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Quidquid excessit modum, pendet instabili loco.*

(Oedipus 909f)

Gibt es Kräfte, wohlgesinnte oder schlechte, die in unser Leben eindringen wollen, während unser Bewusstsein schwach und wehrlos ist? Oder gerade dann, wenn wir aufmerksam und empfänglich sind? Gibt es Wesenheiten, die in unser Dasein drängen?

In meinen Jugendjahren hatte ich dem Übersinnlichen nachgespürt, neugierig mit der Dunkelheit gespielt, obskure Bücher verschlungen, spekuliert, Séancen abgehalten und schließlich jene abseitige Welt nach einer wahnsinnigen Nacht vollständig aus meinem Leben verbannt. Ich bekehrte mich zum Rationalisten und redete mir Deutungen ein, wonach ein schockierter Geist für irrationale Erklärungen empfänglicher sei. Jene Bücher warf ich in die finsterste Ecke des Kellers. Es dauerte Jahre, die aufgewühlten Gedanken zu ordnen, schließlich abzustreifen und dem Nebel der Vergangenheit zu überlassen.

3 SuzanneTreister HEXEN2.0CyberneticSeance 2

Unsere Sinne versorgen uns mit Daten und unser Verstand verarbeitet sie unpräzise. Es gibt nächtliche Täuschungen des Hörsinns, wenn sich Lebendiges aus der Totenstille kristallisiert, Bewegungen, die aus dem schwarzen Nichts unseren Sehsinn blenden, welcher, seines Elements, des Lichtes beraubt, im dunklen Rauschen liest und Kreationen aus Kreisen, Rotationen und Figuren folgt. Es tragen sich vor dem Einschlafen Seltsamkeiten in der Schwärze des Raumes zu.

Am erstaunlichsten sind Empfindungen, wenn sie uns anfassen aus der Dunkelheit, in der wir uns allein wähnen. Vor wenigen Wochen ergriff mich eine nächtliche Empfindung, die von außen zu kommen schien. Ich lag auf dem Rücken mit dem Gesicht zur Zimmerdecke, Arme und Beine sanken schwerer in die Laken, meine Augen fielen zu und Gedanken des Alltags glitten ins Traumhafte. Da senkt sich zwischen die Augen fast unmerklich ein kreisrunder, leichter, doch stetiger Druck gegen die Haut. Als setzte sich ganz sacht eine Daumenspitze auf und verharrte. Nun war ich hellwach.

Ich spürte der Sinnestäuschung nach, die sich graduell verstärkte bis zur Empfindung, dieses Nichts könne einen Abdruck hinterlassen, würde es länger verharren. Es wurde noch intensiver. Ich wischte mit der Hand über mein Gesicht, zugleich überrascht und bestätigt, denn dort war nichts außer meiner Stirn und der mich umgebenden Luft in der Schwärze des Raumes.

Das Etwas zwischen den Augen wich augenblicklich, Entspannung kehrte ein und mit ihr legte sich der unsichtbare Daumen erneut zwischen die Augen. Erstaunlicher Effekt. Ich spielte mit dem Gedanken, ob da ein Etwas über mir sei, das mich berührte. Aus dem Gedanken wurde Furcht. Wie töricht, mir selbst Angst einzujagen. Und wie absurd es wäre, mir erneut über die Stirn zu wischen. Vielleicht den Kopf zur Seite legen - es ging nicht. Mein Kopf rührte sich nicht. Ich wischte mit der Hand über mein Gesicht, drehte mich zur Seite und schlief ein.

Mein Bekannter Henry lachte herzlich, aber mein morgendlicher Gang zum Arzt war ein Gebot der Vernunft, jedenfalls keine Hypochondrie. Man kennt als Laie weder sämtliche Krankheiten noch alle merkwürdigen Ausprägungen. Es mochte sich um eine Lappalie handeln, trivial zu kurieren.

Nach der Schilderung des Symptoms zeigte sich mein Arzt mehr oder weniger ratlos. An Krankheiten sei kein Mangel in der Welt, doch gebe es in der Literatur für eine pressura frontis keinerlei Beispiel. Und nicht jedes Symptom verweise auf ein pathologisches Geschehen. Eine Schlafparalyse käme womöglich in Betracht, damit begebe er sich, freilich ungern, auf das Gebiet der medizinischen Exotik. Also ersparte ich diesem Manne der Wissenschaft meine kindische Spekulation von gespenstischen Berührungen.

Am Nachmittag traf ich Henry im Kaffeehaus, wo er mir mehr über mein seltsames Leiden entlocken wollte. Von Leiden könne nicht die Rede sein. "Aber Jean", versetzte Henry, Besorgnis mimend. Halluzinationen seien doch nicht Nichts, sondern vielmehr etwas höchst Amüsantes. Nach meiner Kaffeetasse greifend, erwiderte ich beiläufig, nicht jede Sinnestäuschung sei eine Halluzination. Henry schwor indes feierlich, noch niemals eine auch nur irgendwie geartete Geistesverwirrung erlebt zu haben. Ein Bein über das andere schlagend, bekannte er jedoch freimütig seine Aufgeschlossenheit gegenüber all den unterhaltsamen Dingen zwischen Himmel und Erde.

Abends wollte ich eine Lampe im Schlafzimmer brennen lassen, aber ich tat es nicht. Meine wissenschaftliche Neugier war geweckt. Also ging ich zu Bett, löschte das Licht, entspannte mich auf dem Rücken liegend und beobachtete meine Sinneseindrücke. Kein Druck senkte sich zwischen die Augen. Der unsichtbare Daumen ließ mich im Stich. Nicht ohne Enttäuschung sank ich in traumlosen Schlummer.

Es war gegen ein Uhr Nachts, als ich schreiend hochfuhr in der Düsternis des Zimmers, vom Grausen der Gewissheit geschüttelt, dass mich ein rüdes Pressen gegen die Stirn geweckt hatte.

Mein Arm ruderte nach der Nachtlampe, die Hand fand den Schalter nicht. Aus der Finsternis schälten sich Bewegungen. Das schwarze Rauschen rings um mich strukturierte sich. Ein verschattetes Netz, wie Risse im Eis, durch deren Spalten hier und da Licht dringt. Was mich umgab, war nicht mehr nur Schwärze, sondern ein wogendes Gewebe aus Rissen in der Dunkelheit. Da und dort lösten sich Lichtfetzen und krochen wie Finger durch die Spalten. Endlich erreichte ich den Lichtschalter, zögerte aber. Was würde ich ertragen zu sehen? Optische Täuschungen in der Dunkelheit oder erschreckende Realität? Der Schalter klickte, das Schlafzimmer war da, nichts weiter.

Die Abende verliefen nun anders. Erinnerungen waren geweckt und die Schlaflosigkeit kehrte zurück. Ich verbrachte die Nächte bei brennender Lampe. Was ich verdrängt hatte, pochte am Tor des Bewusstseins. Meine Gedanken bedurften der Ordnung, um das Grübeln vernünftigeren Bahnen zuzuführen. Ich erinnerte mich an die alten Bücher, die noch immer dort unten im Keller dämmerten. Vielleicht konnte mich etwas Lektüre davon überzeugen, wie lächerlich das übersinnliche Zeug schon damals gewesen war. Ich ging nach unten und holte die okkulten Schwarten aus dem dunklen Winkel im Souterrain. Dann platzierte ich sie auf dem Schreibtisch, wo sie liegenblieben. Sie aufzuschlagen, fehlte mir womöglich der Mut.

Henry kam in diesen Tagen auf einen seiner spontanen Besuche bei mir vorbei, die so unregelmäßig wie ungelegen kamen und bemerkte den Stapel merkwürdiger Bücher. Er griff sich das Erste, das ihm unter die Hände kam und pfiff halblaut durch die Zähne.

"Wer hätte dir das zugetraut..."

"Zu Studienzwecken."

Er blätterte weiter.

"Wie man Seelen von Toten ruft. Junge, Junge."

"Klapp es zu und leg es weg. Ich bin gleich wieder bei dir, dann gehen wir ins Kaffeehaus."

"Warum nicht bleiben? Du hast hier interessantes Spielzeug."

"Du sagst es. Albernes Spielzeug, du wirst dich schnell daran langweilen."

"Langeweile ist das einzige, wovon ich niemals genug bekomme. Und wie sich zeigt, hast du eine Menge davon zu bieten."

"Ich verspreche dir, im Kaffeehaus findest du mehr davon. Karl ist von seiner Reise zurück."

"Karls Reisegeschichten wären heute zu aufregend für mich. Und wozu die Umstände? Hier bei dir finde ich den bei weitem erstaunlicheren Ennui vor. Wie sagt dein Wälzer: Man stürze das Glas verkehrt auf die Tischplatte inmitten des Buchstabenkreises. Sei nicht faul, hol Stift und Papier. Ach ja, und ein Glas, das ich leeren kann, bevor wir es stürzen."

"Diesen albernen Aberglauben kann kein Mensch ernst nehmen."

"Dem Albernen sollten wir stets mit feierlichstem Ernst begegnen. Um so wichtiger daher, dass wir uns buchstabengetreu an diese Gebrauchsanleitung aus der Hölle halten."

"Du weißt noch gar nicht, wie wenig du das willst."

"Ach Griesgram, schon wieder diese unlustige Laune. Höchste Zeit, dass du etwas erlebst. So wahr mein Name Lord Henry Wotton ist, werden wir deinen obskuren Schriften heute Abend entlocken, was hinter der grauen Theorie steckt."

"So spricht ein armer Ahnungsloser."

"Wir müssen befürchten, dass bald der traurige Rest deines Humors deiner Beerdigung als alte Jungfer beiwohnt."

"Dann gestatte mir einen letzten Wunsch und begleite den Moribunden ins Kaffeehaus."

"Für heute lass mich dein Arzt sein. Ich verordne dir häusliche Ruhe und eine langweilige, altmodische Séance. Vielleicht beenden wir so dein Dasein als lebender Toter. Seit wann habe ich übrigens die Ehre deiner Bekanntschaft?"

"Wenn ich es recht bedenke, weiß ich das nicht mehr. Insofern, seit ich denken kann."

"Genug Zeit also, um etwas Vertrauen in mich zu setzen."

"Deine Bekanntschaft versetzt mich jedenfalls in die Lage, auf eine solche Behauptung eine Antwort deiner Manier zu bieten: Vertrauen entsteht nicht in der Zeit, sondern im Augenblick einer neuen Bekanntschaft."

"So spricht der Mann, der sich nicht an unsere erste Begegnung erinnert. Aber nicht doch, es ist gut so. Ich danke der Vorsehung, dass unsere erste Begegnung aus deinem Gedächtnis getilgt ist. Und nun lass uns diesen Tisch abräumen, wir werden ihn seiner eigentlichen Bestimmung zuführen. Nein, besser, seiner Letzten Bestimmung, haha."

Im Grunde beneidete ich Lord Henry um seine Leichtigkeit in allem. Gut, er sollte seine Mummenschanz-Séance erleben. Ohne den rechten Ernst bei der Sache würde sich das Glas ohnehin keinen Millimeter weit bewegen.

Seance-conta

Über den Tisch breiteten wir einen Papierbogen aus, den Henry  liebevoll mit einem Kreis kalligraphisch-schmuckvoller Buchstaben versah, während ich zwei Drinks mixte. Dazu ein Extraglas für den Geist, dem ich den Eintritt jedoch verwehren würde. So saßen wir uns denn gegenüber. Draußen ging die Sonne unter.

"Was machen wir nun?", blinzelte Henry lächelnd durch das dunkle Zimmer.

"Jeder von uns legt einen Finger auf das Glas in der Mitte."

"Wie der Meister befiehlt. Und nun?"

"Du hast nicht sehr aufmerksam in dem Buch gelesen, nicht wahr?"

Henry's Antwort überraschte mich: "Geist, wenn du da bist, so gib uns ein Zeichen."

"Du bist begabt, Henry."

"Ich trage mich mit dem Gedanken, dies zu meiner Profession zu machen", verkündete er mit gespieltem Ernst.

Wir wiederholten abwechselnd die Anrede an die Toten, jedoch ohne Reaktion, ganz wie ich es erhofft hatte.

"Wie du siehst, Henry, müssen wir uns wohl damit abfinden, dass dieser Aberglaube nicht funktioniert."

Henry's Gesichtszüge wurden hart. Über den Tisch blickte er mich an und versetzte:

"Jean, du lässt es an aufrichtigem Ernst für die Sache fehlen. Vielleicht bequemst du dich, unser kleines Ereignis nicht fortwährend zu sabotieren".

"Du siehst das ganz richtig. Ich möchte gar nicht, dass sich etwas ereignet."

"Du glaubst selbstverständlich, mir einen Gefallen damit zu tun?"

"Nein Henry, ich weiß es."

"Wir spielen hier kein Spiel mehr, Jean!"

Ich war irritiert.

"Ich vermisse deine vertraute Leichtigkeit, Henry. Du hast mir bislang einen anderen Eindruck vermittelt."

"Ich weiß, welchen Eindruck ich auf dich gemacht habe, Jean."

"Wie es scheint, nimmst du mir die Sache mit unserer ersten Begegnung übler, als du zugeben möchtest."

"Unsere Bekanntschaft ist gravierender, als du dir eingestehst. Du warst nie verwundert über meine Anwesenheit. Du hast auch keine Fragen gestellt."

"Vielleicht war ich ein wenig mehr mit mir selbst beschäftigt. Da waren Dinge, die ..."

"... die verdrängt werden mussten", fuhr Henry für mich fort. "Da drin, hinter deiner Stirn, zwischen deinen Augen, spielt sich ein Kampf ab. Ein existentielles Ringen könnte man es nennen. Deshalb hast du mich niemals gefragt, woher ich komme und wie ich in dein Leben trat. Du liebst meine Anwesenheit nicht immer. Oft leidest du mein Hiersein nicht einmal."

"Henry, das..."

"Du spielst tagelang mit eingebildeten Kreationen deiner Gedanken und redest dir ein, mit dir allein zu leben."

"Aber jetzt bist du hier."

Ich zögerte, Konsequenzen zu ziehen, nein, ich war verwirrt. Henry's Ton kühlte sich ab.

"Ich bin hier, Jean, seit du mich gerufen hast. Ich folgte deinem Ruf für einen Abglanz von Leben, den Bruchteil meiner einstigen Existenz, für ein Entkommen aus dem schwarzen Nichts."

Mir wurde schwindlig.

Henry fasste mich fest in seinen erkalteten Blick: "Du weißt, wann wir uns zum ersten Mal begegneten."

Seine Augen wanderten starr über unser Arrangement auf dem Tisch. Das Glas glitt ohne eine Berührung über die Buchstaben. Ich verfolgte es fassungslos. Die Buchstaben bildeten ein "HIER". Mir wurde übel. Henry's Gesicht war so eisig und weiß. Er stand auf, nein, er wuchs empor, ging steif um den Tisch und blieb vor mir stehen.

Seance

"Heute Nacht", flüsterte Henry und legte mir den Daumen auf die Stirn. Dieser materielose Druck zwischen meinen Augen. Er verstärkte sich bis unter meine Schädeldecke. Ich wollte zurückweichen, aber meine Stirn und Henry's Hand wurden eins.

"Diesmal", hörte ich Henry's Stimme, "versagst du mir nicht den Eintritt in ein neues Leben."

Unter Henry's kalter Hand, im Strudel meiner Gedanken, die nichts mehr begriffen als die Auflösung meines eigenen Ichs, riss ich das Glas vom Tisch und schleuderte es gegen die Wand, wo es zerklirrte in tausend Scherben, die wie tausend Geschosse meine Realität durchschlugen, mein Gehör, mein Empfinden. Wie lange saß ich noch da, verwirrt und allein an meinem Tisch? War es noch dunkel oder schon wieder hell?

Diese wahnsinnige Nacht muss ich vollständig aus meinem Leben verbannen. Ich muss meine Gedanken ordnen, die Bücher in den finstersten Winkel meines Kellers werfen. Ich muss das alles hinter mir lassen.

Jean Floressas Des Esseintes

* Was auch immer das Maß überschreitet, hängt an einem unsicheren Ort in der Schwebe.

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