FANDOM


Einen Mörder fangen zu wollen ist kein einfaches Unterfangen, das wusste ich. Ich hatte gehofft, dass meine bisherige Erfahrung, die ich vor meiner Versetzung erlangte, mir helfen würde.

Aber dir begegnen immer Dinge, Menschen, Taten, mit denen du einfach nicht rechnen kannst. Jedes mal, wenn ich einen neuen Mörder verhaftete, dachte ich die tiefsten Tiefen der menschlichen Seele gesehen zu haben. Männer, die ihre Frauen und ihre Kinder umbrachten. Menschen, die auf grausame, groteske Weise zerschmettert und verstümmelt wurden.

Doch es scheint immer Menschen mit einem größeren Abgrund in der Seele zu geben.

Und obwohl ich schon in die schwärzesten aller Löcher jenseits von Fantasie und Wahnsinn gesehen hatte, machte ich dennoch weiter. Vielleicht um ein Mensch ohne Abgrund, sondern mit einem Berg in der Seele zu sein. Einem großen Berg, an dem andere hinaufklettern könnten, wenn sie näher an der Sonne sein wollten.

Wir fuhren schnell als wir genug Hinweise auf das verschwundene Kind hatten. Die Sirenen brüllten ihre Melodie, die manchen Hoffnung, und anderen Angst machte.

Mein Partner seufzte tief und sprach mit mir. Doch ich war so in Gedanken versunken, dass ich nur Bruchteile hörte.

Wieder ein Mädchen...mein Gott, wann hat dieser Verrückte endlich genug?! Hoffentlich sind wir nicht zu spät...

Ein ruinöses Haus weit außerhalb der Stadt war unser Ziel und es war so dunkel, dass wir unsere Taschenlampen betätigen mussten. Es war absolut nichts zu sehen. Aber es war wohl schlimmer, dass absolut nichts zu hören war.

Ruhe bedeutet in meinem Beruf, dass du entweder zu früh oder zu spät angekommen bist. Meistens jedoch zu spät.

Wir öffneten die Tür und erleuchteten diesen finsteren Ort mit dem kühlen Licht der Taschenlampen. Es sah aus wie eine einzige Baustelle, deren Fertigstellung man aufgegeben hatte. Überall lagen rostige Rohre herum, grüne, modrige Pfützen standen kalt in jeder Ecke und Spinnweben bezeugten, dass hier schon lange niemand gewesen war. Er hatte sich diesen Ort gut ausgesucht.

Hier war aber kein Beweis für irgendeine Tat und so ging ich die einstürzende Treppe in die obere Etage hinauf. Ich blieb vor einer modrigen Tür stehen, die von rostigen Nägeln, etwa fünfzig in der Zahl, nur so durchbohrt war, und doch schien sie sich problemlos öffnen zu lassen. Mit der Taschenlampe signalisierte ich meinen Partner zu mir.

Er gab mir Rückendeckung, während ich langsam die Tür öffnete und hineintrat.

Ich konnte hören, wie mein Partner sich übergab. Mein eigener Magen rebellierte nicht. Zu groß war der Schrecken, den ich spürte, als ich den zerschundenen, entstellten Körper des armen Mädchens und den entsetzlich tiefen Abgrund des Menschen sah, der ihr das antat.

Sie...sie ist dann wohl Nummer Elf...großer Gott, sieh nur was dieses Schwein mit ihr gemacht hat, sieh nur...“, stammelte mein Partner und ich konnte nicht mehr tun als ungläubig und wie in Zeitlupe den Kopf zu schütteln.

Wir erstatteten Bericht, nachdem wir uns von dem Schock erholten, und warteten auf die Spurensicherung, die an diesem Ort wahrscheinlich einen größeren Abgrund aufdecken konnten, als den, den ich nur ansatzweise gesehen hatte.

Elf Opfer waren es zu diesem Zeitpunkt schon und dieser Abgrund war uns immer einen Schritt voraus. Es gab keinen Tatort, an dem wir rechtzeitig ankamen, um ein Leben zu retten.

Die armen Seelen, die er sich aussuchte, folgten keinem besonderen Muster. Frauen, Männer, Kinder, alte Menschen. Und doch war die schamlose, schreckliche Grausamkeit seiner ersten Taten noch zu übertreffen.

Mit jedem weiteren Leben, das wir fanden, und das er wie ein Licht ausmachte, wurde dieser Abgrund größer und ich begann mich zu fragen, wie sehr er noch wachsen würde. Vielleicht so weit, dass er auch den größten Berg verschlingen konnte. Vielleicht so weit, dass er mich verschlingen konnte.

Als ich nach diesen unzähligen Stunden zu Hause ankam fand ich keine Ruhe. Ich dachte an all jene, die ich nicht retten konnte, und an all jene, die ich nicht retten werden könnte.

Ich stand vor dem Spiegel und betrachtete mein müdes Gesicht, während ich meine Stoppeln mit Rasierschaum bedeckte. Ich setzte den Rasierer an und sah dem Mann, der nur Gutes tun wollte, lange in die Augen. Sein Blick sagte mir, dass er vielleicht aufgeben würde. Dass er kein weiteres armes Mädchen finden wollte.

Dieser müde Mann schaffte es in sein Bett und schlief nur, weil er schlafen musste.

Am nächsten Morgen kontaktierte uns die Spurensicherung und teilte uns den Tatortbericht mit, der jedoch wenige Überraschungen bot.

Der Abgrund hinterließ keine Abdrücke, keine Hinweise, keine Spuren, die zu ihm hätten führen können. Man fand weiße Federn unter dem Körper des Mädchens. Weiße Federn, die er auch bei den anderen Opfern hinterlassen hatte.

Die Vermutung war natürlich, dass dies wahrscheinlich aus religiösen Absichten geschah, was die Sache nicht unbedingt leichter machte, sondern nur mehr Verwirrung stiftete. Ob Gott diese Verbrechen wohl gutheißen konnte.

Wir verfolgten die nächsten Tage wie gewohnt, ob Vermisstenanzeigen aufgegeben worden waren, doch eine Weile geschah nichts. Es war typisch für ihn, uns einige Tage warten zu lassen und ich redete mir gern ein, dass er dies tat, um uns Erholung von dem zu gönnen, was wir sahen. Oder vielleicht brauchte er selbst diese Erholung und stand manchmal vor dem Spiegel und sah einem müden Mann zu, wie er sich einen Rasierer an die Stoppeln hielt.

Ich verbrachte viel Zeit an meinem Computer und ging immer wieder alles durch. Die Federn, die anscheinend willkürliche Wahl seiner Opfer, mögliche religiöse Bedeutungen. Doch es brachte nichts.

Der Abgrund in jener Person war zu groß, als dass ich ihn hätte verstehen können. Noch viele Tage lang sah ich mir im Spiegel lange in die Augen und dachte über alles nach.

Viele Wochen verstrichen, in denen mein Partner und ich Vermisstenanzeigen folgten, Verlorene fanden und manchmal nur ausreißende Kinder zurück nach Hause brachten. Wir vermuteten, dass er vielleicht das Handtuch warf und aufgegeben hatte.

Vielleicht hatte der Abgrund erreicht, was er wollte, oder die Lust an seiner Grausamkeit verloren.

Letztlich mussten wir uns eingestehen, dass wir jemanden, der elf Menschen von dieser Welt getilgt hatte, nicht für seine Verbrechen zur Rechenschaft ziehen konnten.

Meine Unfähigkeit warf mich in eine tiefe Depression. Ich dachte immer wieder an all die Familien, die jemanden verloren hatten, und denen ich nicht helfen konnte.

Ich verschanzte mich zu Hause, ließ mich gehen und sah dem Mann im Spiegel noch oft in die Augen, während er seine Stoppeln mit Rasierschaum bedeckte und den Rasierer ansetzte.

Ich verstand, dass ich selbst zu einem Abgrund geworden war und dass der Berg in ein größeres Loch fiel.

Mit einem Filzstift schrieb ich eine Nummer auf meine Brust und knöpfte mein Hemd wieder zu. Ich nahm meinen Revolver aus dem Halfter meines Gürtels und sah dem Mann im Spiegel noch ein Mal in die Augen, bevor ich Flügel bekam.

~~~~

Störung durch Adblocker erkannt!


Wikia ist eine gebührenfreie Seite, die sich durch Werbung finanziert. Benutzer, die Adblocker einsetzen, haben eine modifizierte Ansicht der Seite.

Wikia ist nicht verfügbar, wenn du weitere Modifikationen in dem Adblocker-Programm gemacht hast. Wenn du sie entfernst, dann wird die Seite ohne Probleme geladen.

Auch bei FANDOM

Zufälliges Wiki