig allein den Winter. Wenn immer alles so früh dunkel wird, dann schaute sie von ihrem kleinen Fenster aus immer bis tief in die Nacht nach draußen in den schwarzen Nachthimmel, suchte nach Erklärungen für alles und jeden.

„Ich muss dir etwas sagen!“, durchbrach sie die Stille.

Ich schaute auf. Direkt in ihre Augen. Eines Blau, beinahe grau, das andere von einer Augenklappe überdeckt. Ihre langen schwarzen Haare, die nach unten hin hellblond werden, lagen in zwei Partien geteilt über ihren Schultern. Ihr Gesicht war blass, wie immer, sodass sie aussah als wäre sie krank. Ihre Hände lagen, von Narben überzogen, in ihrem Schoß. Ihre schwarzen Stiefel reichten ihr bis zu den Knien hoch. Darüber hatte sie ein langes schwarzes Kleid an, mit weißer Spitze und darüber, trotz dass sie den Winter und damit auch irgendwie die Kälte, die damit verbunden war mochte, eine schwarze Kuscheljacke, mit Katzenöhrchen an der Kapuze. Wenn ich sie so beschrieb, könnte man meinen, sie sei ein niedliches kleines Mädchen, immer nett und folgsam, doch das ist sie nicht! Sie kann sehr kratzbürstig und fies sein, jedoch nicht zu mir. Nur zu denen, welche sie auf Grund dessen mobben. So etwas beruht nun mal auf Gegenseitigkeit und ist ein ewiger Kreis… Trotzdem halte ich immer zu Eliza, bin immer auf ihrer Seite. Wir kennen uns ja auch schon sehr lange und ich kenne sie besser als mich. Weiß dass ihre Eltern ermordet wurden, statt bei einem Autounfall ums Leben kamen, wie überall in den Medien stand, um die blutrünstige Tat zu vertuschen, weil sie selbst für die Presse eine Nummer zu groß war. Ich weiß aber auch, dass sie bei ihrer Großmutter unterkommen sollte, diese sie aber einfach draußen stehen gelassen hat, da sie angeblich nicht weiß wie man mit Kindern umgeht. Und dass Eliza deswegen hier wohnt. In der einsamen Villa, die damals noch ihren Eltern gehörte. Ich weiß also ziemlich viel über sie und war damals so naiv zu glauben, es wäre alles und dass mich nichts mehr schocken könnte. Falsch gedacht! Denn der nächste Satz sollte mir das Blut in den Adern gefrieren lassen…

„Ich liebe es…“, fuhr sie fort. Dabei legte sie mir die Hand auf den Oberschenkel und ich dachte nur: Oh. Mein. Gott. Doch es kam völlig anders als ich erwartet hatte.

„…zu töten.“

Schock. Für ein paar Sekunden verlor ich die Fassung. Dann traf es mich wie der Schlag. Ich sprang auf. Sah sieh entsetzt an. Rannte zur Tür, doch diese war fest verschlossen –wie immer…

„Lass mich sofort hier raus!“, schrie ich schon fast hysterisch. Sie lachte leise.

Zu meiner Überraschung kein verräterisches, gestelltes oder gar gehässiges Lachen. Nein. Das Lachen das ich so an ihr mag. So offen und ehrlich.

„Wenn ich dich töten wollen würde, glaubst du ernsthaft ich hätte dir den Schlüssel gegeben?“ Ich schüttelte den Kopf. Warum nahm ich ihr das eigentlich mit dem Töten ab? War es nur ein mieser Scherz? Und…würde ich ihr das zutrauen…töten…unschuldige Menschen?

„Du machst einen Scherz, oder? Du willst mich auf den Arm nehmen, mir einen Schrecken einjagen. Aber so leicht kannst du mich nicht verwirren! Mich! Nicht!“, sprach ich anfangs betont langsam aus, dann schrie ich am Ende.

„Habe ich das nicht gerade?“, meinte sie mit ihrer ruhigen, aber für ein Mädchen auch sehr tiefe Stimme. „Dich verwirrt? Du sahst sehr erschrocken aus, zumindest in meinen Augen. Wenn es nicht so war, dann sag es ruhig. Nur…sollst du wissen, dass es die Wahrheit war. Ich. Töte. Vielleicht hilft es dir ja zu verstehen, wenn ich dir erzähle wie es dazu kam?“, fuhr sie fort, blieb aber die ganze Zeit regungslos sitzen. Auch ich verharrte in meiner Position und konnte mich nicht rühren. Schließlich hielt sie mir ihre Hand hin.

„Even, ich würde und werde dich niemals töten. Dich nicht!“, sagte sie. Wahrscheinlich sollte es aufmunternd gewesen sein… Endlich setzte ich mich aufs Bett. Es hatte mich große Überwindung gekostet, aber ich saß. Neben ihr. Der Killerin!...? Meine Hände waren schwitzig und meine Kehle war trocken, wie Staub.

„Hier“, sie hatte einen großen Aktenordner von der kleinen Kommode, welche unter dem Fenster stand, hochgehievt und ihn aufs Bett geschmissen.

„Was ist das!?“, wollte ich wissen.

„Meine Gedichte“, sie heftete eins aus und reichte es mir, „Lies!“, forderte sie mich auf.

Rot, wie die Liebe,

Die nicht gilt.

Rot wie ein Herz,

Welches nicht gewillt

Rot wie das Blut,

Welches aus der Wunde quillt.

Rot wie rot.

Rot wie Tod.

Ich schaute auf. Wieder in ihre Augen, nein eigentlich nur das eine, welches nicht von der Augenklappe verdeckt ist. Sie schaute mich fragend an. Wollte sie Kritik hören?

„Mir gefällt es“, meinte ich knapp, „Auch wenn es so düster wirkt.“

„Wieso düster?“, fragte sie.

„Naja, Tod ist ein heikles Thema. Findest du nicht? Wenn man tot ist, ist man weg. Das macht mir Angst.“

„Keine Ahnung. Ich denke nicht darüber nach. Alles fing damit an, dass meine Eltern starben. Angeblich ja bei einem Autounfall. An diesem Tag gab es tatsächlich hier in der Nähe einen Unfall, bei dem ein Auto gegen eine Leitplanke krachte und den stark abfallenden Abhang hinunterstürzte. Beide Insassen starben. An diesem Tag vermuteten sie, es seien wirklich meine Eltern. Also fuhr ich mit der Polizei zur Unfallstelle. Sie mussten alles inspizieren. Und so hatte ich Zeit den kleinen Vogel am Straßenrand zu entdecken. Er war am verrecken. War wahrscheinlich irgendwie ein bisschen vom Auto erwischt worden.“ Sie lachte leise, was mir Angst einjagte. Trotzdem war es immer noch das offene Lachen von vorhin.

„Naja…und um ihm den Tod zu erleichtern…hab ich ihm geholfen. Wie gesagt, anfangs nur um ihm den Tod zu erleichtern. Aber je länger ich mit meinem Taschenmesser, welches ich immer in meiner Tasche habe, wie du ja weißt, in den Wunden herumstocherte, gefiel es mir. Einige brauchen ellenlange Rutschen, schwindelnde Höhen oder Achterbahnen um sich den… „Ultimativen Adrenalinkick“ zu holen. Ich brauche nur das Töten.“

Ich erstarrte noch mehr, wenn das überhaupt noch möglich war. Es machte ihr ernsthaft Spaß, alles und jeden aus dem einfachen Grund zu töten, weil sie sich dadurch den Adrenalinkick, den „Ultimativen Adrenalinkick“, holte!? Das war doch krank…oder?

Ja…das dachte ich damals. Dass sie krank sei, völlig durchgeknallt halt. Aber nun, in dem Moment, in dem der Fußgänger, welcher eben hier lang spazierte, kreischend und zuckend vor mir auf dem Boden liegt, bin ich wohl nicht besser.

Ich wollte es doch nur ausprobieren, wie es ist zu töten. Aber jetzt macht es mir Spaß. Wie ihr. Nur dass sie mittlerweile zwanzig ist, man herausgefunden hat, was ihr „Hobby“ ist und sie in die Psychiatrie brachte. Eigentlich mache ich das auch alles nur für sie. Um sie in Gedenken zu halten. Denn, aus der Klapse kommt sie wahrscheinlich höchstens noch ins Gefängnis, aber nicht mehr zu mir…leider.

Mit diesem Gedanken führe ich mein Werk fort. Ich hacke mit ihrem Taschenmesser solange auf den Typen ein, bis er sich nicht mehr regt. Aber es macht mir keinen Spaß mehr.

„Andere zu töten ist mies, richtig mies“, sagt mir mein früheres ich.

„Aber sich selbst zu töten…“, ich bringe den Satz erst gar nicht zu ende.

Voll Wut, Trauer und Schmerz ramme ich mir das Messer mitten ins Herz. Denke dabei an ihr Gedicht. Und schreie mit der letzten Kraft die mir noch bleibt:

„Ich habe dich geliebt, Eliza!“

Ja...

Rot, wie die Liebe,

Die nicht gilt.

Rot wie ein Herz,

Welches nicht gewillt

Rot wie das Blut,

Welches aus der Wunde quillt.

Rot wie rot.

Rot wie Tod.


--shimaiXimoto 13:02, 7. Sep. 2014 (UTC)

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