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Es war eine warme Sommernacht, schon sehr spät und dunkel. Ich hatte nach langer Zeit endlich mal wieder ausgiebigst mit meinen Freunden gefeiert und zumindest für einige Stunden die erdrückende Menge an Arbeit vergessen können, die mich nach diesem kurzen Urlaub erwarten würde. Nun war ich auf dem Weg Nachhause, leicht betrunken und eine wohlige Benommenheit mischte sich mit einem wärmenden Glücksgefühl, das irgendwo aus meiner Magengegend zu kommen schien.

Es war ein sehr weiter Heimweg für jemanden, der zu Fuß ging und als ich an der Parkbank, nah am Rande unseres Stadtwaldes vorbeikam, beschloss ich, mich für eine Weile dort niederzulassen und die angenehme Nachtluft auf meinem Gesicht, zusammen mit der beruhigenden Stille zu genießen.

So saß ich da, verträumt den von Straßenlaternen und dem Mondlicht nur schwach beleuchteten Gehweg und die Bäume betrachtend. Alles war so angenehm, beinahe wäre ich einfach eingenickt. Doch da zerschnitt urplötzlich ein Laut die Stille. Mit einem Mal war ich vollkommen gefasst und spitzte die Ohren. Es klang verzweifelt, wie ein Schluchzen, das leise Schluchzen eines kleinen Kindes, dessen Klang aus dem Wald heraus durch die Dunkelheit zu mir herüber getragen wurde.

Blitzartig stand ich auf. Was war passiert? Brauchte da jemand Hilfe? Wie dem auch sei, ich konnte nicht einfach untätig bleiben und immer noch etwas wackelig verließ ich den Weg und begab mich zwischen die Bäume.

Ich schritt immer weiter dem Schluchzen entgegen, immer weiter in den tiefen Wald hinein, dass meine Umgebung zunehmend dunkler und unkenntlicher wurde, beachtete ich überhaupt nicht. Meine einzige Sorge war, von wem auch immer die verzweifelten Laute kamen, nicht helfen zu können.

Mit der Zeit wurde es lauter und nach einer geschätzten Ewigkeit konnte ich sie ungefähr fünf Meter entfernt erkennen: die Umrisse einer kleinen Gestalt, die zusammengekauert am Fuße einer großen Eiche saß und sich vor lauter Weinen heftig schüttelte.

Vorschtig schritt ich heran und erkannte aus der Nähe, dass es sich offenbar um ein kleines Mädchen handelte, nicht älter als fünf oder sechs Jahre, doch es hätte sich mir kein erbärmlicherer Anblick bieten können. Es saß da, in schmutzige Fetzen gekleidet, die vielleicht einmal ein Kleid gewesen waren, die Beine angewinkelt, den Kopf zwischen die verschränkten Arme gelegt, die sich auf die Knie stützten und verwachsene, fettige, rabenschwarze Haarsträhnen fielen über das Gesicht. Mitleid und Entsetzen dämmten all meine anderen Empfindungen.

Langsam ging ich in die Hocke und sprach in einem, wie ich hoffte, beruhigenden Tonfall zu der Kleinen: "Hey, es ist alles gut, ich bin jetzt da, ich kann dich hier rausholen." Doch sie reagierte nicht, schien mich nichteinmal zu bemerken. Sie schluchzte einfach weiter vor sich hin. Abermals versuchte ich es: "Hey, du brauchst nicht mehr zu weinen, ich kann dir helfen, deiner Eltern zu finden, verstehst du?" Noch immer keine Reaktion, also streckte ich langsam meine Hand aus und legte meine Hand behutsam auf die Schulter des Kindes.

Die Kleine hörte auf zu weinen. Jetzt war die Nacht für einen kurzen Augenblick in gespenstische Stille getaucht. Dann hob sie ihren Kopf und der Schock ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Die Haut im Gesicht war uneben und hässlich gefleckt, die Nasenlöcher einfache Schlitze, kreisrunde, tiefschwarze Augen funkelten mich bösartig an, doch das schlimmste war der Mund: Ober- und Unterkiefer waren unnatürlich weit auseinander gerissen, gut zehn Zentimeter lange Fangzähne, dünn und kegelförmig, spitz zulaufend, wie bei einem Riesenkraken ragten über die spröden Lippen aus dem Schlund hinaus.

Angriffslustig krächzte dieses Etwas und ein fauliger Gestank nach Verwesung traf mich wie ein Schlag, dann begann es, mit seinen Fangzähnen gierig nach meinem Hals zu schnappen. Panisch drückte ich mit der linken Hand sein Gesicht weg, während ich versuchte, die Rechte von der Schulter des Wesens zu entfernen, doch es ging nicht, als hätten sich dutzende kleiner Wiederhaken in meine Handfläche gebohrt.

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Nun offenbarte das Wesen zwei knochige, runzlige Hände mit langen, dürren Fingern und gelblichen Krallen und begann mir üble Kratzer im Gesicht zuzufügen. Nocheinmal riss ich mit aller Kraft an meiner rechten Hand - diesmal stolperte ich rücklings, ein glühender Schmerz durchfuhr meine Handflche und ich spürte warmes Blut. Doch all das beachtete ich momentan nicht, stattdessen rannte ich so schnell ich konnte, blindlinks in die Finsternis hinein, weg, einfach weg.

Erst, als ich vollkommen außer Atem war, blieb ich stehen und ließ mich gegen einen Baumstamm sacken, um zu verschnaufen. Was war das für eine abscheuliche Kreatur? Wie sollte ich den Weg wieder finden? Weiterhin ignorierte ich den pochenden Schmerz in meiner Hand und dachte nach, doch da hörte ich es, ein Lachen, ein krächzendes, irres Lachen, das mir durch Mark und Bein ging. Es ähnelte sehr entfernt dem Kichern eines verspielten Kindes, doch fehlten alle Wärme und jegliche menschliche Güte, es war einfach boshaft.

Hastig tat ich einige Schritte nach vorn und vernahm ein beunruhigendes Rascheln in den Baumkronen unmittelbar über mir, gefolgt von diesem grausamen Lachen.

Es spielte mit mir! Dieses schreckliche Monstrum spielte mit mir!

Erneut begann ich zu rennen. Schneller, weiter, einfach nur diese Kreatur hinter mir lassen. Die fürchterliche Todesangst gab mir Kraft. Immer immer weiter, bis ich plötzlich über irgendeine Erhebung im Boden stolperte und einen schmerzhaften Sturz hinlegte. Verdutzt rappelte ich mich auf und spitzte zuallererst die Ohren - kein bösartiges Lachen. Gut.

Dann senkte ich meinen Blick, um zu schauen, worüber ich gestolpert war. Es war ein mittelgroßer, zurechtgeschliffener Stein mit einer Gravur, die ich im schwachen Mondschein entziffern konnte:

Niemals in Vergessenheit soll geraten der Schrecken 1939 - 1945

Mein Herz machte einen Hüpfer. Dieses Denkmal kannte ich! Es lag nur einige Meter vom Weg entfernt, ich würde lebend davonkommen!

Den restlichen Heimweg bewältigte ich im Laufschritt, ohne stehen zu bleiben, oder mich umzudrehen. Als ich meine Wohnung betrat, konnte die Wärme meiner altmodischen Glühlampe einen großen Teil des Schreckens im Wald aus meinem Herz bannen. Sogleich machte ich mich daran, meine Hand zu verbinden und die Kratzer im Gesicht zu desinfizieren, glücklicherweise war keine der Verletzungen so schlimm, dass man sie hätte klammern, oder gar nähen müssen.

So verrückt das jetzt auch klingt, zuallererst wollte ich nun ins Bett, ich musste Kraft sammeln, um dieses schreckliche Erlebnis irgendwann zu verarbeiten. So betrachtete ich noch eine Weile aus meinem offenen Fenster heraus den Sternenhimmel und legte mich dann schlafen.

In der Nacht wurde ich durch ein Geräusch geweckt - ein Kratzen auf meiner Fensterbank, ich erschauerte.

Ich schreckte hoch, es war also nur ein Traum gewesen. Beruhigt drehte ich mich von der Seite auf den Rücken und schloss wieder die Augen. Diesmal vernahm ich einen tappenden Schritt auf dem Fußboden, gefolgt von einem Gewicht, das sich urplötzlich auf meine Brust drückte. Dann hörte ich ganz nah an meinem Ohr ein bösartiges, krankes Lachen. Ich öffnete meine Augen nicht.

Ich wusste, was ich sehen würde.

Therdrer 17:22, 7. Aug. 2015 (UTC)

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