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Müde saß der Reisende dicht vor dem Kamin auf dem Boden der engen Gaststube. Er wickelte sich enger in die große Decke, die über seinen Schultern lag, um sich vor den eisigen Luftzügen zu schützen, die vom Fenster der kleinen Kammer herkamen. Draußen war es dunkel, die anderen Holzhäuser und Blockhütten des kleinen sibirischen Dorfes lagen unter einer dünnen Schneedecke. Allein der Mond warf sein farbloses Licht auf die weißen Hausdächer der Siedlung.

Noch eine ganze Woche lang musste er in diesem gottverlassenen Kaff am Ende der Welt ausharren. Verärgert starrte der Mann in die tanzenden Flammen des wärmenden Kamins. Die einzige befahrbare Straße weit und breit führte durch dieses Dorf. Noch eine ganze verdammte Woche, bis endlich wieder eine Mitfahrgelegenheit vorbeikommen würde, die ihn von hier wegbringen konnte, Richtung Moskau, zurück in die Zivilisation...

Ein heiserer Schrei zerriss draußen die Stille der Nacht. Erschrocken sprang der Reisende auf, ohne lange nachzudenken verließ er seine Stube und eilte nach draußen. Vor der Tür der kleinen Herberge, die diesen Namen kaum verdiente, blieb er stehen und sah sich kurz um. Dann rannte er weiter, in die Richtung, aus der er den Schrei vermutete, blickte sich beim Laufen ständig mit angespannten Nerven um. Ein Geräusch. Noch ein erstickter Schrei? Der Mann hastete um eine Hausecke herum und erstarrte mitten in der Bewegung.

Dort vorne wälzte sich ein großes Knäuel aus zerzaustem Fell und irgendetwas anderem, das er nicht genau erkennen konnte auf dem Boden. Für einen Moment konnte er so etwas wie einen Kopf ausmachen, der versuchte seine großen spitzen Zähne in das zu graben, was unter ihm lag. Plötzlich knallte ein Schuss nicht weit von ihm entfernt und ließ ihn zusammenfahren. Das Wesen auf dem Boden heulte auf, ließ von seiner Beute ab und verschwand auf allen vieren erstaunlich schnell in Richtung Wald.

In einer anderen Gasse war ein Mann mit schwarzem Zylinder und einem ebenfalls schwarzen Mantel aufgetaucht, der jetzt seine Flinte sinken ließ und auf das zitternde Kleiderbündel zuging, welches das Raubtier auf dem Weg liegen lassen hatte. Langsam löste sich der Reisende aus seiner Starre und ging auf den merkwürdigen Herrn mit der Flinte zu, der gerade dem Kleiderbündel beim aufstehen half. Jetzt konnte er erst erkennen, dass es sich dabei um einen nicht besonders großen, schon älteren Mann handelte, der offensichtlich gerade so unter Schock stand, das er kaum alleine stehen konnte. Ein paar blutige Kratzwunden zogen sich über sein Gesicht.

Der Mann mit dem Zylinder hatte wohl den fragenden Gesichtsausdruck des jungen Mannes bemerkt, der nun ebenfalls am Schauplatz des Geschehens angekommen war. „Alles in Ordnung“, sagte er mit einem eigenartigen Akzent, anscheinend kam er auch nicht von hier. „Nicht getroffen...“, murmelte er weiter, mehr zu sich selbst, erstaunlicherweise schien er darüber beinahe erleichtert zu sein. Er nahm auch weiter keine Notiz von dem jungen Reisenden, sondern untersuchte konzentriert die Spuren, die das Wesen bei seiner Flucht in den Wald hinterlassen hatte.

Mein schwarzes Fell war mit einigen schmelzenden Schneeflocken weiß gesprenkelt und durch bereits geschmolzene feucht geworden. Ich roch nach nassem Hund. Sibirien war kalt, doch das momentane Wetter war erstaunlicherweise recht angenehm für mich, zumindest wenn ich als Wolf durch die Gegend streifte. Voller Zorn entwich mir ein tiefes, dunkles Heulen.

Beinahe hätte der Hunter mich erwischt, es war viel zu knapp. Ich wurde unaufmerksam, nach so langer Zeit ohne einen Verfolger. Wie hatte er wohl meine Spur wieder gefunden? Nun, die nächste Zeit würde wohl schwierig werden. Nahrung beschaffen ohne aufzufallen und jede Nacht ein anderes Versteck. Zum Glück gab es hier in dem verschneiten Wald einige Höhlen, entweder im Gestein oder unter einem Baum.

Ich sollte mich nicht in einen Menschen zurückverwandeln, sonst wäre mir kalt und im Falle einer nötigen Flucht wäre ich zu langsam. Mein weiches und dichtes Fell war nachts eine große Hilfe. Nicht mehr nachdenken. Den Schlaf akzeptieren und das Bewusstsein dämmern lassen...

Kaum trat ich aus der Höhle, wehte mir massenhaft Schnee in mein Gesicht und ich schnappte nach einigen größeren Flocken. Dem Stand der Sonne nach zu urteilen war es bereits Nachmittag, somit konnte ich auf die Jagd gehen. Nur dieses Mal vielleicht nicht direkt in das Dorf hinein gehen sondern einen der Bauern etwas außerhalb nehmen.

Meine Spuren fielen im Schnee der Wälder kaum auf, es gab hier so viele Wölfe. Zwar hatte ich noch keine gesehen aber die Spuren waren eindeutig. Normale Wölfe mieden mich, schließlich war ich nicht wirklich einer von ihnen. Zudem war ich sehr viel größer und mein Gebiss konnte Knochen zermalmen, als wären sie aus Gras. Da ich langsam unter den Bäumen lief, sammelte sich nach und nach immer mehr Schnee auf meinem breiten Rücken.

Ich hatte Glück, ein alter Mann war draußen auf seinem Feld und fütterte seine wenigen Rentiere. Tierfleisch schmeckte zwar auch, aber Menschen hatten einen Geschmack an sich, der meine Nerven reizte. Darum waren die meisten Beutetiere für Wölfe in meiner Gegenwart vollkommen ruhig und ließen mich teilweise sogar in ihrer Mitte schlafen. Ich war schon früher mit Hirschen, ihrer Herde und anderen Tieren umher gezogen.

Der Mann machte sich langsam auf den Weg zurück in sein Haus, in die Wärme. Sein Gehstock war zerbrechlich, genau wie er selbst. Ich lief langsam von hinten auf ihn zu. Er hatte keinen Wachhund, so wie die meisten Bauern außerhalb. Wer sollte ihn hier auch überfallen?

Ich spannte meine Muskeln an, setzte zum Sprung und segelte in der kalten Luft einige Meter auf den Mann zu. Mit meinen mächtigen Pfoten riss ich ihn zu Boden, meine Krallen bohrten sich tief in sein hartes Schulterfleisch. Mit meinem kräftigen Kiefer riss ich ihm den Schädel vom Hals und verhinderte somit jedes Schreien. Ich nahm den erschlafften Körper zwischen meine spitzen Zähne und machte mich auf den Weg zurück in den dunklen, schneebedeckten Wald.

Der Schuss einer Flinte riss mich aus meinen Gedanken und das Eintreten der Kugeln direkt rechts neben mir beschleunigten meine Bewegungen auf ein Maximum. Ich holte mit meinen Läufen weit aus und flog beinahe über die weiße Landschaft. Hinter mir ertönten noch zwei Schüsse, danach hüllte sich der Wald wieder in Schweigen.

Ich fand unter einem Baum Schutz, dessen Höhle groß genug für mich und meine Beute war. Es roch nach anderen Wölfen und auch nach Rehen. Während ich auf den Gliedmaßen des Toten herumkaute, kreisten meine Gedanken um den Hunter. Er hatte es also geschafft, mich wieder aufzuspüren.

Einige Stofffetzen des Toten versteckte ich unter einer Schicht Schnee, doch das Blut hatte eben diesen tiefrot verfärbt und es war nicht möglich, solche Spuren zu verstecken. Ich musste anderswo unterkommen. Es war bereits Nacht und durch die Zweige und Gipfel der Bäume sah ich einige Sterne hervorblitzen. Müde lief ich durch den Schnee, der mir inzwischen bis zum Brustkorb reichte, und suchte einen Ort zum Schlafen.

Die Stimmung in der zum Bersten gefüllten Hütte am Rand des Dorfes war merklich angespannt. Eng zusammengedrängt standen dort gut zwei Dutzend Männer im Dunkeln, bewaffnet mit Schaufeln, Mistgabeln, Hacken und Jagdmessern. Ständig gingen nervöse Blicke zu der halb offen stehenden Tür und hinaus in die sternenklare Nacht.

Dort draußen stand ein Wachmann, der nervös neben einem lodernden Lagerfeuer auf und abging. Es sollte den Anschein machen, dass er ganz allein hier Wache hielt und obwohl sich auch in einer anderen Hütte ganz in der Nähe noch einmal eine Gruppe mehr oder weniger schwer bewaffneter Männer versteckt hielt, lagen die Nerven des Wachmanns sichtbar blank. Wie auf dem Präsentierteller stand er gut sichtbar da draußen, als Köder für die Bestie.

Insgeheim war jeder der Männer im Inneren der Hütte froh, nicht an seiner Stelle sein zu müssen. Seit genau einem Monat suchte dieses riesige wolfsartige Wesen nun die Umgebung heim. Neulich war eines seiner Verstecke entdeckt worden, eine Höhle draußen im Wald. Schreckliche Bilder. Überall Knochen, zum Teil säuberlich abgenagt, zum Teil auch noch mit blutigen Fleischresten daran. Das Schlimmste aber waren die vereinzelten, noch fast unbeschädigten abgetrennten Köpfe und zu knochigen Gliedmaßen, die mittlerweile schon zu verwesen begonnen hatten.

Ein Schrei von draußen, gefolgt von einem leisen Knurren.

Er war da.

Es war eine zu offensichtliche Falle, doch der Hunger trieb mich mitten in sie. Diese Menschen wussten nicht viel über mich. Mein Gehör hatte die zwei Gruppen bereits vor einigen Kilometern atmen gehört und auch ihren Herzschlag vernommen. Sie waren aufgeregt und hofften anscheinend darauf, mich überwältigen zu können. Mein Geruchssinn hatte meinen Appetit angeregt, sie rochen alle so ängstlich und jung.

Was sich der Mann, der da alleine neben dem Feuer stand, wohl für Überlebenschancen ausmalte? Er bemerkte mich gar nicht, bis ich aus meiner Deckung direkt auf ihn zu sprang, zwei kräftige Bisse und er war erledigt. Knurrend wartete ich auf die restliche Gruppe.

Diese ließen nicht lange auf sich warten und stachen mit ihrem Mistgabeln und einfachen Messern nach mir, doch ich konnte jedem Angriff ihrerseits ausweichen. Sie waren zu langsam und zu schwach um mir ernsthafte Verletzungen zuzufügen. Ich spielte mit ihnen, ohne mir groß Sorgen um meine Sicherheit zu machen.

Erst als mir der Geruch von dem Hunter in die Schnauze stieg, wurde ich unsicher. Hatte er das geplant oder war er nur zufällig hier? Beides spielte keine große Rolle, ich musste von hier verschwinden. Die Menschen hatten mich eingekreist, somit musste ich einige verletzen und töten, um aus ihrer Mitte auszubrechen. Der Klang eines Schusses ertönte, zusammen mit ängstlichen Schreien der verletzten und umstehenden Menschen, in der kalten Nacht. Eine Kugel glitt an meiner Schulter entlang und hinterließ eine blutige Wunde, nicht sehr tief aber sie machte mir Angst. Sie würde zwar schnell heilen, innerhalb von Stunden, aber der Hunter hatte offenbar beunruhigend schnelle Reflexe.

Ich hetzte durch den Wald, suchte nach einem guten Versteck aber gleichzeitig roch ich auch, wie der Hunter mich verfolgte. Zwar deutlich langsamer, aber er war da und er war eine Gefahr. Nach einigen Stunden des Laufens, die Sonne fing an aufzugehen, fand ich eine Baumhöhle, deren Eingang beinahe nicht sichtbar war. Ich ging einige hundert Meter weiter und hinterließ Kratzspuren auf einem Baum, als ob ich hinauf geklettert wäre. Danach ging ich in meinen Spuren zurück und warf mich in die schneebedeckte Höhle. Den kleinen Eingang schob ich komplett mit Schnee zu und dann hieß es warten.

Das Knirschen von festem Schnee unter Ledersohlen weckte mich aus meinem halbschlafenden Zustand. Er war inzwischen hier. Leise verkroch ich mich an die gegenüberliegende Wand der Höhle und starrte auf den Schnee, an dessen Stelle vorher der Eingang war. Durch das glitzernde Eis sah ich einen Schatten, welcher gebückt meine Spuren verfolgte. Er lief an der Baumhöhle vorbei und ging offenbar zu dem Baum. Nach einigen Minuten kehrte er zurück und blieb einfach stehen.

Das Täuschungsmanöver schien funktioniert zu haben. Das Knirschen entfernte sich und ich beruhigte mich erst, als ich es nach vielen Minuten verstummen hörte. Er musste somit einige Kilometer entfernt sein. Allerdings blieb ich in der Höhle und kuschelte mich tief in den Schnee und suchte etwas Schlaf.

Mühsam versuchte der vom langen Fußmarsch erschöpfte Junge, nicht den Anschluss zu der kleinen Gruppe vor ihm zu verlieren. Schon seit einer ganzen Weile liefen sie jetzt durch die lichten Nadelwälder, immer dem seltsamen Fremden mit dem Hut folgend. Zwar misstrauten die meisten ihm, da er sämtlichen Fragen über ihn oder seinen Beruf stets auswich, aber dennoch war sofort eine kleine Schar Männer bereit gewesen ihn zu begleiten, als er im Dorf verkündet hatte, er wüsste wo sich die Bestie aufhielt.

Einen kurzen Moment blieb der Junge stehen und hielt sich an seiner Mistgabel fest um zu verschnaufen. Seine Eltern waren unter den allerersten Opfern gewesen, daher hatte ihm auch niemand verboten, mit auf diese Jagd zu gehen. Ein lautes reißendes Geräusch ließ ihn aufschrecken, wütende Schreie durchbrachen die Stille des Waldes. Ein abgetrennter Kopf flog in hohem Bogen durch die Luft, erstarrt blieb der Junge stehen, der Kampflärm drang nur gedämpft und wie aus weiter Ferne zu ihm durch. Ein zorniges Heulen, danach ein Schuss.

Der Hunter hatte Verstärkung geholt, er hatte mich durchschaut und ich war auf seinen Trick sogar hereingefallen. Ich biss wütend um mich und riss an den verschiedensten Gliedmaßen. Ein Kopf flog in hohen Bogen in den weißen Schnee und verfärbte die Stelle blutrot. Mit wildem Knurren schnappte ich nach einem Arm. So viele Bauern kämpften sinnlos und in diesem Gewirr konnte der Hunter nicht gut zielen. Ein Schuss und er erledigte zwei der Bauern. Ich war zu schnell und es gab zu viele, die ich in die Schussbahn stoßen konnte. Ein ziemlich junger Mann stürmte mit einer Heugabel direkt auf mich zu.

Mit einem Manöver, bei dem ich mich eigenartig verrenkte, wich ich seiner Heugabel aus und versenkte meine Zähne im Fleisch seines Armes. Mit einem leichten Ruck riss ich ihm den Knochen aus der Schulter und der Arm landete mit einem dumpfen Schlag auf dem Boden. Mit schmerzverzerrtem Gesicht fuchtelte der Junge wild mit der Heugabel herum. Er traf nur einige andere Bauern und verfehlte mich jedes Mal. Ich beendete sein Leiden, indem ich ihm seine Kehle herausriss. Ich hatte keine Zeit mit diesem Kind zu spielen.

Seelenruhig hatte der Hunter wieder sein Gewehr angelegt, zielte – und traf. Heulend ergriff der Wolf die Flucht, wobei er hinter sich eine dünne Blutspur auf dem schneebedeckten Boden zurückließ. Ohne erst lange zu zögern nahmen die Überlebenden die Verfolgung auf. Die Männer, die eben noch panisch um ihr Leben gekämpft hatten, stießen jetzt wütende Jubelschreie aus, als sie erkannten, dass der Wolf verletzt war und immer langsamer wurde. Vom Zorn auf die Bestie getrieben verdoppelten die Jäger ein letztes mal ihre Anstrengungen, der Abstand zu dem geschwächten riesigen Wolf wurde immer kleiner.

Meine Atemwege verengten sich, verzweifelt versuchte ich nach Luft zu schnappen. Gleichzeitig wurde mein Magen von Krämpfen geschüttelt, allerdings konnte ich als Wolf nicht erbrechen. Es waren unerträgliche Schmerzen und die Meute kam näher. Mein Bewusstsein zwang mich, mich zurückzuwandeln.

Meine Knochen brachen und wurden kleiner. Mein Gesicht knackte laut auf und mir entfleuchte ein schmerzhaftes Heulen. Die Sinne wurden schwächer und mein Körper fühlte sich gänzlich falsch an. Der Schmerz der Kugeln strömte durch meine ganzen Glieder, war aber abgeschwächt. Kaum war ich vollständig Mensch, erbrach ich mein vorheriges Essen in den weißen Schnee. Der Gestank war unerträglich und das Brennen in meinem Rachen trieb mir Tränen in die Augen. Als Mensch war ich so schwach und so einfach zu schnappen...

Noch zwei wankende Schritte, dann verließ mich meine Kraft, die Welt verschwamm vor meinen Augen und ich brach zusammen. Nackt im kalten Schnee, mit dem Gesicht nach unten fing ich an wegzudämmern. Es wurde langsam immer dunkler um mich herum, das letzte was ich hörte waren Ledersohlen auf Schnee...

„Können Sie mich hören?“, fragte der hochgewachsene Mann mit dem leichten Akzent, der selbst in der Wärme der beheizten Hütte seinen Mantel und seinen Zylinder trug.

Als Antwort nur ein dumpfes Stöhnen.

Sein Gegenüber schien gerade langsam wieder zu sich zu kommen. Äußerlich hatte die Person, die da benommen auf der Liege vor ihm lag, kaum Ähnlichkeit mit dem furchterregenden riesigen Wolf... kein außergewöhnlich kräftiger Körperbau, groß war er auch nicht... beinahe schmächtig.

Das Gesicht des Mannes verzog sich, als mit seinem Bewusstsein anscheinend auch der bittere Geschmack in seinem Mund zurückkehrte.

„Rittersporn. Wächst überall und kann ziemlich unangenehm sein, vor allem wenn man den Saft direkt in die Blutbahn bekommt“, erklärte der Hunter mit einem Kopfnicken in Richtung seiner Flinte, die an der Zimmerwand lehnte.

„Wie lange...?“, versuchte der immer noch sichtlich matte Werwolf ein paar Worte herauszubringen.

„Ein paar Tage. Es tut mir leid, aber ich musste sichergehen –“

Der Blick des Mannes auf dem Bett war zum Fenster gewandert, wo am Horizont gerade der Vollmond aufging, nur schwach zu sehen im letzten Licht des vergehenden Tages.

„Ja, wie Sie sehen... funktioniert es“, sagte der Hunter mit einem fast schon feierlichen Ton in der Stimme.

Meine Muskeln brannten, lechzten danach ihre gewohnte Stärke zurückzubekommen und meine Knochen fühlten sich an, als wären sie mehrfach gebrochen. Mein ganzer Körper wollte, und musste, wieder Wolf werden, doch wegen des Giftes in meiner Blutbahn konnte ich nicht. Ich fühlte mich, als würde ich lichterloh brennen und dauerhaft aus jeder Pore bluten. Ich wollte schreien, knurren, Blut sehen, doch ich konnte mich nicht bewegen.

„Die Wirkung hält noch nicht besonders lange an, jetzt bei Vollmond wird jeden Tag eine Dosis nötig sein, um dem Verwandlungsdrang entgegenzuwirken. Ich werde morgen wieder nach Ihnen sehen, falls keine Nebenwirkungen auftreten, kann ich mich dann auch um meine anderen Patienten kümmern.“

Ich fühlte mich so widerlich schwach.

„Für die Arbeit an einem endgültigen, verträglichen Heilmittel brauche ich noch, so lange werden Sie sich wohl in meiner Nähe aufhalten müssen.“

Heilmittel. Bei dieser Wortwahl wollte ich fast schon wieder brechen. Mein Körper sehnte sich nach der Jagd, nach weichem, zartem Fleisch zwischen meinen Zähnen, wollte dass ich aufstand, mich wandelte und hinaus in die Welt ging. Unter Vater Mond und Mutter Sonne meinen Hunger stillte und lebte, wie sie es vorsahen.

Der Hunter war gegangen, hatte ein Glas Wasser auf dem kleinen Tisch neben der Liege zurückgelassen. Von Hunger und Durst geplagt versank ich wieder in meine Träumereien, während sich auf dem Boden eine Wasserpfütze ausbreitete... Heilmittel. Ich weiß nicht, ob es Einbildung war oder Wirklichkeit, aber ich meinte, aus der Ferne leises, trauriges Wolfsgeheul zu hören.

Er lag in seinem Bett, schlief auf dem Rücken. Die Stiefel standen direkt neben dem Bett, Hut und Mantel hingen an der Wand. Er schlief mit dem Gewehr neben sich, immer griffbereit. Aber der Hunter bemerkte den Schatten nicht, der lautlos in das Zimmer huschte. Draußen begann es gerade zu dämmern, als sich die dunkle Silhouette langsam an das Bett des Schlafenden heranschlich.

Entsetzt weiteten sich seine Augen, als ihn der Lauf der eigenen Flinte in seinem Mund weckte.

Mit einem lauten Knall färbte sich das Kopfkissen des Hunters rot.

Jetzt gab es keinen Grund mehr für mich, leise zu sein. Dieser Mann war womöglich der einzige, der mir irgendwie gefährlich werden konnte. Doch jetzt war er tot.

Ich heulte laut auf, schrie vor Wut und vor Schmerz. Meine Muskeln und Knochen taten wegen des Giftes immer noch schrecklich weh als ich mich wandelte. Vom Lärm alarmiert kamen zwei Männer herein und erstarrten, als sie den Leichnam sahen.

Wütend riss ich ihnen mit meinen scharfen Zähnen die Kehlen heraus. Blutig landete das Fleisch auf dem Boden. Die beiden Männer zitterten, einer der beiden verlor seine Körperkontrolle und entleerte seine Blase. Es stank vor Angst und Urin. Sie röchelten einige Sekunden, dann brachen sie zusammen.

Ich rannte durch die beiden hindurch, hörte unter meinen Pfoten Knochen brechen. Kaum war ich aus dem Raum heraus, kamen mir zwei weitere Männer entgegen. Sie trugen Kittel und hatten Spritzen in ihren Händen. Die Flüssigkeit darin schimmerte im Licht der Deckenbeleuchtung lila. Ich jagte durch die beiden hindurch, spürte wie sich etwas in meine Flanke bohrte. In den Spritzen war Betäubungsmittel, allerdings nicht ausreichend dosiert und somit lähmte es meine Seite nicht komplett und ich konnte humpelnd weitereilen.

Der Korridor war lang und nur spärlich beleuchtet. Ich rannte schnell durch den Gang, nahm nur ab und zu rechts und links von mir einige schwer aussehende Holztüren wahr aus denen Knurren oder Winseln kam.

Ich warf mich mit voller Kraft gegen die hölzerne Tür am Ende des Ganges und diese gab auch sofort splitternd nach. Ich stürzte auf den Hof und sah, dass sie mich auf einem Bauernhof festgehalten hatten. Der Gang war wohl eine Art Nahrungslager gewesen. In den Ställen wieherten einige Pferde und weiter draußen blökten Schafe verängstigt. Nicht ohne Grund - ich war stinksauer.

Auf dem Hof standen vier Männer gelangweilt um ein Feuer, bewaffnet waren sie nur mit Heugabeln. Als sie den Krach der Tür hörten, griffen sie zu den Heugabeln und rannten auf mich zu. Wütend bellte und knurrte ich sie an, drängte sie in eine Ecke und wich einigen Hieben aus, die mich hätten treffen können.

Der Blick der vier Menschen war nahezu göttlich, als ich mich beißend und kratzend auf sie stürzte. Einer der Männer bohrte mir jedoch die Spitzen seiner Gabel durch meine rechte Vorderpfote. Sein Leben beendete ich zuerst.

Blutüberströmt humpelte ich aus dem Hof, hinterließ eine Blutspur, bestehend aus ihrem und meinem Blut. Ich heulte in Richtung des unterirdischen Korridors, verkündete den anderen Wölfen, dass der Hunter tot und die Luft rein war. Hunderte antworteten mir, mit Heulen, Kratzen, Bellen. Darauf hörte ich, wie dutzende Körper gegen die Holztüren donnerten. Allerdings kam das Donnern nicht nur aus dem Gang, in dem ich gefangen war. Ich entdeckte vier weitere Holztüren, dahinter mussten noch mehr Werwölfe sein. Zufrieden rannte ich in den dunklen Wald.

Ich saß auf dem höchsten Hügel, direkt unter meinem Vater, dem Mond. Ich hörte und sah, dass viele Werwölfe im Wald saßen und mich ansahen. Ich war ihr Retter, ihr Alpha. Ihr zweiter Vater. Ich stellte mich auf meine hinteren Beine, hob meinen Kopf zum Mond.

Ein langes, lautes Heulen drang aus meiner Kehle und sang über den Sieg im Bauernhof. Hunderte Stimmen sangen mit mir und für kurze Zeit wirkte es so, als würde die Welt unter unserer Kraft vibrieren.

Wir waren ein Rudel, ein großes, wütendes und hungriges Rudel.



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