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„Was soll ich denn bitteschön damit anfangen!?“.

Victor Fraan, ein großer, stämmiger Mann Anfang Fünfzig, sah die Person an, die ihm gegenüber an seinem Schreibtisch saß. Er warf die paar Zeichnungen, die er in der Hand hielt, verächtlich auf die Tischplatte. Der andere Mann, ein etwas dickerer Kerl namens Ludger Franz, sah beschämt zu Boden. Er war seit etwa drei Jahren der Zeichner der sehr erfolgreichen und beliebten Horror-Comic-Serie Creepy Vision, die von Victor herausgegeben wurde. Sie handelte im Wesentlichen von Personen, meist Kinder oder Jugendliche, die Visionen von schrecklichen Ereignissen bekamen und versuchten, diese zu verhindern.

Victor begann, diesmal etwas freundlicher, Ludger die Lage zu schildern: „Ludger, Sie arbeiten jetzt schon seit drei Jahren für mich, und sie haben immer gute Arbeit geleistet, aber, ganz ehrlich: In letzter Zeit produzieren Sie eigentlich nur noch Mist. Ich meine... Ein Zehn Jahre altes Mädchen, dass Tankstellenräuber zur Strecke bringt? Mit einer Handvoll Mentos und einer Cola!? Allein der Titel ist schon schlecht: Cola auf der Raststätte. So etwas kann ich nicht verkaufen.

Die Leute sollen sich erschrecken, und noch viel wichtiger: Sie wollen sich erschrecken. Das hier kann ja nicht mal einem Herzkranken Tattergreis einen Schauer über den artritischen Rücken jagen.“.

Ludger sagte nichts. Was hätte es auch gebracht? Victor hatte Recht, seine Arbeit war nicht mal mehr annähernd so gut wie früher. Aber das hatte Gründe...

Victor senkte die Stimme diesmal, als er wieder zu sprechen begann: „Wissen Sie was? Ich gebe Ihnen noch eine Chance. Eine letzte Chance, klar? Entweder Sie zeichnen mir bis nächsten Freitag etwas Gutes, etwas erschreckendes, oder Sie sind gefeuert.“.

Ludger sah seinen Chef entgeistert an: „Aber... aber... Bitte, ich brauche den Job. Ich...“. Victor unterbrach ihn schroff: „Dann sollten Sie sich mal besser anstrengen, Ludger. Und jetzt gehen Sie bitte, ich habe noch anderes zu tun.“.



Ludger ging nach Hause. Er wohnte in einer kleinen Mietwohnung, fragte sich allerdings, wie lange noch. Er war mit der Miete einen Monat im Rückstand. Er hatte schon verschieden Mahnungen von Strom- und Wasserwerken bekommen, die ihm den Saft abdrehen wollten. Kurz: Er war am Ende. Und alles hatte mit seiner Freundin (Ex-Freundin, schalt er sich) angefangen. Sie hatte ihm die Grundidee für Creepy Vision gegeben, und sie hatten vieles daran zusammen erarbeitet.

Dann war sie eines Tages zu ihm gekommen und hatte gesagt: „Wie lange sind wir schon zusammen, Morgen nicht mehr mitgerechnet?“.

Für Ludger war eine Welt zusammengebrochen, als sie ihn verlassen hatte. Streng genommen war er darüber hinweg. Er trauerte ihr nicht mehr nach, aber seitdem hatte er jegliches Interesse an seinen Comics verloren. Er arbeitete nur noch daran, um Geld zu verdienen, und das auch nur mehr schlecht als recht. Nun saß er an seinem Zeichentisch, in der Hand einen Stift, vor sich einen leeren Bogen weißes Papier. Er dachte an Victor.

Dieser Mistkerl versteht doch überhaupt nichts. Hat keine Ahnung, wie es in seinen Mitarbeitern aussieht. Der interessiert sich nur für sein Geld. Ich wette, der würde seine eigene Mutter verkaufen, wenn es ihm mehr Profit bringen würde.

Ludger saß an seinem Schreibtisch, bis es dunkel wurde. Er hatte drei Entwürfe gestartet und alle waren im Müll gelandet. Frustriert und verzweifelt ging er ins Bett und dachte daran, das er nur noch drei Tage hatte, alles zu zeichnen. Mit Tränen der Verzweiflung schlief er ein.

Und träumte.



Er wachte auf, ohne zu schreien, was eine große Leistung war, wenn man bedenkt, was er geträumt hatte. Er sah sich gehetzt um. Sein Zimmer war dunkel, nur der digitale Wecker zeigte mit schwachem Flimmern und grünen Ziffern die Uhrzeit an. Mitternacht. Das ist ja geradezu perfekt. Er richtete sich langsam auf und ließ sich seinen Traum durch den Kopf gehen. Jede Information, die er gesehen hatte, jedes noch so kleine Detail. Und er wusste, dass es stimmte, dass es zusammen passte, dass es zweifellos funktionieren würde. Er stand auf, ging zu seinem Zeichentisch und knipste die Lampe an. Der kleine Lichtkegel fiel direkt auf die leeren Blätter, die danach schrien, bemalt zu werden. Bemalt mit den richtigen Farben, den richtigen Strichen, und Ludger begann zu malen. Und ja nichts vergessen. Die Brücke. Der Teil gefällt mir nicht so ganz, aber wer Opfer bringen kann, hat bessere Chancen. Der Herzfehler. Ein interessantes Detail. Wäre ich nie drauf gekommen. Und den Umschlag, die linke Hand und den Wein nicht vergessen. Das wird ein Spaß!

Während er zeichnete und zeichnete, erkannte er, dass alles zu seinen Creepy Vision-Comics passte. Geradezu perfekt.



Es war Freitag Nachmittag. Victor hatte den Tag über vergeblich auf eine Nachricht von Ludger gewartet. Hat vermutlich nichts mehr gebacken gekriegt, dachte er grinsend. Ihm war es egal. Er war nicht auf diese Horror-Comic-Serie angewiesen. Er saß gerade in seinem Büro, hatte einem Angestellten die Hölle heiß gemacht, weil dieser schlampig gearbeitet hatte, und freute sich darauf, gleich nach Hause zu kommen, als ein Anruf einging. Eine halbe Stunde später erschien Victor im Leichenschauhaus.

Er wurde von einem Arzt Ende Vierzig begrüßt, der sich als Dr. Salander vorstellte. Ohne große Umschweife ging er mit Victor in die Leichenhalle und schilderte ihm die Situation: „Wir haben ihn gestern Abend aus dem Fluss gefischt. Sie wissen schon, an der Brücke. Er hat vermutlich Selbstmord begangen.“.

Sie kamen zu einem Tisch, auf dem, mit einem Tuch bedeckt, eine etwas dicke Gestalt lag. Victor platzierte sich rechts davon, Dr. Salander links. „Wir haben herausgefunden, dass er bei Ihnen gearbeitet hat und wollten Sie bitten, ihn zu identifizieren.“. Victor nickte stumm, und Dr. Salander hob das Tuch an. Victor schluckte:

„Ja. Ja, das ist Ludger Franz, eindeutig. Gott, Selbstmord sagten Sie? Warum?“. „Tja, so wie es aussieht, war er ziemlich in Geldnot. Miete, Strom, alles überzogen. Er hat bei Ihnen gearbeitet. Hatten Sie zufällig die Absicht, ihn in nächster Zeit zu entlassen?“. Victor zuckte zusammen, aber nur schwach: „Nein. Auf keinen Fall. Wir hatten vor zwei oder drei Tagen eine kleine Meinungsverschiedenheit zu seiner Arbeit, aber entlassen? Nein.“. Dann sah er den Arzt entschlossen an:

„Aber das ist doch sicher nicht der einzige Grund, aus dem Sie mich hierher bestellt haben, oder?“. Dr. Salander nickte: „Stimmt. Herr Franz hat etwas für Sie hinterlassen. Einen Umschlag. Ich hole ihn eben.“. Der Arzt drehte sich um und ging einen Moment weg, während Victor dem toten Ludger ins Gesicht sah.

Dann kam Dr. Salander wieder und hielt ihm den Umschlag über den Tisch hinweg hin. Und obwohl Victor Rechtshänder war, griff er mit der linken Hand zu. Die Rechte hatte er, bewusst oder unbewusst, auf Ludgers Brust gelegt. „Danke, Doktor. Haben Sie schon hineingesehen?“. Dr. Salander schüttelte den Kopf: „Ich halte mich an das Briefgeheimnis, Herr Fraan.“. Die beiden verabschiedeten sich, und Victor machte sich auf den Heimweg.

Er stand unterwegs im Stau, weshalb er erst gegen Neun Uhr Abends nach Hause kam. Er war Junggeselle und genoss es, niemandem sagen zu müssen, warum er zu spät kam, und am Abend einfach tun und lassen zu können, was er wollte.

Nun wollte er den Umschlag öffnen. Er ging in die Küche, warf den Umschlag, ein braunes Papier im Din-A-4-Format, auf den Tisch und holte eine Karaffe Wein aus dem Schrank. Dazu ein Weißweinglas, das nicht ganz zum Rotwein passte, aber Victor war das egal. Der Wein schmeckte so oder so. Er setzte sich an den Tisch, goss sich etwas Wein ein und verschüttete ein paar Tropfen auf der Tischdecke. Mist. Jetzt muss ich dieses Teil wieder waschen. Dann öffnete er den Umschlag.

Es waren sieben Zettel darin. Sechs im Din-A-4-Format und ein kleiner Fetzen, den Victor sich zuerst ansah. Es stand nur ein Satz darauf: Ich hoffe, das hier erschreckt Sie.

Unwillkürlich musste Victor schnauben. Der hat doch nicht tatsächlich die Zeichnungen vollendet?, dachte er, dann sah er sich die Blätter an. Die erste Zeichnung zeigte Ludger, der an seinem Zeichentisch saß und zeichnete. Die zweite zeigte Ludger, wie er auf der Brüstung der Brücke stand.

Die dritte zeigte Ludger, wie er sprang

Victor zog die Luft mit einem Zischen ein und flüsterte: „Ludger, Sie Schweinehund. Sie haben ihren eigenen Selbstmord gezeichnet. Na, mal sehen, wie es weitergeht.“. Die vierte Zeichnung war aus der Vogelperspektive, und als Victor die Szenerie erkannte, schlug es ihm alle Luft aus den Lungen. Es war die Leichenhalle. Dr. Salander stand links und Victor rechts von einem Tisch, auf dem unverkennbar die Leiche von Ludger lag. Aber es war nicht das allein, was Victor erschreckte. Es waren die Details. Dr. Salander drückte ihm eben den Umschlag in die Hand. In die linke Hand. Die Rechte lag auf Ludgers toter Brust.

„Scheiße, Ludger.“, flüsterte er mit rauer Stimme, „Das konntest du doch gar nicht wissen.“. Und plötzlich hatte Victor Angst.

Die nächste und vorletzte Zeichnung zeigte Victor. Er saß in seiner Küche, die bis ins kleinste Detail abgezeichnet worden war, dabei wusste Victor, dass Ludger sein Haus nie betreten hatte. Er selbst hielt ein verdecktes Blatt Papier in der Hand.

Neben sich stand eine Karaffe Rotwein und ein halb gefülltes Weißweinglas. Auf der Tischdecke war ein kleiner Rotweinfleck. Victor musste nicht aufsehen, um zu wissen, dass alles vollkommen korrekt abgezeichnet worden war. Er spürte ein leichtes Stechen in der Brust, ignorierte es aber, als er, ängstlich und zu allem entschlossen, das letzte Bild ansah.



Victor Fraans Mitarbeiter hatten sich Sorgen gemacht, als ihr Chef längere Zeit nicht zur Arbeit erschienen war. Letztlich wurde die Polizei eingeschaltet, die Victor in der Küche seiner Wohnung fand, seit ein, vielleicht zwei Tagen tot. Die Autopsie sollte ergeben, dass er an einem Herzinfakt, hervorgerufen durch einen kleinen Herzfehler, gestorben war.

Die Polizei vermutete später, dass jemand, der einen Groll gegen Victor hegte und von diesem Herzfehler wusste, daran schuld war. In dieser Vermutung bestärkt wurden sie durch die Zettel, die neben Victor gefunden wurden. Auf die Polizisten wirkten sie sehr verstörend. Vor allem das letzte, jenes, das Victor noch im Tod fest umklammert hatte.

Es zeigte eine etwas dicke Wasserleiche, die mit offenen, glühenden Augen aus dem Bild starrte, den Mund zu einem bestialischen, höhnischen Grinsen verzogen. Der Hintergrund glich Victors Küche aufs Haar. Die Polizisten fanden auch noch einen kleinen, abgerissenen Zettel, auf dem nur ein einziger Satz stand:

Es war alles Ihre Schuld.

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